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Exchange Students erzählen Deshalb ist Deutschland bei Auslandsstudenten so beliebt

Neben den USA und Großbritannien ist Deutschland das Lieblingsland der Auslandsstudenten. 350.000 Studierende, allein im Jahr 2017, sagt die Statistik. Unsere amerikanische Reporterin Martha Dalton hat verschiedene Exchange Students getroffen und sie gefragt, warum sie sich für Deutschland entschieden haben.

Von: Martha Dalton

Stand: 23.10.2019

Die LMU in München | Bild: picture alliance / Robert B. Fishman

Jessie Su ist auf dem Weg zu ihrer Vorlesung an der TU München. Sie hat es eilig, denn: Die Anmeldung beim Bürgeramt hat länger gebraucht als sie dachte, und die Uni ist vom KVR auch nochmal eine gute Strecke entfernt. Jessie muss sich beeilen. Aber sie weiß nicht, wo die Uni ist. „I think we have to take the U-Bahn I guess”, sagt sie. Anders als an ihrer Uni ist hier nicht alles am selben Ort. Das führt zu Schwierigkeiten, weil Jessie sich noch nicht sehr gut zurechtfindet.

Jessie kommt aus Taiwan. Sie spricht kaum Deutsch, deswegen studiert sie auf Englisch. Aber: Warum in einem Land studieren, dessen Sprache man nicht spricht? Weil deutsche Unis umsonst sind? Das ist für Jessie nicht Grund Nummer eins. Sie sagt, sie habe einen Deutschen Freund, der nach Taiwan gekommen ist und ihr viel von Deutschland erzählt hat. „Beers and Sausage, i really like them“, sagt sie. Also entscheidet Jessie sich, nach Deutschland zu kommen.

Auslandsstudium? Neuer Campus und Visa-Problematik

So ist Jessie dem Ruf von Bier und den Würsten gefolgt, von denen ihr deutscher Freund erzählt hat, und ist nun für ein Semester hier – um Medizin zu studieren. Von der U-Bahn macht sie sich auf zur Vorlesung „Wohnen als Student“. Aber die ist nicht leicht zu finden. Der Campus ist für sie komplett neu.

Austauschstudentin Jessie Sue auf dem Oktoberfest in München

Trotz Smartphone, findet sie den Weg nicht. Sie fragt bei der Uni nach, nach einer halben Ewigkeit hat sie den Saal im ersten Stock in einem von vielen TU-Gebäuden gefunden. Die Folge: Sie ist viel zu spät und muss auf der Treppe sitzen. Der Dozent erklärt gerade wie das Campus-Leben so ist. 

Es überhaupt nach Deutschland zum Studieren zu schaffen, ist oft mit Hürden verbunden, sagt Faggen dePlan. Er arbeitet für den Bundesverband Ausländischer Studierender und weiß um die große Visa-Problematik. „Das kann zu Problemen führen bevor sie überhaupt erst in Deutschland ankommen, wenn es zum Beispiel eine Verspätung gibt und den Studierenden nicht mal gesagt wird warum“, erklärt dePlan.

Und er sagt außerdem, dass viele ausländische Studentinnen und Studenten gesetzlich zur Sicherheit Bankkonten einrichten mussten, mit mindestens 10.000 Euro drauf. Da gibt es wegen der Sprachbarrieren oft arge Missverständnisse. Ein anderes Problem, was auf die Studierenden zukommen könnte, ist die Suche nach einem Praktikum, dePlan sagt: “Oft müssen die Studierenden ein Praktikum machen, weil es Teil des Studien-Plans ist, da ist es sehr schwer ein Unternehmen zu finden, das einen einstellt.“

Deutsche Bürokratie erschwert Situation für ausländische Studenten

Nach der Vorlesung, bildet sich eine Traube an Studierenden im Uni-Flur. Jessie muss sich noch mit ein paar Freunden austauschen, und ich beschließe die anderen ausländischen Studis hier zu befragen. Da treffe ich Huy Nguyen, der nach Deutschland kam, weil er von der westlichen Kultur fasziniert ist.  

Exchange Students sind mit vielen bürokratischen Schritten konfrontiert, auch an der TU in München.

Obwohl ihn München begeistert, ist das Umgewöhnen nicht einfach. Vor allem Formalitäten und Bürokratie belasten Huy. „Everything is really strict“, sagt er. Es geht bürokratisch zu in Deutschland, und nichts geht ohne Termin. Wie die meisten internationalen Studenten ist Huy gleichzeitig froh aber auch aufgeregt hier zu sein.

Rasheed geht es da ziemlich ähnlich. Er kommt aus Ghana und ist hier, um seinen Master zu machen. Deutschland hat er sich aufgrund der hohen Bildungsstandards ausgesucht. Trotzdem fehlt ihm oft noch ein Gemeinschaftsgefühl hier, Westafrikaner wie er seien selten hier, meint er. Das mache die Dinge nicht gerade einfacher.

Pluspunkt Freundlichkeit

Für Michelle Rotuno Johnson lief alles etwas leichter ab. Die US-Amerikanerin ist hier, um einen Abschluss in Journalismus zu machen. Alle waren super freundlich hier, aber das von A nach B kommen ist nicht so easy, wenn man sich statt mit dem Auto mit den Öffis rumschlagen muss. Trotz dieser Vorbehalte zieht es immer mehr Student*innen hier her. Deutschland ist momentan das nicht-englischsprachige Land mit den meisten sogenannten Bildungsausländern auf der Welt. Nur in den USA, Australien und im Vereinigten Königreich gibt es mehr. 

Zurück im Uni-Flur der TU München. Alle Studierenden hauen jetzt in die Mittagspause ab, inklusive Jessie. Bevor sie auch weg ist, erzählt sie mir noch worauf sie sich in den kommenden Monaten in Deutschland besonders freut. Überraschung: Es dreht sich nicht um sausages und beer: „Winter sports. That is something I really look forward to“.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Journalistenaustauschprogramms „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts und des Deutschlandjahrs USA unter dem Motto „Wunderbar Together“. Die US-amerikanische Journalistin Martha Dalton von WABE (NPR) hat uns einen Monat in der Zündfunk-Redaktion besucht, während unser Kollege Malcolm Ohanwe einen Monat in Atlanta von WABE (NPR) verbringen wird. Weitere Informationen zur Nahaufnahme finden Sie unter www.goethe.de/nahaufnahme und unter #GoetheCloseUp sowie #WunderbarTogether.“


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