Bayern 2 - Zündfunk


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Zum Tod von Mark Hollis Der Mann, der sich immer mehr in seiner Musik versteckte

Talk Talk begannen in den 80ern als Verschnitt der Glampopper Duran Duran und endeten in den frühen 90ern als eine Art Kammermusik-Ensemble. Ein Nachruf auf Sänger Mark Hollis der jetzt im Alter von 64 Jahren verstorben ist.

Von: Ralf Summer

Stand: 26.02.2019

Zu Beginn ihrer nur zehnjährigen Karriere ist noch nicht klar, dass sich Talk Talk immer mehr vom klassischen Pop-Song-Format abwenden werden. Sie enden bei langen, ausgefuchst sperrigen Arrangements, kurz vor Neuer Musik. Bereits nach einem Jahr in der Pop-Tretmühle, nach dem ersten Album „The Party’s Over“, beschließen Mark Hollis und seine Gruppe abzutauchen, vorerst ins Studio.

Der Depeche Mode Effekt

Die zweite LP „It´s My Life“ sollte der erste musikalische Meilenstein in der Talk Talk-Historie werden. Es verkauften sich über eine Million Exemplare. Dank dem Song „Such A Shame“, der seine größten Erfolge im deutschsprachigen Raum feiert - Nummer 1 in der Schweiz, Nummer 2 in Österreich und in Deutschland, wird das zweite Talk Talk-Album in allen Ländern Europas vergoldet. Nur zuhause in England nicht - der Depeche Mode Effekt.

„It´s My Life“ landet auch in den Top 40 der amerikanischen Billboard-Charts. Doch Talk Talk kehren sich allmählich von den Pop-Trends der Zeit ab. Bei den Aufnahmen zum dritten Album „Colour Of Spring“ wird klar, dass künftig nur noch klassische Instrumente das Klangbild von Talk Talk dominieren sollen.

Von jetzt an, keine Singles mehr!

Das Plattencover von „The Colour Of Spring“ ist übersät mit Schmetterlingen in lebhaften Frühlingsfarben. Sie wurde wie alle Talk Talk-LP-Hüllen vom englischen Grafiker James Marsh gestaltet. Dieser entwickelte eine regelrechte Corporate Identity für die Band. „The Colour Of Spring“, das dritte Album von 1986, ist das zentrale Werk der Briten. Es legt die Spur zu den Sounds, wofür die Band heute noch in Erinnerung getragen wird: für elegischen, wohltemperierten, zeitlosen Pop.

Es sollte ihre letzte Platte sein, die noch vom Massengeschmack der opulenten 80er mitgetragen und reichlich gekauft wird. Der Welterfolg der Platte verhilft der Band zu einer Art Studio-Freibrief, von dem Talk Talk von nun an reichlich Gebrauch machen sollten. Ihre erste Ansage an die EMI ist: es wird keine Singles mehr von uns geben!

Talk Talk öffnen sich der Vergangenheit

1988 legen die vier Londoner dann zum letzten Mal ein Album im Zwei-Jahres-Takt vor: „Spirit Of Eden“. Auf der Empfindsamkeits-Skala nochmal ein Stück weiter oben angesiedelt als „The Colour Of Spring“. Talk Talk wenden sich endgültig vom Spät-80er-Pop ab, der sich für laute, schrille Genres wie Techno, Grunge und Hip Hop öffnet – verweigern sich und öffnen sich dafür der Vergangenheit. Eine bewusste Entscheidung, wie Mark Hollis seiner erstaunten Plattenfirma erklärt. Der Mix aus Ambient, Jazz und Klassik verkauft sich erwartungsgemäß nicht mehr gut – allein in England sinkt der Absatz des Albums auf nur mehr 60.000 Stück.

Die Texte auf „Spirit Of Eden“ reichen vom Garten Eden - der übrigens im heutigen Aserbeidschan verortet wird - bis hin zur Heroinsucht. Talk Talk sehen sich nicht mehr als normale Band. Sie touren nicht mehr und ihre Plattenfirma EMI überlegt, sie zu verklagen, da der kommerzielle Erfolg ausbleibt. Mit dem minimalistisch-experimentellen Werk von 1991, das heute im Nachhinein unter dem Genre „Post Rock“ eingeordnet wird, endet die aktive History von Talk Talk.

Jetzt ist Mark Hollis im Alter von 64 Jahren, nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. Mit dem Tod von Mark Hollis, endet leider auch die Hoffnung, dass er doch nochmal ein Solo-Comeback startet. Ruhe in Frieden, Mark – sagen nicht nur wir, sondern auch viele Musiker, die immer voller Bewunderung auf dich schauten.


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