Bayern 2 - Zündfunk


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"Wir sind keine Fußballfans, wir sind deutsche Hooligans" Der deutsche Fußball, seine "Problem-Fans" – und was das für die WM in Russland bedeutet

Am 14. Juni beginnt die Fußball-WM 2018 in Russland. Behörden und Experten gehen davon aus, dass nicht nur friedliche Fans zu den Spielen der Nationalmannschaft fahren, sondern auch Hooligans und Rechtsradikale – denn das hat im deutschen Fußball Tradition.

Von: Sammy Khamis & Niklas Schenk

Stand: 08.06.2018

Lothar Matthäus ist nicht unbedingt als Visionär in die Geschichte des deutschen Fußballs eingegangen, zumindest nicht außerhalb des Platzes. Zu Unrecht. Eben jener Lothar Matthäus war es nämlich, der schon 1983 vor einem Länderspiel einen Brief schrieb und darin vor rechten Hooligans bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft warnte.

Das war 1983. Rechte Unterstützer haben im Umfeld der Nationalmannschaft eine lange Tradition. Darum, was der DFB gegen das Problem (nicht) unternommen hat, wie sich die rechten Hools heutzutage im Fußball zeigen und was das alles für die WM in Russland bedeutet – darum geht es im neuen "Zündfunk Generator" mit dem Titel "Der Fußball, die WM und die 'Problem-Fans' – rechte Unterstützer und die deutsche Nationalmannschaft".

Länderspiele waren schon immer entscheidend für die Vernetzung der Hooligans

Robert Claus, Experte für Rechtsextremismus im Fußball

Robert Claus ist Experte für Rechtsextremismus im Fußball. Er hat 2017 das Buch "Hooligans – Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik" (Werkstatt-Verlag, 14,90 Euro) veröffentlicht. "Hooligans entstanden zu einer Zeit ohne Internet, ohne Smartphones, ohne Chats oder E-Mails", schreibt Claus darin. "Und dennoch war die deutsche Hooliganszene seinerzeit vernetzt. Eine zentrale Funktion zur Vernetzung erfüllten die gemeinsamen Fahrten zu Spielen der deutschen Nationalmannschaft. Sie dienten als verbindendes Element in der Szene." Der Nationalismus, der mit Hass und Gewalt gegen die Fans und Hooligans anderer Länder einherging, verband die deutschen Hooligans zumeist über lokale Rivalitäten hinweg."

Während sich Fans rivalisierender Bundesliga-Vereine im Ligabetrieb bekämpfen oder anfeinden, gehen sie bei Spielen der Nationalmannschaft gemeinsam vor:

"Man hat einen anderen Feind: Nicht mehr der andere Verein, sondern Hooligans aus anderen Ländern."

Robert Claus, Experte für Rechtsextremismus im Fußball

Beispiele für Ausschreitungen deutscher Hooligans bei Länderspielen gibt es viele, insbesondere bei Auswärtsspielen in Osteuropa. Bei der WM 1990 zeigten sich deutsche "Fans" mit der Reichskriegsflagge, bei der EM 1992 in Dänemark kam es zu Ausschreitungen. 1996 skandierten deutsche Hooligans bei einem Spiel im polnischen Zarbze "Schindler-Juden, wir grüßen euch". Dann die WM 1998 in Frankreich: Deutsche Fans prügeln am 21. Juni 1998 den Polizisten Daniel Nivel ins Koma. Er überlebt schwer verletzt, hat bis heute Sprach- und Gleichgewichtsstörungen. Doch auch danach kommt es weiter zu Zwischenfällen, etwa 2005 in Bratislava oder 2006 bei einem Freundschaftsspiel in Italien. 2016, bei der EM in Frankreich, laufen deutsche Fans durch die Innenstadt und singen „Wir sind wieder einmarschiert“.

Hooligans skandieren "Sieg Heil", aber keinem konnte eine Straftat nachgewiesen werden

Jüngster Zwischenfall: Das WM-Qualifikationsspiel Tschechien-Deutschland am 1. September 2017 in Prag. Deutsche "Störer" beleidigen Nationalspieler rassistisch, unterbrechen eine Schweigeminute für tschechische Fußballfunktionäre – und rufen während des Spiels "Sieg Heil". Der DFB distanziert sich energisch, Bundestrainer Löw spricht davon, dass "das nicht unsere Fans sind und wir auch nicht deren Nationalmannschaft", DFB-Präsident Grindel erwartet "eine ganze Reihe von Strafverfahren".

Die Autoren dieses Zündfunk Generators haben die Ermittlungen nach dem Skandalspiel in Prag ein halbes Jahr begleitet. Das Ergebnis: Im Frühjahr 2018 wurden die Ermittlungen sowohl in Deutschland als auch Tschechien vorerst beendet. Keinem "Störer" konnte eine Straftat nachgewiesen werden. Der DFB wollte sich dazu uns gegenüber trotz mehrerer Anfragen nicht äußern. Fanexperte Robert Claus meint: "Bei der Nationalmannschaft gibt es keine gewachsene Fanszene und auch keine Fanbeauftragten, die arbeiten wie auf Clubebene. Das wäre natürlich ein Schritt, den der DFB unternehmen könnte, da mehr in die Fanarbeit zu investieren. Aber bei der Nationalmannschaft gibt es auch keine Ultrasezene, die sich offen gegen Diskriminierung wendet. Das gibt es auf Clubszene auch, da werden diese Konflikte auch ausgefochten. Bei der Nationalmannschaft fehlt diese Regulierung, dieses Gegengewicht."

Der Chef des WM-Organisationskomitees sagt, das Thema sei "aufgebauscht" – wirklich?

YouTube-Videos zeigen, wie sich deutsche und russische Hooligans gemeinsam auf die Fußball-WM vorbereiten, die in wenigen Tagen in Russland startet. Zum Beispiel die Rostocker Hooligangruppierung "Nordische Wut". Ob es auch bei der WM zu Ausschreitungen deutscher Hooligans kommen wird? In Russland selbst sind alle davon überzeugt, dass eine sichere WM wird. Robert Ustian, ein russischer Fanaktivist, der sich gegen Rassismus und Faschismus im russischen Fußball engagiert, sagt: "Die russische Bevölkerung möchte sich und Russland von der allerbesten Seite zeigen. Um der Welt zu beweisen, dass die aktuelle Hysterie um Russland nicht der Wirklichkeit in diesem Land entspricht. Selbst die Hooligans wollen, wenn schon mal eine WM im eigenen Land stattfindet, niemandem die Möglichkeit geben, Russland vor einem großen internationalen Publikum schlecht darzustellen." Und Alexej Sorokin, Chef des WM-Organisationskomitees, spricht davon, dass das Thema Hooligans in westlichen Medien "aufgebauscht" wird und keine "große Bedeutung im russischen Fußball" habe. Er könne zwar keine sichere WM versprechen, aber: "Eines unserer Versprechen gegenüber der Fifa war, für Sicherheit zu sorgen und wir tun alles, um dieses Versprechen einzuhalten."

Robert Claus, Experte für Rechtsextremismus im Fußball, sagt hingegen: "Russland ist in Reiseweite, ist keine WM in Mexiko. Es gibt Netzwerke, etablierte Netzwerke von deutschen Hooligans mit Hooligans aus der Ukraine, aus Ungarn, aus Polen und auch aus Russland. Die russische Szene ist sehr stark und militant aufgestellt und organisiert. Es könnte den Deal geben zwischen Sicherheitsbehörden und Hooligans, dass in Innenstädten wenig passiert. Das heißt, Hooligans fahren da hin und treffen sich zu Kämpfen, aber Szenen wie in Marseille 2016 werden dadurch unwahrscheinlicher. Wenngleich nicht unmöglich, ich kann nichts versprechen."

Am Donnerstag, 14.6., startet die WM mit dem Spiel Russland gegen Saudi-Arabien, Deutschland spielt am Sonntag, 17.6., das erste Mal gegen Mexiko.

Mehr zu diesem Thema gibt es zu hören im Zündfunk Generator: "Der deutsche Fußball, seine "Problem-Fans" – und was das für die WM in Russland bedeutet". Am 10. Juni ab 22.05 Uhr auf Bayern 2. Die Sendung gibt's auch als Podcast beim Klick oben auf das Bild.


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