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Berlinale Gewinner "Synonymes" Mit aller Gewalt Integration: Im Film "Synonymes" versucht ein israelischer Soldat in Paris seine Vergangenheit abzustreifen

Der israelische Soldat Yoav kommt nach Paris, um Franzose zu werden. Ein reiches Intellektuellen-Paar unterstützt ihn dabei. Der Film zeigt, wie der unbedingte Wille dazuzugehören nicht ausreicht, um wirklich anzukommen - wenn man die Codes einer Gesellschaft nicht versteht und von der eigenen Geschichte verroht ist.

Von: Roderich Fabian

Stand: 04.09.2019

Tom Mercier als Yoav im Film "Synonymes" | Bild: Grandfilm

Bei manchen Filmen wird ziemlich schnell klar: Hier handelt es sich nicht um die Abbildung oder In-Szene-Setzung von Wirklichkeit, sondern dies ist eine surreale, unwirkliche Inszenierung. Der Film nutzt die Mittel einer Spielhandlung nur, um eine Botschaft zu vermitteln. Berthold Brecht hat diese Methode in seiner Zeit zum Stilmittel erhoben.

In "Synonymes" sehen wir anfangs einen jungen Mann, der in eine teure Pariser Wohnung kommt, die komplett leer ist. Er zieht sich aus und geht in die Dusche. Als er fertig ist, sind seine gesamten Sachen verschwunden - geklaut, vermutlich. Minutenlang springt er nackt durch die Räume, weiß nicht, was zu tun ist und schläft schließlich in der Badewanne ein. Dort wird er - halb erfroren - von einem jungen Paar gefunden, das in der Nachbarwohnung lebt. Die erwecken ihn zum sozusagen zu seinem neuen Leben, als Israeli, der Franzose werden will.

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SYNONYMES Trailer 1 (deutsch / german) | Bild: Filme.de.official (via YouTube)

SYNONYMES Trailer 1 (deutsch / german)

Yoav war früher Soldat in der israelischen Armee und hat viel Grausamkeit erlebt. Das junge Paar - Caroline ist Oboistin, Emile angehender Schriftsteller - ist fasziniert von ihrer Entdeckung. Sie leben bestens - vom Geld ihrer industriellen Eltern. Und Yoav bemüht sich, möglichst schnell seine französischen Sprachkenntnisse zu verfeinern. Immer, wenn er die Straße entlangläuft, rezitiert er Synonyme, um seinen Wortschatz zu erweitern in einer Stadt, die er erst für sich entdecken muss.

Warum ausgerechnet Paris Yoavs Ziel geworden ist, wer ihm zunächst die leere Wohnung, später ein möbliertes Appartement zur Verfügung gestellt hat - darüber erfahren wir nichts. Solche "Fakten" spielen in "Synonymes" auch keine Rolle. Dafür lernen wir viel über das jüdische Leben in Paris. Yoav heuert als Wachmann bei der israelischen Botschaft an. Er trifft auf Kollegen, die ganz offensiv mit Kippa durch die Stadt laufen und nur darauf warten, antisemitisch angegangen zu werden, um zurückschlagen zu können.

Ein Israeli der Franzose werden will

Währenddessen tut das junge, reiche Paar viel für Yoav. Sie versorgen ihn mit Geld, zeigen ihm die Stadt, vermitteln einen Integrationskurs, in dem er französische Gepflogenheiten lernen soll. Emile und Caroline zeigen sich als vorbildliche Flüchtlingshelfer. Caroline wird später eine Affäre mit Yoav beginnen, weil er so ganz anders ist als ihr feinsinniger Lebenspartner. Yoav vertraut dem Paar in jeder Beziehung und schreibt ihnen flammende Briefe, die seine Weltsicht offen legen: "Mein Lieber! Meine Liebe! Caroline, die du mein Leben gerettet hast. Habe ich euch schon erzählt, wie ich früher auf dem Maschinengewehr spielte und dabei einen arabischen Terrorist durchlöcherte?"

In Rückblenden erfahren wir von der Verrohung, die Yoav in Israel erfahren hat. Und diese Erfahrungen kann der Ex-Soldat nie abstreifen. Sein Denken ist von dem seiner Helfer komplett verschieden. Bis zum Ende des Films wird Yoav immer im gleichen gelben - ihm viel zu kleinen - Mantel durch die Stadt laufen, den ihm das Paar am Anfang zur Verfügung gestellt hat. Und spätestens dann, als der Soldat den Sinn der klassischen, melancholischen Musik in Frage stellt, die Caroline macht, kommt es zum Zerwürfnis. "Synonymes" erzählt auf bedrückende Weise von den Missverständnissen, Eitelkeiten und Widerständen, die einem Menschen begegnen, der sich mit aller Gewalt in eine ihm fremde Gesellschaft  integrieren möchte. Und gerade weil der Film des israelischen Regisseurs Nadav Lapid das Ganze wie ein surreales Märchen erzählt, kann man sich der Geschichte kaum entziehen.


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