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Der ewige Fanatiker wird 60 Henry Rollins über DJs heute, Punks früher, Lemmy Kilmister und den Sturm auf das Kapitol

Der kerngesunde Punk-Rocker Henry Rollins ist gerade 60 geworden. Im Interview erzählt er von den Unterschieden der Szenen in DC und LA, von seiner Plattensammelei, aber auch davon, was er von Lemmy Kilmister, John Lydon und der Q-Anon-Bewegung hält. Dazu gibt's mit Musik von Black Flag, der Rollins Band und Ty Segall, den Rollins für seine Kreativität feiert.

Von: Roderich Fabian

Stand: 31.05.2021

Punk-Legende Henry Rollins schaut scharf | Bild: picture-alliance/dpa

Henry Rollins über seinen 60. Geburtstag

Sechzig zu werden ist einfach eine Marke, die Hersteller von Gruß- und Geburtstagskarten erfunden haben, um mehr zu verkaufen. Für mich ist’s einfach ein Jahr mehr. Allerdings: Es lässt mich schon darüber staunen, wie lange ich nun schon gelebt habe und mein Leben als Erwachsener - wann immer das begonnen haben mag - so schnell vorüber gegangen ist. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.

Über den Unterschied zwischen Punks früher und DJs heute

In der Independent-Punk-Szene, der ich entstamme, braucht man immer einen Lieferwagen für die Anlage. Und dann sagt man gerne so Sachen wie: "Ich habe keinen Bock mehr, die Basstrommel zu tragen." Auf Tour hast du immer einen Berg von Zeug mit dir bewegt. Heutzutage kreuzen manche mit einem Laptop, einem USB-Stick und einem Mikrophon auf und machen damit ihre DJ-Show vor 30.000 Leuten. Am Ende klappen sie den Laptop zu, kassieren ihre 300.000 Dollar und verschwinden durch den Hinterausgang.

Über toxische Männlichkeit

Ich habe mal dem Sender KCRW ein Interview gegeben. Das ist der Sender, für den auch ich arbeite. Und die Moderatorin sagte: "Du sprichst von toxischer Männlichkeit, aber bist du nicht selbst ein toxischer Mann?" Da wusste ich nicht genau, worum es ihr jetzt ging, also sagte sie: "Nun, du trittst auf und versuchst, Schlägereien zu provozieren.", was für mich nur hieß, dass sie noch nie eine Show von mir gesehen hatte. Und sie sagt weiter: "Du trainierst mit Gewichten und hast viele Muskeln" Und ich so: "Ja?" Das ist doch kein Grund, aus mir einen toxischen Mann zu machen. Ich gehe nie in Strip-Clubs. Ich hänge nicht rum mit anderen Männern. Ich trinke nicht. Ich rauche nicht. Ich gehe nie zu Prostituierten. Ich denke nie, dass Frauen unterwürfige Schlampen sind. Ich frage mich immer noch, worum es ihr ging. Ich glaube nicht, dass ich ein Frauenfeind bin. Ich fürchte oder hasse Frauen überhaupt nicht.

Über Lemmy Kilmister

Punk-Ikone Henry Rollins

Was Lemmy angeht: Den Typen habe ich 1988 kennengelernt, und wir waren bis zu seinem Tod Freunde. Ja, ich habe Zeit mit ihm in seinem Apartment verbracht, das voller Zweiter-Weltkriegs-Devotionalien war. Er war einfach ein Geschichts-Nerd, aber kein Nazi. Seine Lieblings-Band waren die Beatles. Er war eher jemand, der das letzte Hemd mit dir geteilt hätte, jemand ohne Vorurteile. Und er war der ehrlichste Typ, der mir je begegnet ist. Ich würde darauf wetten, dass er nichts mit Trump hätte anfangen können. Zum letzten Mal habe ich ihn gesehen, als ich ihn zum Set eines Films gefahren habe, für den ich das Drehbuch geschrieben hatte. Ich war sein Antreiber: Mein Job war es, ihn zwischen Set und Apartment hin und her zu fahren. Manchmal war er dann in seiner Wehrmachts-Uniform am Start, bei der man aber alle Hakenkreuze entfernt hatte und in seinen kniehohen Stiefeln. Dann waren wir auf dem Highway unterwegs und er zeigte auf das „D“ auf seinem Revers und sagte: "Das steht eigentlich für Deutschland, aber bei mir steht es für Diabetiker." Dann hat er gelacht. Nein, Lemmy war einer der nettesten, authentischsten Menschen, die ich je getroffen habe. Kein Nazi.

Über den Sturm auf das Kapitol in Washington D.C.

Ich war sprachlos, als ich das bei der Livesendung gesehen habe. Es erschien mir wir ein Endpunkt, wie das Ende der Demokratie. Aber später, als man noch mehr privates und journalistisches Material zu sehen bekam, habe ich erst erkannt, wie übel das war, vor allem durch das, was diese Spinner selbst hochgeladen haben. So wurde ich vertraut mit diesen Q-Anon-Schamanen. Muss ich mich jetzt wirklich an diesen Idioten mit den Hörnern und dem angemalten Gesicht gewöhnen? Muss mein Gehirn jetzt wirklich diesen Scheiß verarbeiten? Aber ja! Und das war eigentlich die schlimmste Beleidigung: Dass ich mich mit diesen Typen Platz in meinem Kopf einräumen musste. Denn sie liegen ja in wirklich jeder Beziehung daneben. Man stürmt keine Regierungsgebäude und zerstört Dinge. Man droht nicht damit, Leute aufzuhängen. Denn das wollten sie ja im Fall von Vizepräsident Mike Pence, von dem ich wirklich kein Fan bin. Aber man sollte ihn nicht aufhängen wollen, nein, danke!

Über die Zukunft

Alles verändert sich sehr schnell. Und deswegen stürmen bestimmte Leute dann das Kapitol in Washington. Weil sie die Veränderung Amerikas bemerken. Es wird brauner, nicht mehr so weiß. Diese Typen bemerken, dass der Boden unter ihnen in Bewegung geraten ist. Aber man kann auch ein Erdbeben nicht bekämpfen. Sie sehen: Die Zukunft ist schwul. Die Zukunft ist schwarz und braun. Und sie ist trans. Und das ist okay! Sie glauben, ihnen ginge etwas verloren, aber das Gegenteil ist der Fall: Sie gewinnen etwas hinzu, nämlich Menschen, die endlich so sein können, wie sie sind, die nicht mehr deswegen gefeuert werden oder deswegen ein schreckliches Leben führen müssen.


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