Bayern 2 - Zündfunk


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Rob Halford von Judas Priest "Alle wussten, dass ich schwul bin - in der Band gab es keine Homophobie"

Judas Priest sind die älteste aktive Heavy Metal Band der Welt. Die persönliche Geschichte von Sänger Rob Halford ist weniger bekannt. Er war der erste offen schwule Weltstar im Heavy Metal. In seiner Autobiografie bekennt Rob Halford alles, offen und ehrlich. Eine Begegnung.

Von: Matthias Hacker

Stand: 12.03.2021

Judas Priest haben Musikgeschichte geschrieben und ihre Hits wie "Breaking The Law" oder "Living After Midnight" haben sich millionenfach verkauft. Die persönliche Geschichte von Sänger Rob Halford ist weniger bekannt. Er war der erste offen schwule Weltstar im Heavy Metal. Auf der Bühne ein Heavy Metal Gott, ein Showman, ein Priester, der den Heavy Metal predigt. Privat, zuhause im Schlafzimmer, war Halford über Jahrzehnte hinweg ein frustrierter Mann, der seine Homosexualität verbergen muss und daran beinahe stirbt. In seiner Autobiografie „I confess - Ich bekenne“ erzählt er von seinem Leidensweg, Weltruhm und der Erlösung.

Zündfunk: Mr. Halford, sie haben jahrzehntelang ihre Homosexualität nicht offen leben können. Während sie ein Heavy Metal-Star wurden und ein hartes Männerbild pushten, waren sie privat sehr frustriert. Es hat sie sogar zu einem Selbstmordversuch getrieben. Wieso haben sie es nicht mal bei Judas Priest an- oder ausgesprochen?

Rob Halford: Ich dachte mir: Damit muss ich einfach selber klarkommen. Sie sind heute noch wie Brüder für mich. Aber am Ende ist die Band auch ein Job, es ist unser Business. Das ist wie ein zweites Leben. Ich habe mir damals gesagt, du darfst das nicht vermischen. Alle in der Band wussten, dass ich schwul bin. Das war Fakt. Es war wirklich ein Segen, dass sie nie was dagegen hatten. In der Band gab es keine Homophobie. Sie haben das einfach akzeptiert, sagten 'Du bist ein geiler Sänger, ein super Frontman. Dann mach einfach deinen Job'.

Vereinzelt haben sie ihre Homosexualität aber schon in Songtexte einfließen lassen. Ziemlich eindeutig im Song "Raw Deal". Hier geht es ja schon um schwule Männern beim Feiern auf Fire Island bei New York, oder?

Raw Deal – ich weiß nicht mal mehr, wo ich die Story aufgeschnappt hatte. Ich hab's wahrscheinlich in einem Londoner Schwulen-Magazin gelesen. Ich war nie selbst auf Fyre Island. Irgendwie kamen die Lyrics spontan aus mir raus. Ich habe sie den anderen vorgesungen und sie dann: "Das ist eine coole Story." Sie haben nicht gefragt: Um wen oder was geht’s da wirklich? Nein, sie haben es einfach angenommen und meinten: "Das passt super zum Sound!" Von allen Songs, die ich für Priest geschrieben habe, ist "Raw Deal" definitiv der, wo es am eindeutigsten um Schwule Männer geht. Schwule Männer, die Urlaub machen und eine gute Zeit haben. Aber in der Öffentlichkeit hat niemand das Coming-Out erkannt. Es war ein Hilferuf, der verstummt ist.

Ihre sexuelle Frustration steigt genauso stark an, wie ihr weltweiter Bekanntheitsgrad. Wieso kamen Judas Priest besonders in Deutschland von Anfang an so gut an?

Oh ja, die fantastischen deutschen Metal-Maniacs. Sie waren von Anfang an dabei. Bei Judas Priest und der ganze Metal-Bewegung. Ich erinnere mich an den Zoom Club in Frankfurt. Da gabs immer guten Metal. München, Hamburg, Hannover – überall. Damals gab es ja noch keine Handys oder Youtube und Tiktok. Aber überall schrieben die Musikzeitschriften: "Judas Priest – diese neue britische Heavy Metal Band - die müsst ihr euch geben! Die sind verdammt gut!" Die frühen Erinnerungen sind die besten – gerade wenn ich an Deutschland denke.

Viele lesen den Lack- und Lederlook von Judas Priest heute so, dass sie damals schon ihre homoerotische Seite ausgelebt hätten. War das so?

Dieser wunderbare Aspekt der schwulen Kultur hat mich persönlich nie angeturnt. Aber die Überschneidung fand ich super. Wir haben uns da einfach hinentwickelt als Band. Das Image ist wichtig und es verwandelt sich ja auch ständig. Schau dir den Song "Hellbent For Leather" an – wenn ich mit dem Motorrad in Bikerkluft auf die Bühne fahre. Das ist einfach stark. So schaut Metal aus. Und es hat eine ganze Mode ins Rollen gebracht. Wir haben schnell gemerkt: Wenn wir alle in diesem speziellen Look auftreten, dann erzählt das eine Geschichte. Nach dem Motto: Schaut euch verdammt nochmal die an! Das ist Heavy Metal. Das wurde so ein krasser Style, viele Bands in Europa und vor allem den USA haben ihn übernommen. Die haben alle plötzlich Leder angehabt und Nietengürtel und den ganzen Schnickschnack. Ich bin mächtig stolz drauf, dass diese Metal-Tradition auf Judas Priest zurückgeht.

Sie beschreiben in ihrem Buch "Ich bekenne" auch den Weg anderer schwuler britischer Musikstars: Elton John, Freddie Mercury und George Michael. Wie genau sehen die Parallelen aus?

Gerade bei Elton und mir ist es doch schon eine ähnliche Reise. Ich hab seinen Film "Rocketman" gesehen - und mich in all seinen Geschichten wiedererkannt. Es ist doch so: Ich bin der Metal God und er ist der Rocket Man. Freddy dagegen war sehr zurückhaltend, er hat immer gesagt: meine sexuelle Orientierung geht euch nichts an. Das ist persönlich und privat und ich respektiere das. Es ist ein Dilemma, wenn du berühmt bist. Ein Teil von dir sagt, dass du aufstehen musst und dich für die Community einsetzen solltest. Ich tue das, sobald ich es für mich vertreten kann. Aber ich bin kein Aktivist. Das können andere viel besser. Aber da gibt es so viele Parallelen in unseren Geschichten. Wenn man nur an George Michael denkt: Er in Beverly Hills und bei mir war's in Venice Beach. Das war so gefährlich und gleichzeitig so traurig, dass wir offenbar beide soweit gehen mussten, um ein bisschen Intimität zu kriegen. Wir schwulen Musiker, die wir berühmt sind: Wir haben so viele gleiche Muster, so viele Parallelen.

1996 dann der große Schritt. Ihr Coming-Out live im Fernsehen bei MTV. Wie erinnern sie sich heute an diesen Moment?

Es war cool, weil ich es auch nicht geplant hatte. Ich bin nicht aufgewacht und hab gesagt: "Okay, heute sag ich der Welt, dass ich schwul bin". Es ist einfach ganz natürlich in dem Gespräch passiert. Ich hab nur gesagt: "Also ich als schwuler Mann kann ja sagen, dass blablabla..." und das war's. Ich bin stolz drauf, schwul zu sein und dieser Moment war einfach so rein und ungeprobt. Ich bin zurück ins Hotelzimmer und habe schon gar nicht mehr darüber nachgedacht. Da war die Geschichte aber schon in der ganzen Welt und auf allen Radiosendern. Es gab alle möglichen Reaktionen: Von "Ey Mann, wir habens doch alle schon lange gewusst" bis hin zu "Oh mein Gott, das ist wundervoll", aber auch "Ich hasse dich, ich verbrenne all deine Platten". Eben die ganze Bandbreite an menschlichen Gefühlen. Und für viele war es auch eine Prüfung. Sie mussten sich fragen: "Wie gehe ich damit um und macht mich das homophob?" Es hat viele Frage aufgeworfen, aber viele haben es auch akzeptiert.

Das Interview ist ein Ausschnitt aus dem Zündfunk Playback. Mit einem Klick aufs Bild, startet ihr die komplette Sendung!


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