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Einer der wichtigsten Filme des Jahres „Wir dürfen nicht mehr wegschauen“ – Der mutige Film „The Tale“ erzählt die Geschichte eines Missbrauchs

Als erste große Liebe speichert die 13-jährige Jenny ihre Beziehung zu ihrem sehr viel älteren Sportcoach ab. Erst 30 Jahre später begreift sie, dass sie missbraucht wurde. Regisseurin Jennifer Fox hat ihre persönliche Geschichte als „Fictional Memoir“ verfilmt. Und mit „The Tale“ einen der wichtigsten Filme des Jahres gemacht.

Von: Christina Wolf

Stand: 22.08.2018

Jennifer (Laura Dern)  und ihr 13-jähriges Ich Jenny (Isabelle Nélisse) sitzen auf dem Boden einer öffentlichen Toilette (Szenenbild "The Tale)
| Bild: ZDF/Kyle Kaplan

„Die Geschichte, die Sie jetzt gleich sehen werden, ist wahr - soweit ich weiß.“ So beginnt „The Tale“. Die Hauptfigur des Films ist Jennifer – gespielt von Laura Dern. Jennifer ist Ende 40, hat eine Karriere als Dokumentarfilmerin und ein perfektes Privatleben inklusive Loft in New York und Traumpartner, gespielt von Rapper Common. Doch dann entdeckt Jennifers Mutter eine alte Geschichte, die ihre Tochter in der Schule geschrieben hat – und konfrontiert Jennifer mit der schockierenden Wahrheit: Das, was Jennifer als ihre erste Liebe zu ihrem Sportcoach abgespeichert hat, war nichts anderes als Kindesmissbrauch. Jennifer beginnt nun ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Erinnerungen zu prüfen.

„The Tale“ ist das Spielfilmdebüt von Regisseurin Jennifer Fox. Sie hat das Drehbuch geschrieben, den Film produziert -  und es ist ihre eigene wahre Geschichte, die sie darin erzählt: „Heute mit der Metoo-Bewegung und allem, was dadurch in Bewegung gekommen ist, klingt es völlig logisch, dass man so eine Story erzählen kann. Aber als ich vor zehn Jahren angefangen habe, den Film zu schreiben, hatte ich ganz einfach Angst, dass das Thema Kindesmissbrauch ein viel zu großes Tabu wäre. Zu überfordernd für Publikum und Medien. Ich dachte, meine einzige Chance diese Geschichte zu beschützen ist, wenn ich meinen Namen darin lasse. Weil ich Angst hatte, dass Leute sonst sagen: Das kann nicht wahr sein.“

Selbstbetrug – um zu überleben

Fox‘ Film erzählt komplex und unkonventionell. Zeigt uns zunächst, wie schön Jennifers Erinnerungen an den Sommer 73 und ihre Beziehung zu Trainer Bill sind. Bis sie plötzlich auf Stopp drückt – und uns die gleichen Szenen nochmal mit einer anderen, viel jüngeren Schauspielerin präsentiert. Und wir mit einem Schlag begreifen: Um zu überleben, hat sich Jennifer ihr ganzes Leben lang eine erfundene Geschichte erzählt. „Ich wollte nicht einfach einen Film über Missbrauch machen. Ich wollte herausfinden, warum und wie ich mir diese andere, so positive Geschichte zusammengesponnen habe. Irgendwann habe ich kapiert, dass der Film über Erinnerung geht. Ich hatte keine Ahnung mehr, wer dieses 13-jährige Mädchen war. Anfangs dachte ich: Klar kenn ich sie, das bin ja ich! Doch dann verstand ich: Ich bin erwachsen geworden, ich hab mich verändert. Und wenn sie mich jetzt treffen würde, würde sie mich hassen. Denn ich würde versuchen sie aufzuhalten“, so die Regisseurin.

Kampf um die Wahrheit

„The Tale“ erzählt wahrheitsgetreu, wie Jennifer versucht, Klarheit über das, was geschehen ist, zu bekommen, teilweise im Kampf gegen die eigenen Erinnerungen. Und lässt dabei schließlich die erwachsene Jennifer auf ihr 13-jähriges Ich treffen:
„- Du hast mich belogen. Du hast mir all die Jahre gesagt, dass es etwas Gutes war.
- Das war es ja auch! Du willst, dass ich mich wie ein jämmerliches Opfer fühle, aber das bin ich nicht.
- Du wirst nie heiraten, nie Kinder kriegen.
- Das will ich auch nicht. Ich bin echt nicht das Opfer, ich bin die Heldin.“

„Wir dürfen nicht mehr wegschauen“

Regisseurin Jennifer Fox

Isabelle Nelisse, die im Film die junge Jenny spielt, ist zu Beginn der Dreharbeiten elf Jahre alt. Und wird am Set von ihrer Mutter begleitet und von Therapeuten betreut. Doch für die eigentlichen Missbrauchsszenen wird sie von einer erwachsenen Schauspielerin gedoubelt, Isabelles Gesicht wird nur dazwischen geschnitten. Sie liegt nicht mal auf einem Bett, sondern lehnt sich stehend an ein vertikal aufgestelltes Bett. Ihre Haare werden breit aufs Kissen gepinnt, damit es aussieht, als ob sie liegt. Darauf weist der Film an Ende hin. Doch an der Schockwirkung der Szenen während des Films ändert das wenig. Jennifer Fox weiß natürlich, wie hart diese Szenen sind. Aber ohne sie hätte sie diesen Film nicht gemacht: „Ganz ehrlich, ich habe Filme satt, die einfach ins Schwarzbild blenden, sobald das Kind mit dem Erwachsenen durch die Tür geht. Die einzige Möglichkeit, um unsere Wahrnehmung zu verändern, ist: Die Leute müssen diesen ganz gewöhnlichen Horror von sexuellem Missbrauch sehen. Es gibt da so viele Lügenmärchen drüber. Beispielsweise: Vielleicht gefällt es dem Kind ja auch ein bisschen. Zumindest bei mir war dem nicht so. Wir sehen, wie schlimm es war. Dass ich mich jedes Mal danach übergeben musste. Wir dürfen da nicht mehr wegschauen.“

Stehende Ovationen, zwei Emmy-Nominierungen

Damit der Film möglichst viele Menschen erreicht, hat sich die Regisseurin entschieden, „The Tale“ nicht altmodisch ins Kino zu bringen – sondern setzt auf Streaming via HBO oder Sky. Auf dem Filmfest München konnte man „The Tale“ aber im Kino schauen. Jedes einzelne Mal war der Saal voll. Jedes einzelne Mal gab es am Ende stehende Ovationen – was ziemlich ungewöhnlich ist in München. Und wer nach dem Film nicht sofort davon ist, hat es jedes einzelne Mal sehen können: Dutzende Frauen, die Regisseurin Fox unter Tränen umarmten. Und ihr für den Mut dankten, dass sie ihre Geschichte erzählt hat.


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