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Neu im Kino: "Nico, 1988" Ein italienischer Spielfilm bringt uns die Sixties-Ikone Nico näher als die meisten teuren Hollywood-Bio-Pics

Sie wurde druch das legendäre Album "The Velvet Underground and Nico" in den 60ern berühmt: die Deutsche Christa Päffgen, genannnt - Nico. Vor dreißig Jahren starb sie mit nur 49 Jahren auf Ibiza. Der neue Spielfilm "Nico, 1988" beleuchtet nun ihre letzten Jahre.

Von: Roderich Fabian

Stand: 11.07.2018

Szene aus dem Film "Nico, 1988" | Bild: Magnolia Pictures

Der Film "Nico, 1988" zeigt uns Szenen aus den letzten beiden Jahren im Leben von Nico, die von Freunden lieber Christa genannt werden will, wie wir erfahren. Die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli hat sehr genau recherchiert, wie Christa Päffgen in den späten 80ern gelebt und was sie in Interviews gesagt hat. Die meisten Journalisten, mit denen sie unterwegs spricht, interessieren sich nur für die drei Songs, die sie 1966 mit The Velvet Underground aufgenommen hat. Aber damals, das  erfahren wir von Nico, war ihre Rolle bei The Velvet Underground von außen bestimmt - ähnlich wie bei ihrer Model-Karriere zuvor. Ihr Leben habe erst nach der Erfahrung mit Lou Reed und Co. begonnen.

Zwischen sanfter Verzweiflung und offener Überheblichkeit

Hier die echte Nico, auf einem Bild aus dem Jahr 1965

Nico ist in diesem Film ständig auf Tour, begleitet von einer kleinen Band und ihrem britischen Manager Richard. Sie lebt eine Mischung aus sanfter Verzweiflung und offen ausgestellter Überheblichkeit. Die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm, die man aus der tollen Serie "Die Erbschaft" kennen könnte, sieht Nico zwar nicht sehr ähnlich, bringt aber diese entrückte Popstar-Existenz sehr schön auf den Punkt. Nico ist genervt, von allem und jedem, vor allem aber von den ganzen Oberflächlichkeiten, die sie ständig bedienen muss. Nachdem sie einem jungen Fan ein Autogramm gegeben hat, lästert sie mit Richard über die Jugend von heute ab.

Nico wird dem Zuschauer aber nie wirklich unsympathisch. Zu sehr leiden wir mit einem intelligenten Menschen, der Banalität nicht ertragen kann. Und wir leiden mit einem Junkie, denn die ständig rauchende und saufende Nico repräsentiert die keineswegs lustvolle Selbstzerstörung, die für Popstars lange Zeit so typisch war. Nico ist hier zugleich Jim Morrison und Kurt Cobain und Jesus, der für irgendwelche Sünden gestorben ist, nur nicht für ihre. Beim ersten Treffen mit einem Konzertveranstalter im damals noch kommunistischen Prag wird als erstes nach harten Drogen gefragt, weil niemand etwas über die Grenze schmuggeln wollte. 

Alain Delon erkennt den Sohn nie an

Szene aus dem Spielfilm "Nico, 1988": Nico, gespielt von Trine Dyrholm, mit ihrem Sohn Ari

In den letzten Jahren ihres verrückten Lebens versucht Nico - auch das sehen wir hier - wieder einen besseren Kontakt zu ihrem Sohn Ari aufzubauen. Der Vater - der französische Schauspieler Alain Delon - hatte das Kind nie anerkannt, aber Delons Eltern ziehen das Kind auf, seitdem es vier Jahre alt ist.

"Nico, 1988" ist so ungefähr das Gegenteil eines Hollywood-Musiker-Bio-Pics. Der Film nimmt sich nur einen kurzen Lebensabschnitt vor, aber der allein bringt uns Nico und ihr Wesen näher als die meisten 100-Millionen-Dollar-Produktionen. Der Regisseurin und der Hauptdarstellerin gelingt es, eine wahrhafte Hommage für einen bestimmt schwierigen Menschen auf die Leinwand zu bringen. Dass dieser Mensch scheitern musste, ist in diesem Fall eine existenzialistische Notwendigkeit.


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