Bayern 2 - Zündfunk


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Generator Podcast Der Rassist in uns - Deutschlands verdrängtes koloniales Erbe

Spätestens mit dem Aufstieg der AfD ist Deutschlands Ruf als ehrlicher Aufarbeiter der eigenen Vergangenheit dahin. Eine wahre Black Box ist immer noch Deutschlands koloniales Erbe. Der Zündfunk Generator fragt sich, warum die Aufarbeitung der Kolonialverbrechen erst jetzt beginnt.

Von: Florian Fricke

Stand: 27.01.2020

Gunnar Schupelius, Kolumnist für das Berliner Boulevard-Blatt B.Z. schreibt im Januar 2020: „Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich mit den deutschen Kolonien zu befassen, auch wenn diese Geschichte mehr als 100 Jahre zurückliegt. Doch zeichnet sich jetzt schon ab, dass die Betrachtung einseitig sein wird. Eine offene Debatte scheint nicht möglich.“ Einseitigkeit in der Debatte heißt für Schupelius die Fixierung auf den Völkermord an den Herero und Nama und die Raubkunst in den deutschen Museen, die skandalöserweise nur noch „Raubkunst“ genannt werde. Schupelius macht sich Sorgen um andere Meinungen, die im Shitstorm untergehen würden, und führt ausgerechnet den kanadischen Historiker Bruce Gilley an: „Als er im Dezember im Reichstag eine Rede hielt, marschierten draußen linksextreme Demonstranten.“

Was Schupelius verschweigt: Bruce Gilley war auf Einladung der AfD im Bundestag und hatte sich für seine 2017 veröffentlichten reaktionären „Es war doch nicht alles schlecht“-Thesen bereits einen akademischen Shitstorm eingefangen. Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte an der Universität Hamburg, fragt zurecht: „Wie verrechnen Sie versklavte und ausgebeutete Menschen mit gegrabenen Brunnen? Tote mit erbauten Eisenbahnkilometern?“

Die Folgen der deutschen Kolonialverbrechen sind bis heute zu spüren

Wie erfasst man überhaupt einen Völkermord? 80- bis 100.000 Menschen fielen dem Genozid an den Herero und Nama zum Opfer. Aber Zahlen reichen da nicht aus. Als 2003 der Comicautor Gerhard Seyfried seinen Debutroman „Herero“ veröffentlichte, nahm ich diesen Genozid das erste Mal bewusst wahr – aber viel mehr auch nicht. Er schien so weit weg, zeitlich, räumlich, und Betroffene kannte ich schon gar nicht. Das sollte sich ändern.

Im Sommer 2018 war ich bei der dritten sogenannten Gebeinerückführung zugegen, eine feierliche Zeremonie im Französischen Dom in Berlin. Das erste Mal erfuhr ich am Rande der Veranstaltung aus erster Hand, wie der Genozid über hundert Jahre später noch nachwirkt. „Wir sind die Überlebenden“, so Sima Luipert, eine Nama-Aktivistin aus Namibia: „Es gibt keine Familie unter den Herero und Nama, die nicht betroffen wäre.“ Sima Luipert hat selber einen deutschen Ur-Großvater, ihre Ur-Großmutter war Zwangsprosituierte. Solche Fälle gibt es Tausende.

Charlotte Wiedemann, Autorin des Buches „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“, beschreibt im Interview ihre persönlichen Eindrücke von der Zeremonie: „Was mich sehr berührt hat, war, dass der Schädel, auf den ich blickte, der hatte eine Nummer auf der Stirne. Diejenigen, die diese Schädel früher an sich genommen, also geraubt haben, haben sie auf diese Weise katalogisiert. Mir ist in diesem Augenblick so vieles bewusst geworden über den Zusammenhang von Kolonialismus und dem rassistischen Antisemitismus. Diese Art und Weise den Menschen ihre Namen zu nehmen und sie nur noch eine Nummer sein zu lassen. Und wenn sie erst einmal eine Nummer sind, ist es auch viel leichter, sie überhaupt nicht mehr als Menschen zu betrachten.“

Damals mussten viele Überlebende in die Nachbarländer fliehen, heute Botswana und Südafrika. Sie fühlen sich bis heute entwurzelt und haben keinen Bezug zu ihrer Stammesgeschichte. Die Herero treffen sich mittlerweile fünf Mal im Jahr an wichtigen Daten und Orten des Genozids und tauschen ihre Geschichten aus, die oft von unfassbarer Grausamkeit sind. Ihre Erinnerungskultur ist eine mündliche, die westliche Idee eines Museums ist ihnen fremd. So gesehen stellt sie das genaue Gegenteil zur unsrigen dar. Hier wurde und wird in den Familien weitgehend geschwiegen, die Nazi-Vergangenheit eher abstrakt verhandelt. Mit der Kolonialzeit sah das lange nicht anders aus. Was schert uns, was Kaiser Wilhelm mit seinem Drang zur Platz an der Sonne damals anrichtete?

Die deutsche Kolonialgeschichte ist schon mehr als 300 Jahre alt

Zumal es eine Kolonialgeschichte vor den Hohenzollern gibt: Als erstes Aktienunternehmen gilt die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie, gegründet 1682 im Auftrag des Großen Kurfürsten von Brandenburg. Ihr Kerngeschäft: Kolonialwaren und Sklaven, und Sklaven waren ja nichts anderes als eine weitere Kolonialware. In den 30 Jahren ihres Bestehens wurden 20.000 Sklaven gejagt und in die Neue Welt verkauft. Nachfahren finden sich heute in Rio, Barbados und New York.

Es gibt noch einen Grund, warum uns das Thema wichtig sein sollte: Historiker wie Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg weisen auf den Zusammenhang zwischen der deutschen Kolonialgeschichte und der NS-Herrschaft hin. Schon Hannah Arendt machte den Imperialismus und die in den Kolonien erprobten Konzepte von Rasse und Bürokratie als einen „Ursprung totaler Herrschaft“ aus. Die Vorstellung von Blutreinheit und der rassischen Überlegenheit und der Wille zum Massenmord – das war Anfang des 20. Jahrhunderts alles schon da.

Der erste Schritt einer umfassenden Dekolonialisierung wäre Empathie für die Opfer und ihre Nachfahren. Ein nächster wäre die Erkenntnis, wie 500 Jahre europäischer Kolonialgeschichte noch heute nachwirken, sei es in Straßennamen oder einem immer noch bestehenden Rassismus gegenüber nicht-weißen Menschen. Und nicht zuletzt, wie sehr die mörderische Kolonialzeit samt der rassistischen anthropologischen Forschung an den Schädeln ermordeter Herero und Nama der Shoah den Weg bereitete.  


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