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"Der vermessene Mensch" Dieser Kinofilm zeigt den deutschen Genozid an den Herero und Nama

Es ist eines der dunkelsten Kapitel deutscher Kolonialgeschichte: Der Völkermord der Deutschen im heutigen Namibia. Lars Kraume hat den ersten deutschen Film gedreht, der dieses Verbrechen thematisiert.

Author: Florian Fricke

Published at: 23-2-2023

Studentengruppe vermisst Schädel an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin | Bild: Studiocanal GmbH / Julia Terjung

"Der vermessene Mensch" beginnt im kaiserlichen Berlin, mit dem angehenden Ethnologen Alexander Hoffmann. 1896 bekommt er die Chance, eine Gruppe von Herero zu treffen und zu erforschen, die in einer sogenannten Völkerschau im Treptower Park ausgestellt werden. Hoffmann verliebt sich in Kezia Kambazembi, die von ihm zu rassistischen Forschungen unter Tränen vermessen wurde. Sie bleibt reserviert. Die Delegation der Herero und Nama reist danach angewidert ab.

"Rauben, Ausstellen, Zerstören"

Regisseur Lars Kraume hat sich für den Film auf Spurensuche begeben. Es habe tatsächlich eine Delegation von Herero und Nama in Deutschland gegeben, erzählt Kraume: "In dem Glauben, dass hier eine Art Kulturaustausch stattfindet, dass sie vielleicht Gelegenheit haben, diplomatische Kontakte zu knüpfen, sind sie auch vom Kaiser empfangen worden."

Im Film bekommt Ethnologe Hoffmann Jahre später die Chance, das deutsche Expeditionsheer, das den Aufstand der Herero und Nama auf dem Gebiet des heutigen Namibia niederschlagen soll, als Wissenschaftler zu begleiten. Er wird Zeuge der unmenschlichen Praktiken der kaiserlichen Truppe und verstrickt sich immer mehr in moralische Widersprüche. "In dem Moment, in dem sie erforschen", sagt Regisseur Kraume, würden die Forscher gleichzeitig beginnen, den Völkern zu schaden, "weil sie eindringen in diese Kulturen, rauben, ausstellen, zerstören."

Ein Großteil des aufwendigen Films spielt an Originalschauplätzen in Namibia. Lars Kraume hat direkt nach der Unabhängigkeit 1990 das Land zum ersten Mal bereist und will seitdem über dieses dunkle deutsche Kapitel aufklären. Dieses didaktische Bestreben merkt man dem Film an. Die Hauptfigur des Ethnologen ist so konstruiert, dass sie an allen wichtigen historischen Stationen zugegen ist, zum Beispiel auch, wenn General Lothar von Trotha den Befehl zum Völkermord gibt.

Vor der Deutschland-Premiere läuft der Film in Namibia

Seiner ethischen Verantwortung vor Ort war sich Lars Kraume jederzeit bewusst: "Girley Jazama, die Herero-Schauspielerin, die die weibliche Hauptrolle spielt, erzählte immer wieder, dass es durch die Dreharbeiten einen Anlass gab, über diese Familiengeschichte zu reden. Und deshalb ist es die ganze Zeit kompliziert, so einen Film zu machen, das geht hin bis zu jeder Einstellung. Wie filmt man denn, wenn Soldaten zwei Herero hängen? Wie dramatisch, wie sachlich dreht man das überhaupt?", so Kraume.

Noch vor Fertigstellung des Films wurde er Angehörigen der Opfergruppen vorgeführt, um ihre Meinung einzuholen. Auch die von Israel Kaunatjike, der die Diskussion um die Schädel, die immer noch in Deutschlands Museen lagern, vor Jahrzehnten noch als Student angestoßen hat. Nach der Premiere auf der Berlinale wird der Film mit einem mobilen Kino in Namibia durch die Herero-Gebiete touren.

"Der vermessene Mensch" hat das unverkennbare Anliegen der historischen Aufklärung, dem er bestmöglich nachkommt. Was dem deutschen Film oft und zurecht vorgeworfen wird, hier darf er das.

Ab 23. März 2023 im Kino.