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Neu im Kino: "Climax" Wenn ihr in diesem Jahr nur einmal ins Kino geht, dann in den neuen Film von Gaspar Noé

Die Filme von Gaspar Noé waren schon immer kontrovers und spektakulär: die Gewaltphantasie "Irreversible" oder das surreale Junkie-Märchen "Enter the Void". Mit seinem neuen Film "Climax" erreicht Noé jetzt einen neuen Höhepunkt: Ein Rausch der Bilder, Klänge und Exzesse - heftig aber unwiderstehlich.

Von: Roderich Fabian

Stand: 03.12.2018

Szene aus dem Film Climax von Gaspar Noe | Bild: COURAMIAUD – LAURENT LUFROY/FABIEN SARFATI

Dass dieser Film bewusst gegen alle Regeln verstößt, ist schon ziemlich bald klar, denn zunächst sehen wir eine offenbar schwer verletzte Frau, die blutend durch den Schnee robbt. Die Szene nimmt also das Ende der Geschichte vorweg, und dann folgt… der Abspann, eine irre Menge von Namen saust an uns vorüber. Erst dann geht der Film richtig los. Gaspar Noé ist eben auch: ein Nostalgiker. "Ich mochte es bei Filmen aus den 50ern und 60ern immer, dass am Ende einfach da stand: Ende", erklärt er. "Indem ich das Ende vorwegnehme, weiß der Zuschauer: Es wird dramatisch werden. Und außerdem werde ich so gleich am Anfang den langweiligsten Teil des Films los, nämlich den Abspann."

Szene aus "Climax"

Aber zuvor geht erstmal eine Party richtig los. Der Film startet, als wären wir in einer perfekten Welt. Die Mitglieder einer Tanz-Performance-Gruppe stellen sich in kurzen Videos vor. Es sind junge, schöne Leute, mit Wurzeln aus allen Teilen der Erde - eine ideale, multikulturelle Truppe, die gerade eine Produktion abgeschlossen hat. Das feiern sie in einer alten Scheune auf dem Land. Natürlich gibt es auch ein paar Konflikte zwischen den Tänzern - und sexuelle Begehrlichkeiten.

Atemberaubende Tanzszene

Es gibt ein paar atemberaubende Tanzszenen in diesem Film, an denen das gesamte Ensemble teilnimmt - eine Demonstration der körperlichen und seelischen Einigkeit. Gaspar Noé hatte eine Gruppe großartiger Tänzer zur Verfügung, und sie demonstrieren pure Lebensfreude. Der Regisseur hat die Darsteller oft improvisieren lassen und ihnen auch sonst viele Freiheiten gewährt. "Ich glaube, die Leute können viel besser sein, wenn sie etwas von sich selbst einbringen können. Aber sie spielen alle Rollen! Die Geschwister im Film sind gar keine. Der Typ mit den dreckigen Witzen ist in Wahrheit ganz lieb. Allen hat es Spaß gemacht, so zu tun, als wäre man jemand anders. Aber ich habe zum Beispiel jeden Darsteller gefragt, wie er im Film denn heißen möchte. Das konnten sie selbst entscheiden."

Szene aus "Climax"

Es gibt keine Hauptdarsteller, die bewegliche Kamera kreist um das rund zwanzigköpfige Ensemble, bleibt nie lange an einem Ort. Sie nimmt sozusagen an der Party teil. Aber viele der Tänzer sind sehr bald schon nicht mehr bei Sinnen. Irgendjemand hat die Sangria-Bowle, aus der alle trinken, mit LSD "nachgewürzt". Nun suchen alle den Schuldigen und verdächtigen sich gegenseitig. Und so eskaliert die Party allmählich, brechen Konflikte zwischen den Geschlechtern ebenso auf wie die zwischen Ethnien. Die Tanztruppe verwandelt sich allmählich in ein Rudel Neandertaler. Der Mensch - das wissen wir aus Gaspar Noés früheren Filmen - ist des Menschen Wolf. Aber die Musik hört nie auf, die Party geht immer weiter. Wir hören Noés Freund Thomas Bangalter von Daft Punk ebenso wie Dance-Klassiker von "Tainted Love" bis "Pump Up The Volume". So entsteht ein bizarrer Kontrast zwischen der akustischen und der visuellen Ebene des Films.

 Abgründe der menschlichen Existenz 

Und so ist aus "Climax" ein in jeder Beziehung atemberaubender Film geworden, der die Liebe und den Hass, die Freuden und die Abgründe der menschlichen Existenz gleichermaßen zur Schau stellt. Tatsächlich beruht der Film auf einer wahren Begebenheit, die vergleichbar aus dem Ruder gelaufen ist. Wenn man in diesem Jahr nur einmal ins Kino geht, sollte man sich diesen Film ansehen.


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