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Musik, Liebe und California Dreaming Wie im legendären Laurel Canyon in L.A. der wolkige Hippie-Westcoast-Sound entstand

Wenige Orte sind so legendär wie der Laurel Canyon, ein Valley hinter den Hollywood Hills in L.A. Dort entstanden einige der wichtigsten Alben der Hippie-Ära: der Westcoast-Sound, den man heute „Americana“ nennt. Alle waren sie dort. Frank Zappa, Joni Mitchell, The Mamas & The Papas oder die Eagles. Eine Zeitreise.

Von: Michael Bartle

Stand: 14.10.2020

Joni Mitchell und Graham Nash | Bild: picture alliance/Mary Evans Picture Library

Es ist schwer zu verstehen, dass ausgerechnet Frank Zappa, dieser anarchische Rüpel, den Startschuss für die Blütezeit des amerikanischen Westcoast-Sounds gegeben haben soll. "Ein paar Leute werden wir schon beeinflusst haben mit Zappa und den Mothers Of Invention", erzählt Frank Zappa in der schönen ARTE-Doku "Laurel Canyon – A Place In Time". "Die haben sich dann locker machen können. Fortschritt ist nur möglich, wenn du was riskierst. Du musst vom Pfad abweichen". Westcoast-Sound - eine Musik voller himmlischer Harmonien, mehrstimmig gesungen und trotzdem voller Gegenwartsdiagnose. Eine butterweiche, musikhistorisch nahezu einzigartige Mischung aus Folk, Country, Sonne, Surfen und Selbstzweifel.

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The Byrds - Turn! Turn! Turn! (To Everything There Is A Season) (Audio) | Bild: TheByrdsVEVO (via YouTube)

The Byrds - Turn! Turn! Turn! (To Everything There Is A Season) (Audio)

Zappa war der Mann im Laurel Canyon, noch vor den Byrds, so erinnert sich David Crosby, ebenfalls in der Doku: "Der einzige, der vor uns da war, war Frank Zappa. Damals gab es im Laurel Canyon noch keine Szene, es war nur ein besserer Ort zum Leben, hoch oben über dem Smog von L.A.. Magisch, irgendwie. Und in nur vier oder fünf Minuten warst du unten am Sunset Strip in Hollywood." Der Laurel Canyon Boulevard schlängelt sich mitten durch das alte, mythische LA, von Hollywood nach oben in die Hollywood Hills, bevor er am Mullholland Drive den Gipfel erreicht und dann wieder runter ins Valley führt, hinein in den Laurel Canyon. Mitte der 60er Jahre konnte man dort für 100 Dollar ein Haus mieten. Nach den Byrds nisteten sich nach und nach Künstler ein, um dort Musikgeschichte zu schreiben.

Mitte der 60er Jahre konnte man dort für hundert Dollar ein Haus mieten

Buffalo Springfield kamen in Mannschaftsstärke, dazu die Mamas und die Papas, die Monkees, Arthur Lee und seine Band "Love". Die Beatles und Eric Clapton kamen auf Besuch. David Crosby schleppte Joni Mitchell an, die zu dem Zeitpunkt in New York lebte. Joni verliebte sich dort in Graham Nash, der England und die Hollies verließ und blieb. Der Laurel Canyon war plötzlich für viele überbegabte Twens der Inbegriff des kalifornischen Traums. "California Dreaming": Die Schlüssel steckten außen, die Türen waren offen. Jeder spielte mit jedem, jeder rauchte mit jedem und jeder schlief mit jedem. Aus dem Ort wurde ein Sound, und in dem Sound wiederum spiegelte sich der Ort.

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The Mamas & The Papas - California Dreamin' | Bild: TMTPMusic (via YouTube)

The Mamas & The Papas - California Dreamin'

In Jim Morrisons Augen war der Canyon eine einzige Love Street. Auch der Doors-Sänger hatte mit seiner Freundin Pamela Courson ein Haus im Canyon bezogen, um dort Texte zu schreiben für die Klassiker "Waiting for the Sun" und "Soft Parade". Der Song "Love Street" spielt auf den Laurel Canyon Country Store an, wo sich all die verrückten Typen trafen. Die unangefochtene Königin der Love Street war aber "Mam" Cass Elliot von den Mamas & The Papas. Graham Nash von Crosby, Stills, Nash & Young bezeichnet sie als "Getrude Stein of the Laurel Canyon" – auch sie kam ursprünglich von der Ostküste ins gelobte Land. "Ich habe mir 78 Häuser angeschaut, bevor ich meins gekauft habe.", erzählt Mama Cass' auf ARTE. "Mit vielen Rosen und einem großen Garten. Es sieht aus, als käme es direkt aus Connecticut, nur dass man es mitten hinein nach Kalifornien verpflanzt hat."

Alle hingen bei der "Mam" Cass Elliot ab, Königin der Love Street

Mama Cass‘ Haus und Garten waren ein einziges kreatives Chaos und eben vergleichbar mit dem Salon von Gertrude Stein im Paris der 1920er Jahre. Mama Cass war es auch, die David Crosby und Stephen Stills, frustriert von den Byrds und von Buffalo Springfield mit Graham Nash zusammenbrachte. Man konnte jederzeit zu ihr, dort abhängen und gemeinsam Musik machen. Und alle kamen, so erinnert es der Rock-Fotograf Henry Diltz in der Doku: "Mama Cass trat oft mit den Mamas & The Papas im Fernsehen auf. Dabei traf sei auf junge Bands aus England, die ihren ersten Auftritt in den USA hatten. Das galt auch für Cream und Eric Clapton, der niemanden kannte, weil er noch nie in den USA war. Sie sagte :'Komm bei mir vorbei, ich lade ein paar Freunde ein und wir machen ein kleines Barbecue bei mir im Garten.' Mickey Dolenz von den Monkees war auch da. Und David Crosby. Crosby hatte seinen neuesten Schützling, ein junges Mädchen, das seine eigenen Songs sang. Sie setzte sich mit ihrer Gitarre ins Gras. Eric Clapton saß nur da und starrte sie an, weil sie eine offene Stimmung nutzte, die im Folk verbreitet ist. Dafür nutzte sie nicht die normalen Griffe. Das hatte er noch nie gesehen und war total verblüfft." Die junge Dame, die mit ihrer Musik im Valley alle verzauberte, war Joni Mitchell. Und Joni schrieb die wohl zärtlichste Ode an den Canyon und dessen außergewöhnliche Bewohnerinnen: Ladies of the Canyon.

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Ladies of the Canyon | Bild: Joni Mitchell - Topic (via YouTube)

Ladies of the Canyon

"Ich weiß noch, wie ich hierher kam und mit einer guten Stereoanlage durch den Canyon fuhr", erzählt Joni Mitchell auf ARTE. "Es gab keine Bürgersteige, es war sehr ländlich und freundlich. Niemand schloss die Türen ab. Ich kam aus New York und Enten schwammen im Teich meines Nachbarn. Die Enten vom Cover meiner Platte 'Ladies Of The Canyon' konnte ich von meinem Esszimmer aus sehen." Noch klingt alles nach Friede, Freude, Eierkuchen. Produzentenlegende Rick Rubin findet sogar: Die Musik aus dem Laurel Canyon war eine der Schönsten, die jemals aus den USA nach draußen kam. Aber als Joni Mitchells Album "Ladies Of The Canyon"“ im Jahr 1970 endlich erscheint, hatte sich der kalifornische Himmel bereits verdüstert. Die Manson Morde im August 1969 warfen einen langen Schatten auf die Hippie-Bewegung, in Altamont killten die irrwitziger Weise als Security gebuchten Hells Angels Meredith Hunter, einen jungen Afroamerikaner. Und auch der Vietnam Krieg: er wollte einfach nicht zu Ende gehen. Die Drogen wurden härter, Koks flutete das Valley, nichts war mehr einfach.

Im Jahr 1970 verdüsterte sich der kalifornische Himmel

Graham Nash, Joni Mitchell, John Sebastian, Stephen Stills, Joan Baez, Dorothy Morrison u.a. auf dem Big-Sur-Folk-Festival 1971 in Kalifornien.

Eine zweite Welle junger Musiker siedelte im Laurel Canyon an. Aber sie waren schon desillusionierter, ausgecheckter und zielstrebiger. Bands wie die Eagles, die sich als Rookies in Linda Ronstadts Backing Band kennen gelernt hatte, wollten ganz nach oben. Natürlich war auch noch die Musik der Eagles, von Carole King und von Jackson Browne vergleichsweise sakrisch gut und trotzdem erfolgreich. Zwar haben Crosby, Stills & Nash durchaus für ihr Debüt Gold bekommen, aber die Haltung, sagt David Crosby, die sei im Valley ein paar Jahre zuvor doch noch eine andere gewesen, wie er später in der ARTE-Doku erzählt: "Es herrschte damals ein Gemeinschaftsgefühl. Und dass wir andauernd treffen konnten, das bestärkte uns. Alle waren begeistert, dass wir so viele waren. Und wir dachten: 'Hey, wir werden die Welt verändern. Alles.' Aber so kam es nicht."

Es kam anders, die Träume zerplatzten. Erst kam mit dem Erfolg das Kapital. Und so langsam das Gift der Spaltung in die amerikanische Gesellschaft. Aber selbst das, und vielleicht sogar Donald Trump, hätte man damals schon heraushören können, hätte man nur den Jungs im Valley zugehört. Neil Young schreibt im Jahr 1974 den Revolution Blues. Scheinbar ein Abgesang auf den Laurel Canyon. Tatsächlich ist der Song aber aber aus dem Blickwinkel der Abgehängten, des White Trash geschrieben, quasi der Leute, die heute für Trump und gegen das liberale America schwerbewaffnet durch die Städte paradieren. "Wir leben in einem Trailer am dunklen Ende der Stadt", singt Neil Young in dem Song. "Ihr seht uns nicht, aber wir haben 25 Gewehre, um Euch den Marsch zu blasen. Ihr und Euer Laurel Canyon mit all den Stars, ich hasse euch wie Aussätzige und bring euch um in euren Cars."

Hinweis: Die Doku "Laurel Canyon – A Place In Time gibt es ab sofort bis zum 7.11.2020 in der ARTE-Mediathek zu sehen.


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