Bayern 2 - Zündfunk


10

Anonymous Der Teenager, der die Groko geofflinet hat

2015 stürmt die Polizei ein Kinderzimmer in Gießen. Das Ziel: Ein 17-Jähriger, der Webseiten von SPD und CDU angegriffen hat - und dem Hacker-Netzwerk Anonymous angehört. Der fragliche Teenager heißt Kevin - und erzählt heute im Zündfunk seine Geschichte.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 13.05.2019

Frühjahr 2014. Kevin ist 16 - und in einer Phase, die er selbst als "Klischee" bezeichnet. Heißt: Er hat wenig soziale Kontakte - der Großteil seines Lebens findet online statt - an der X-Box und am PC. Er hat sich "einfach wohlgefühlt in so einer Welt wo man sein kann wer man ist", sagt er im Gespräch mit dem Zündfunk. Und fügt hinzu: "Wer man sein will eher."

Mythos Anonymous

Was will der Teenager Kevin sein? So genau weiß er das selber nicht - bis er im Fernsehen einen Bericht über das Hacker-Kollektiv Anonymous sieht. Hierarchiefrei, omnipräsent und scheinbar übermächtig - im Jahr 2014 ist Anonymous überall. Die Medien verkaufen die Gruppierung als unabhängige Robin Hoods im Internet: Die Aktivisten legen Webseiten lahm, klauen Daten, veröffentlichen Dokumente - und sind einfach verdammt cool. Zumindest in den Augen von Kevin. Der ist zwar kein Crack, aber er kennt sich im Internet aus - und hat nach 20 Minuten einen IRC-Server gefunden, auf dem sich Anonymous-Mitglieder austauschen.

Erst hängt Kevin einfach im Chat ab, dann versucht er auf sich aufmerksam zu machen, "Eindruck zu schinden". Und es funktioniert: Innerhalb von ein paar Wochen ist er ein Name auf dem Server. Mit manchen Usern schreibt er täglich - über alles Mögliche, nicht nur Anonymous-Aktionen. Und das obwohl er keine Ahnung hat, wer hinter dem anderen Usernamen steckt.

Vom IS zur Groko

Dann kommt die erste große Aktion: "Operation ISIS". Kevin ist einer der Anonymous-Mitglieder, die gegen die Rekrutierungsmaschine des IS kämpfen. Die Terroristen nutzen Social Media, Websites und Foren um Anhänger zu gewinnen – und Kevin hält dagegen. Er spürt Seiten und Profile auf, meldet sie, sammelt Informationen. Es gefällt ihm, dass er etwas Gutes tut. Aber nicht alle Ziele sind so eindeutig böse wie der IS. Und im Januar 2015 hat er sein nächstes Ziel im Blick: Die große Koalition diskutiert gerade über die Vorratsdatenspeicherung - und Datenschutz ist eines der Lieblingsthemen von Anonymous-Mitgliedern.

"Da hab ich gemerkt, da ist Aufmerksamkeit zu holen", sagt Kevin heute. Und als Teenager und Anonymous-Mitglied war er vor allem darauf aus. "Ich hab dann kurz gesprochen Webseiten der SPD und der CDU angegriffen." DDOS-Attacken nennt man das, was Kevin da macht. Er nutzt ein Netzwerk aus Computern und bombardiert die Websites mit so vielen Anfragen, dass sie zusammenbrechen und offline gehen.

Das funktioniert auch - für ein paar Tage sind diverse Seiten von SPD und CDU offline, darunter die von Sigmar Gabriel. Nur scheint das niemand zu bemerken, ein Medien-Echo gibt es zumindest nicht. "Anscheinend lesen die Leute nicht mehr so viel die SPD-Parteiprogramme", lacht Kevin. Aber natürlich hat es doch jemand mitbekommen. Denn ohne dass Kevin es vermutet, wird gegen ihn ermittelt.

Polizei im Kinderzimmer

Ein paar Monate später schlägt das BKA dann zu: "Ich wollte gerade mit meiner Mutter einkaufen und bin grad schon mit ihr rausgelaufen. Und auf einmal kamen so sechs, sieben Männer mit Waffen am Halfter, haben mich umzingelt und gesagt: 'Bist du Kevin Dylla?' Ich so: 'Ja.' Und sie: 'Wir haben hier einen Durchsuchungsbefehl wegen Verdacht der Computer-Sabotage.'"

Das BKA stellt die Wohnung auf den Kopf, beschlagnahmt alle Elektronik, auch Kevin wird befragt. “Polizei schnappt Groko-Hacker” heißt es bei der Tagesschau (als der Nerd, der er nunmal ist, weist Kevin heute darauf hin, dass seine Tat nichts mit Hacken zu tun hatte). Trotzdem: Kevin kommt mit einem blauen Auge davon - nach seiner Verhandlung darf er einfach gehen. Die Richterin sieht in ihm kein kriminelles Genie - sondern einen Teenager, der einen Fehler gemacht hat. Andere Teenager crashen vielleicht das Wohnzimmer ihrer Eltern - Kevin crasht halt die Website der SPD.

War Anonymous nie mehr als der Mythos?

Drei Jahre ist die Verhandlung jetzt her. Bei Kevin hat sich viel getan seitdem – er macht eine Ausbildung zum Informatik-Assistenten. Mit Anonymous hat er nichts mehr zu tun. Und genauso wie Kevin heute keine Schlagzeilen mehr macht, macht Anonymous auch keine mehr. Aber es nicht nur so, dass die Gruppe nicht mehr das ist, was sie mal war. Kevin meint, viel von dem, was Leute mit Anonymous verbinden – der aufrechte Kampf für das Gute – habe so nie wirklich existiert.

"So im Nachhinein wo ich rausgefunden mit wem ich geschrieben habe... Der eine, mit dem ich damals geschrieben habe sehr oft, hat sich im Nachhinein als Nazi herausgestellt, der eigentlich nur etwas gegen Muslime hatte. Das war leider auch bei vielen anderen der Grund-Motivator, überhaupt etwas gegen den IS zu machen und da hat man damals nicht so hingeguckt, wie man eigentlich hätte hingucken müssen."

Heute sind immer noch zahlreiche Seiten in den sozialen Medien aktiv, die behaupten, Anonymous zu sein. Streng genommen haben sie nicht Unrecht: Weil Anonymous nicht organisiert ist, gibt es auch keine Organisation, die Seiten als "offiziell" deklariert. Einige von ihnen haben sich mittlerweile auf rechten Content spezialisiert. Auf Kevins altem Server ist nichts mehr los. Selbst wenn er nochmal in seine alte Welt zurückkehren wollen würde, er könnte es nicht.

Kevins komplette Geschichte (und andere Internet-Abenteuer) gibt es in unserem Podcast Hier nur privat.


10