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Überraschungs-Veröffentlichung "i, i" Der Herbst kann kommen - Bon Iver ist schon da

Es war für Ende August angekündigt, nach weltweiten Listening-Sessions, wurde das neue Bon Iver-Album "i, i" überraschend am Donnerstag digital veröffentlicht. Ein Album, das uns sehr an das Debüt von Justin Vernon erinnert.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 09.08.2019

Bon Iver in einer Collage mit Blättern | Bild: Graham Tolbert / Crystal Quinn

Für mich ist Justin DeYarmond Edison Vernon immer noch der Mann aus der Hütte: 2008 leidet Vernon am Pfeifferschen Drüsenfieber, seine Leber ist dadurch stark entzündet, dazu kommt eine Quarter-Life-Crisis. Er fährt zum Alleinsein in die Jagdhütte seines Vaters, in die kalten Wälder Wisconsins, nahe der kanadischen Grenze. Als er wieder rauskommt, zurück in die Zivilisation, hat er eines der besten Debütalben der Nuller Jahre in der Hand, „For Emma, Forever Ago“. Er nennt sich fortan Bon Iver, der französische Gruß für "Schönen Winter".

Zwölf Jahre später verwundert es überhaupt nicht, dass Bon Iver sein neues Album wieder in der Natur aufnimmt. Diesmal in einer gepimpten Hütte, einer ganzen Ranch in West Texas. Das hat auch pragmatische Gründe, die Gäste des neuen Albums „i, i“ müssen nicht durchs Gehölz und auf Feldpritschen schlafen, um mit Bon Iver aufzunehmen. Und es sind diesmal viele namhafte Gäste: Bluegrass- und Pop-Legende Bruce Hornsby, R&B-Sänger Moses Sumney, Channy Leaneagh von Polica und James Blake. 

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Bon Iver - iMi - Official Lyric Video | Bild: Bon Iver (via YouTube)

Bon Iver - iMi - Official Lyric Video

Das neue Album von Bon Iver heißt “i, i”, also soviel wie “Ich, ich”. Das kann bedeuten, dass man seine eigene Identität entziffert oder sich selbst Mut macht. Und es soll zeigen, wie wichtig oder unwichtig wir selbst uns in einer Gesellschaft nehmen. Denn: Wir sind alle miteinander verbunden, sagt Bon Iver. Das klingt für jemanden wie ihn, den schüchternen Songwriter aus der Hütte, fast schon exzentrisch. Auf seinem letzten formidablen Album „22, A Million“ hat er sehr viel mit Stimmfiltern gespielt – seine Motivation damals: Selbstschutz. Da ging er durch eine Phase von großer Angst und Depression, er wollte sich, seine Stimme nicht exponieren. Jetzt hören wir wieder einige Verzerrer, die seine einzigartige Stimme immer wieder fragmentieren und in granulare Stücke zersägen. Diesmal spürt man aber vor allem Selbstbewusstsein.

Selbstzweifel sind immer noch da - neu ist die Opulenz

Dieses erst vierte Bon Iver-Album macht eine erstaunliche Entwicklung durch, die für das neue Selbstbewusstein von Justin Vernon steht. Nach zwei experimentellen Alben besinnt er sich wieder auf klassisches Songwriting – erstmals auch mit einer gewissen Opulenz. Klar, die Selbstzweifel, das Hadern, die Melancholie, sie sind immer noch alle da. Aber Bon Ivers neue Stärke zeigt sich dadurch, dass er keine Angst mehr hat zurückzublicken. Song zehn auf „i, i“, „Marion“, bringt uns zurück in die kalte Jagdhütte in Wisconsin, in die Zeit des Leidens und des Schmerzes. Aber das ist jetzt okay.

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Bon Iver - Marion - Official Lyric Video | Bild: Bon Iver (via YouTube)

Bon Iver - Marion - Official Lyric Video

Bon Iver ist Grammy-Gewinner, hat mit Größen wie Kanye West und Jay-Z zusammengearbeitet, in Milwaukee und in seiner Heimatstadt in Wisconsin gibt es einmal im Jahr den Bon Iver Day – und trotzdem hören wir immer noch einen Mann, dessen Selbstzweifel ihn tagtäglich, stündlich, wahrscheinlich minütlich beschäftigen, ihn aber auch zu einem der besten Songwriter unserer Zeit machen. „i, i“, sagt er, ist sein bisher erwachsenstes Album, das kompletteste von allen. Da kann ich nur zustimmen. Der Herbst kann kommen. Bon Iver ist schon da.

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Bon Iver - U (Man Like) - Official Lyric Video | Bild: Bon Iver (via YouTube)

Bon Iver - U (Man Like) - Official Lyric Video


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