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Migrantische Models erzählen Der Diversity-Trend in der Modebranche hat wenig mit echter Diversität zu tun

Seit Jahren ist „Diversity“ in der Modewelt ein Buzzword, ein Trend, der nicht erst seit Black Lives Matter Kollektionen oder Titelthemen in Modemagazinen inspiriert. Doch der Schein trügt. Warum es zur echten Diversität noch weit ist.

Von: Lisa Pausch

Stand: 06.08.2021

Das Model Canel Ataman | Bild: Nona van de Peer

Was ist Schönheit im Jahr 2021? Gemeinsam mit der südkoreanischen DJ und Modedesignerin Peggy Gou veröffentlicht die Vogue Germany im Februar ein kurzes Video. Es geht um Diversität, das Motto ist grenzenlose Schönheit. Zu der Musik bewegen sich neun Models und Tänzerinnen, darunter Canel Ataman, 25, ein deutsches Model mit türkischem Background, aufgewachsen in Gelsenkirchen, Wohnort Berlin. Sie ärgert, dass sie mit ihrem Deutsch-Türkisch-Sein die gesamte Middle-Eastern-Kategorie abbilden soll: „Ich bin halt mehr Europäerin als dass ich Middle-Eastern-Frau bin, aber dann werde ich für diesen gesamten Look hingehalten. Du hast da vier verschiedene Schwarze Frauen und drei Asiatinnen um zu zeigen, die sind alle unterschiedlich. Ja, aber Bro – wir sind auch unterschiedlich.“

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Peggy Gou über die Bedeutung von Schönheit | VOGUE Germany | Bild: VOGUE Germany (via YouTube)

Peggy Gou über die Bedeutung von Schönheit | VOGUE Germany

Kein Vogue-Cover mit einer Deutsch-Türkin

Die deutsche Vogue hob in den letzten 18 Monaten vier Schwarze Frauen aufs Cover. Ein Fortschritt, aber: Diversität ist das auch noch nicht. Es gibt kein einziges Cover der deutschen Vogue mit dem Gesicht einer Deutsch-Türkin. Im Film, in der Musik sind Türkei-stämmige Menschen inzwischen angekommen. In der Mode, wo es auch darum geht, eine Idee von Luxus zu verkaufen, noch nicht. Ich frage bei fünf Modelagenturen in München nach, darunter auch eine der größten in Deutschland. In einer Agentur gibt es drei Models mit türkischem Background, das sind in der Münchner Kartei 1,5 Prozent. In einer anderen gibt es ein Model, in einer weiteren kein einziges mit deutsch-türkischem oder türkischem Background. In einer Agentur will man sich zu der Frage nicht äußern. Warum ist das so?

Hülya Weller, 31, aus München produziert gemeinsam mit ihrer Freundin Şahika Tetik seit Mai den Podcast „Çay mal ehrlich“ über deutsch-türkische beziehungsweise österreichisch-türkische Realitäten. Sie hat in ihrer Jugend immer wieder mit dem Thema Körperbehaarung gestruggelt. Und nicht nur mit einem migrantischen, sondern im speziellen mit einem wahlweise als türkisch, arabisch oder allgemein middle-eastern gelesenem Background: „Wir werden ja alle unter einem klischeehaften Aussehen subsumiert. Und wir sind speziell uncool. Wir sind arm, alle, die bei Aldi einkaufen. Das, was wir tragen, ist eben nicht cool.“

"Aldi, jetzt wo du cool bist, sind wir nicht mehr cool genug"

Hülya Weller, 31, produziert den Podcast "Cay mal ehrlich" über deutsch-türkische Realitäten

Okay, Aldi wurde dann mal cool, als das Unternehmen im Oktober 2020 die Mode-Kollektion „Aldi Original“ rausbrachte mit Sportjacken, Hoodies, Jogginghosen, Fischerhut und den Aldiletten, in Anlehnung an die Adiletten. Trotzdem war Hülya Weller enttäuscht: „Ich wollte auch so einen Aldi-Pulli, habe aber dann gesehen, dass einfach Bonnie Strange das Gesicht der Kampagne ist. Da war ich ein bisschen enttäuscht und dachte mir: Ey Aldi, jetzt wo du cool bist, sind wir nicht mehr cool genug für dich.“

Ist das Türkische, oder das Türkisch-gelesene also einfach nicht fashionable genug? Ayzit Bostan ist seit 30 Jahren Designerin in München. Sie glaubt, dass es noch tief verwurzelt ist, dass es einfach nicht cool ist, ein türkisches Model zu besetzen: „ Die ersten Türken waren einfach Gastarbeiter und es war nicht unbedingt die intellektuelle Elite, die nach Deutschland gekommen ist , als Arbeitskräfte gebraucht wurden. Wenn man Schweizerin ist, ist man Ausländer erster Klasse, und als Türkin war man das nie.“

Geht der Diversity Trend also über Menschen hinweg, die von der Dominanzgesellschaft immer noch mit den Arbeitern assoziiert werden, die als sogenannten Gastarbeiter nach Deutschland kamen? Ende der 80er, mit 21 Jahren beginnt Ayzit Bostan ihre Schneiderinnenlehre, gewinnt früh einen Förderpreis und wird plötzlich sichtbar, erzählt sie. Aber nicht immer so, wie sie sich das wünschte: „Ich wollte eigentlich eine gute Designerin sein und nicht, dass mein Background so im Vordergrund steht und ich so eine Vorzeige-Türkin werde.“ Als junge Frau, erzählt Ayzit Bostan wollte sie zum Beispiel überhaupt nicht türkisch sein: „Ich wollte deutsch sein, nicht auffallen und mich erklären. Das hat sich erst in den letzten zehn Jahren entspannt, dass ich darin einen Mehrwert sehe.“

"Es brauchte die ganze Bewegung, das wir akzeptierter werden"

Canel Ataman hätte es als Model vor zehn Jahren noch schwerer gehabt, glaubt sie. Doch seit ein paar Jahren beobachtet sie, wie sich – zwar langsam – aber wirklich etwas ändert: „Als ich bei einer Agentur sein wollte, saß ich neben denen, während die nicht mal gecheckt haben, dass ich neben denen sitze, und die gesagt haben: Die ist zu türkisch. Und ich saß einfach zwischen der Glastür, und habe das alles gehört. Wie alt war ich? 18, 19. Damals hätte ich gar nicht Fuß fassen können darin, es brauchte wirklich diese ganze Bewegung, damit wir jetzt akzeptierter werden.“

Canel sagt, sie wird oft für ihren Look als „alternativ“ gebucht – mit ihren ungezupften Augenbrauen, mit ihren Tattoos oder unrasierten Axel- und Beinhaaren steht sie im aktuellen Trend für Body Acceptance. Wenn sie für solche Jobs gebucht wird, versucht sie ihren türkischen Background in den Vordergrund zu heben und zu zeigen, dass junge Mädchen sich zum Beispiel mit schwarzer Körperbehaarung – egal wo – wohl fühlen können. Sie habe es immer wieder erlebt, dass ihr Mütter geschrieben haben, die ihren Instagram-Account zusammen mit ihrer Tochter anschauen und ihr so dabei helfen, dass sie sich nicht mehr komisch fühlt: „Das gibt mir eigentlich alles am Ende des Tages, wenn ich irgendein kleines Mädchen empowern kann, ihren Weg zu gehen und sich nicht einzuschüchtern.“


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