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Podcast "Clanland" "Arabische Jugendliche werden aus denselben Gründen kriminell, aus denen auch Deutsche kriminell werden"

Kann der Familienname zum Fluch werden? Wer an arabische Clans in Berlin denkt, der assoziiert damit Kriminalität. Mohamed Chahrour will das ändern und leistet mit seinem Podcast "Clanland" Aufklärungsarbeit.

Von: Nabila Abdel Aziz

Stand: 07.07.2021

Mohamed Chahrour  | Bild: Mohamed Chahrour

Zündfunk: Du bist in einem arabischen Clan in Berlin aufgewachsen. Was ist das besondere daran?

Mohamed Chahrour: Was es besonders macht in einem Clan aufzuwachsen? Ist ehrlich gesagt schwer zu sagen, weil es für mich Normalität ist. Wenn ich jetzt zu meinem deutschen Nachbarn hingehen und ihn fragen würde, ja wie ist es denn aufzuwachsen in so einer deutschen Familie, dann würde er halt sagen ja, so wächst man halt auf.

Das Ding ist, dass man sich innerhalb des Clans auch in Kernfamilien organisiert. Von daher unterscheidet sich das jetzt – bis auf kulturelle Aspekte – nicht so wesentlich, als wenn man bei einer „normalen“ Familie aufwachsen würde. Aber klar – es gibt mehr Hochzeiten, mehr Beerdigungen. Man lernt immer wieder neue Familienmitglieder kennen. Da müsste ich jetzt eigentlich die Gegenfrage stellen: Wie ist es denn, nicht in einem Clan aufzuwachsen?

In Eurem Podcast sprichst Du davon, dass für jemanden der den Namen Chahrour trägt, ein normales Leben eigentlich gar nicht möglich ist. Du sprichst oft von einem „Fluch des Namens“. Ich hatte den Eindruck, dass viele Eurer Erfahrungen, unabhängig vom Clan, generell von arabisch oder muslimisch gelesenen Menschen geteilt werden. Was unterscheidet euch speziell? Was ist der konkrete Unterschied, wenn man heute zu einem Clan in Berlin gehört?

Die geben dir die Absage direkt mit der Begründung des Namens. Die fühlen sich da ganz frei. Also ich bin ja generell der Meinung, dass da auch ein versteckter Rassismus mitschwingt. Am Ausbildungsplatz sagen sie nicht zu mir „Hey, Du bist dreimal zu spät gekommen“, sondern schon im Vorfeld „Ja, das ist schlecht für unser Image. Können wir nicht machen“.

Und ist das auch der Grund, warum du mit dem Podcast angefangen hast? Dass ihr alle – aufgrund eines Namens – für die Missetaten einiger weniger verantwortlich gemacht werdet?

Ja, absolut. Vor allem hat man ja das Gefühl, dass einem Negatives sofort geglaubt wird. Wenn ich jetzt im Spaß sagen würde, ich bin der kriminellste Mensch der Welt, würde daraus sofort eine Titelseite gemacht werden. Wenn ich hingegen ernsthaft sagen würde, ich bin ein ehrlicher Bürger, würde das hinterfragt werden. Ich würde mir da in der journalistischen Arbeit wünschen, dass man da gleiches Maß ansetzt. Dass man kritisch bleibt, wenn ein kleiner Hamoudi auf der Straße sagt ‚Wir haben da ein Riesen Waffenarsenal, Bruder‘. Und das nicht als einzige Quelle nimmt, nur weil er den Namen trägt, sondern evidenzbasiert spricht und nicht alle über einen Kamm schert.

Ihr erzählt in eurem Podcast, dass viele Familien vor Gewalt nach Deutschland geflüchtet sind, jahrelang nicht arbeiten durften, sich von Duldung zu Duldung gehangelt haben. Und hier gibt es Kritik an eurem Podcast: Dass ihr Kriminalität nur mit sozialen Umständen und Migrationserfahrungen erklärt. Was sagst du dazu?

Ich frage mich, warum sich die Leute angegriffen fühlen, wenn man einfach Fakten benennt. Die sagen ihrerseits, sie benennen doch nur Fakten. Das tue ich aber auch. Ich habe keine Sekunde behauptet, es gäbe keine Kriminalität in der arabischen Community. Dann fragen die Leute, warum gibt es Kriminalität. Und dann gibt man denen eine Erklärung, und keine Rechtfertigung. Aber dann heißt es, ja, jetzt versuchst du Kriminalität zu rechtfertigen. Ja, was hätte ich denn sagen sollen? Hätte ich sagen sollen, ja das sind asoziale Leute, die sind so, und als Gott die erschaffen hat, hat er die in einen Topf geschmissen auf dem ‚Kriminalität‘ stand?

Wir versuchen einfach, Erklärungen zu geben. Und wir sagen ja auch, pass auf, es gibt nicht nur diese eine Erklärung. Und wir haben uns das auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Wir haben mit Kriminologen gesprochen, mit Anwälten, mit Polizisten. Und keiner von denen, deren Job es ist, sich mit Kriminalität auseinander zu setzen, hat mir sagen können: Das ist der eine Grund, deswegen werden die kriminell. Ich habe vor kurzem die Kritik gelesen: „Jetzt hat er immer noch nicht erklärt, warum arabische Jugendliche kriminell werden“. Erklär ich dir gerne: Arabische Jugendliche werden aus denselben Gründen kriminell, aus denen auch Deutsche, irische oder afghanische Jugendliche kriminell werden. Das ist ein Nebenprodukt dieser kapitalistischen Gesellschaft. Die wollen halt auch an dem wahren Reichtum teilhaben – und nehmen sich dann den dümmsten aller Wege, um daran teilzuhaben.

Euer Podcast war zeitweise der am meisten gehörte Podcasts in Deutschland. Wart ihr überrascht, dass es so erfolgreich war – und wie erklärt ihr euch das?

Ich glaube, die Leute haben so einen True Crime Podcast erwartet, und nicht das, was wir da letzten Endes gemacht haben. Und deswegen haben die Leute dann auch raufgeklickt. Die einen waren dann negativ, die anderen positiv überrascht und haben ihn weiter empfohlen. Weil es frischen Wind reingebracht hat.

Den Podcast "Clanland" gibt es in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt. Und hier könnt ihr den Bayern 2-Podcast-Entdecker-Newsletter abonnieren!


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