Bayern 2 - Zündfunk


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Dendemann im Interview "Ich war in den Jahren genug bei mir, bis ich die Schnauze voll von mir hatte und mich wieder teilen wollte"

Der Rapper Dendemann kritisiert politische Haltungslosigkeit, erklärt, warum die neue Generation deutscher Rapper weniger „akward“ ist und was er am Streamen super findet. Unser Reporter Sammy Khamis hat ihn Backstage ihn der Tonhalle vor seinem Auftritt getroffen

Von: Sammy Khamis

Stand: 13.02.2019

Dendemann | Bild: picture-alliance/dpa

Zündfunk: Ist es gut wieder Dendemann zu sein?

Dendemann: Sehr gut. He's my favorite.

Wie war es die letzten neun Jahre? Du warst bei Böhmermann zwischendurch, hast lange an dem Album gearbeitet und bist jetzt wieder mehr bei dir?

Nee, weil jetzt bin ich ja am Arbeiten. Also viel zu wenig bei mir. Ich war in den Jahren genug bei mir, offensichtlich bis ich die Schnauze von mir voll hatte und mich wieder teilen wollte mit den anderen.

Das hat geklappt. Neues Album ist da. Tour ist da und auf diesem Album gibt es tatsächlich auffällig viele Samples.

Früher war das mit den Scratch-Refrains halt so unser Ding. So unkreativ das sein mag. Ich fand das immer schon toll und ich habe immer versucht, da ein Äquivalent anzubieten. Das heißt natürlich: deutsche Samples. Das Sample von Mia von „Alles neu“, das geht in meinem Kopf bis ins Jahr 2001 zurück, als ich zum ersten Mal das Video auf Viva gesehen habe und den Satz „Ich bin drauf und dran“ am Mikrofon gehört habe. Und seitdem beschäftige ich mich mal mehr mal weniger mit dem Gedanken: Wie kriege ich die ganze Musik unter dem Satz raus, damit es geiler zu scratchen ist? Und irgendwann war ich halt gut genug aufgestellt, um mich durchzufragen, ob irgendjemand das Acapella hat. Dann geht’s halt nochmal richtig los.

Wenn wir heute auf Rap gucken, finde ich das Album immer noch speziell. Es fällt raus. Das hast du mal in einem Interview gesagt: Rap heute ist eigentlich ziemlich minimalistisch. Ist es so ein Statement: Sampelt mehr, es lohnt sich, auch in den deutschen Texten und Musiken. Ist es ein Aufruf?

Um Gottes willen, lass mich in Ruhe. Das sind alles meine. Ich bin jetzt schon unsicher, ob das so schlau ist, dass ich schon Quellen preisgegeben habe, wo es noch gute Sachen zu holen gibt. Ich brauche das nicht von anderen. Ich freue mich immer. Das haben auch andere Bands zur Genüge gemacht, von Blumentopf über Fettes Brot. Auf der ersten EinsZwo-Platte ist ein deutsches Vokalensemble drauf. Das ist speziell und ich will das von den Kids überhaupt nicht hören. Das muss jeder selber wissen, die Machart, wie jetzt gerade der meiste Rap gemacht wird. Wenn die Kids zehn Tracks am Tag machen, über den gleichen aus YouTube heruntergeladenen Free-Beat oder sowas, tut das mehr für Deutschrap als irgendein Hildegard Knef-Sample tun könnte.

Als du angefangen hast, in den 90ern, war Rap ja mehr Nische. Heute ist alles was den Sticker "Rap" bekommt, eigentlich eine sichere Bank, um auf die Eins zu gehen. Summer Cem, Capital Bra ist so erfolgreich wie ABBA. Wo profitierst du da auch von?

Die Leute, die nicht mit den Beginnern und mir aufgewachsen sind, sondern mit Berliner Straßenrap, die 12 oder 13 waren, bei ihren ersten musikalischen Erlebnissen, die sind jetzt erwachsen, haben hunderte Millionen Streams auf Spotify, zahlen ihre Miete mit Streams, hauen jede Woche einen neuen Track raus und arbeiten gegen den größten natürlichen Feind des Deutschraps, die Akwardness. Sie haben die Natürlichkeit, die Selbstverständlichkeit reingebracht, die der Sache immer gefehlt hat. Auch die Masse. Auch der kommerzielle Erfolg. Ich könnte gar nicht noch mehr davon haben. Ich profitiere in jeder Sekunde davon, dass mein Album für jeden hörbar ist, ohne es kaufen zu müssen. Das war doch immer das Problem. Ich habe doch keine Ablehnung gekriegt. Es kannten doch einfach nur zu wenige. Es war doch nicht so, dass wenn man Dendemann jemandem vorstellt, dass es eine polarisierende fifty-fifty Sache war. Die meisten Leute haben dann doch gesagt, irgendwie ganz geil. Aber wie kriegt man die? Support spielen, Support spielen. Und jetzt gibt's Streaming. Es ist einfach da.

Zum Track „Keine Parolen“: Da nehme ich ja die Rolle an, die ich tatsächlich hervorragend ausfüllen kann: der Politikverdrossendste, der jetzt einmal für die anderen, die zwar wissen, dass sie es sind, aber es noch nicht wahrhaben wollen, einmal als erster Lemming springt und sagt: Okay, wir sind gefickt. Und das kippt dann in einem zweiten Teil in diese Mittelstandssehnsucht. Dieses immer irgendwie schon wieder wissen, was man noch so gebrauchen könnte, obwohl man es definitiv nicht braucht. Der ganze Konsum, diese Sehnsüchte, die eigentlich faktisch nicht da sind und damit auch ganz schön arrogant sind. Und es ist irgendwie auch nur ein weiteres Erste-Welt-Problem, an seiner eigenen Sehnsucht zu leiden. Dass man irgendwie mehr braucht und mehr Liebe und so. Und das kippt dann in die schlimmste Parole und die oberflächlichste. So ungefähr hatte ich es mir gedacht.


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