Bayern 2 - Zündfunk


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Neues Album: "Wer Sagt Denn Das?" Deichkind: "Dieser Wunsch nach Relevanz, aber auch eine unterhaltende Band zu sein - dazwischen stecken wir"

Das neue Album "Wer Sagt Denn Das?“ von Deichkind ist das bislang politischste Album der Hamburger Formation. Auf 18 Songs setzten sie sich mit Fake News, Spaltung der Gesellschaft oder Rechtspopulismus auseinander. Und Party? Die kommt auch nicht zu kurz. Wir haben mit Philipp Grütering aka MC Kryptik Joe gesprochen.

Von: Oliver Buschek, Noe Noack

Stand: 26.09.2019

Deichkind | Bild: picture-alliance/dpa

Zündfunk: „1000 Jahre Bier“ (Anm. d. Red.: Song auf dem neuen Deichkind-Album) ist ein Partysong alter Deichkind-Schule. Philipp, kannst Du Dir „1000 Jahre Bier“ als Wiesn‘-Hit vorstellen?

Philipp Grütering aka Kryptik Joe: Also, ich kann's mir vorstellen. Da müsste ich aber mal ein bisschen länger ausholen. Ich glaube, „1000 Jahre Bier“ ist nur ein Teil von unserem Konzept Deichkind. Wir sind bekannt als eine Party Band, die viel den Exzess feiert, Party macht und sehr einfache Slogans verwendet. Aber wir haben auch festgestellt, dass wir da auch auf eine Art nicht wirklich mit weiterkommen. Nach unserem sechsten Album bin ich zu Porky (Anm. d. Red.: der zweite MC Sebastian Dürrer) und habe gesagt: "Wir lassen es erstmal mit Sauf-Songs. Wir haben jetzt genug Hymnen geschrieben und wir widmen uns jetzt mal anderen Themen". Wir waren auch auf der Suche nach relevanteren Themen, auch gesellschaftlich. Irgendwann hat er mich aber angerufen und gesagt: "Du Phil, ich habe einen guten Titel, '1000 Jahre Bier'. Da musste ich dann laut loslachen. Es ist einfach so passiert. Wir haben dann gesagt "Komm, dann machen wir den noch mal auf unser Album". Wir haben das in der Band auch streng diskutiert, ob die Nummer überhaupt aufs Album kommt.

Weil sie so monothematisch ist und wirklich auf einem „Böhse Onkelz“-Konzert und auf der Wiesn‘ stattfinden könnte?

Oder Ballermann, genau. Aber wir bleiben halt eine Band, die inzwischen nicht nur die Atzen sind, sondern auch ein Teil von den Goldenen Zitronen haben. Das ist so der schmale Grat, den wir gehen. Wir haben unser Album auch nach einem Song benannt, der eben nicht nur monothematisch zum Saufen geht, sondern auch um andere Themen.

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Deichkind - Richtig Gutes Zeug (Official Video) | Bild: deichkindTV (via YouTube)

Deichkind - Richtig Gutes Zeug (Official Video)

Da müssen wir unbedingt gleich noch drüber reden über die andere Seite von Deichkind. Aber erstmal - ihr habt auch Gastsänger auf der Platte oder? Rapper Jan Böhmermann ist zum Beispiel mit dabei.

Die Idee war bei der Platte diesmal, dass wir gar nicht mehr so dieses Name-Dropping betreiben, sondern dass derjenige, der sich dafür interessiert, das auch entdeckt. Wir hatten eben wirklich auch bei den Titeln nie "featuring Blablaba" geschrieben.

Aber wo kommt das her? Ist das, weil ihr gerne Gesellschaft habt? Oder, weil man dann irgendwie so mit den Jahren doch denkt „Ach, ob wir das alleine noch mal machen können?“.

Kommt eigentlich eher so ein bisschen aus der Songwriting Tradition, die wir betreiben. Ich habe mich jetzt letztens bei einem Podcast mit Judith Holofernes übers Songs schreiben unterhalten. Sie gesagt hat, sie schreibt einen Song und feilt ihn so lange aus, bis sie das überhaupt jemandem vorspielt. Bei mir ist das zum Beispiel ganz anders. Ich bin eher der Initiator der Songs. Ich mache die Beats, spiele Synthesizer ein und denke mir Themen aus, oft sehr frei und skizzenhaft. Ich schmeiße das dann relativ schnell bei uns in die Dropbox und Porky oder Roy, mein Produzent, sagen dann "Top oder Flop" oder "Da kann man noch was schnitzen" oder "Das ist doch toll". Deswegen hat sich das auch so entwickelt, dass wir viel mit anderen dann auch zusammenarbeiten. Mit Rocko Schamoni zum Beispiel, oder mit Maurice Summen, dem Sänger vor den Türen. Wir sind nicht so ein isolierter Apparat, der jetzt nur für sich Sachen macht, sondern sind sie offen für andere Leute. Ich könnte auch mit euch zum Beispiel mein Track machen. Würde vielleicht irgendwie nichts werden oder so, aber wir sind da erst mal generell offen für.

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Deichkind - Dinge (Official Video) | Bild: deichkindTV (via YouTube)

Deichkind - Dinge (Official Video)

Wir nehmen dich beim Wort. Kam in der Auseinandersetzung mit diesen befreundeten Musikern dann auch der Sinneswandel? „Wer Sagt Denn Das?“ ist immerhin euer bislang politischstes Album. Ihr setzt euch mit Dingen auseinander wie Fake News, Spaltung der Gesellschaft oder Rechtspopulismus.

Wir werden oft darauf angesprochen, dass wir politischer wahrgenommen werden. Aber das ist es natürlich nicht. Wir sind eigentlich immer noch ein eine Unterhaltungsband. Eine, die sich aber in Frage gestellt hat, also intern. Wir haben schon sehr früh auch auf unserem dritten Studioalbum "Aufstand im Schlaraffenland" viel mit Texten gespielt, mit Anspielungen auf gesellschaftliche Situation. Wir haben diesmal das Album nach "Wer Sagt Denn Das?" wirklich nach diesem Titel benannt, weil das auch der inhaltlich stärkste Song ist. Der handelt eben, wie gesagt, von Fake News, Spaltung Gesellschaft, Rechtspopulismus, Umweltverschmutzung, Gleichberechtigung, Rassismus. Alles Themen, die uns in den letzten Jahren beschäftigt haben, auch auf den Alben davor. Aber wir haben's diesmal so ein bisschen hervorgehoben, weil wir merken, dass die Zeiten sich auch dann doch noch mal verschärft haben. Ist dann schon wichtig, dass wir uns da irgendwie positionieren.

Eine Kollegin von uns, riesiger Hip-Hop-Fan, hat gesagt „Wow. Deichkind sind mir zum ersten Mal richtig eindrucksvoll aufgefallen, als sie vor ungefähr zwei Jahren mit Refugees Welcome T Shirts aufgetreten ist“. Hat dieser Moment was verändert?

Nein, gar nicht. Das war eigentlich ein Teil eines gesamten Konzepts. Das war damals bei der Echo Verleihung 2015, glaub ich. Uns war wichtig, da ein Statement zu setzen, weil wir auch ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Preisverleihung hatten. Wir wurden eingeladen, wir wurden nominiert, und uns wurde gesagt, dass wir diesen Preis gewinnen werden. Da ist man natürlich dann erst mal in so einer schwierigen Situation. Lehnt man den Preis ab, ist das auch keine wirklich höfliche Art. Aber da gibt es auch die eine oder andere Band, die uns auch nicht wirklich gefällt, die da auftritt. Wir haben dann gesagt: "Da müssen wir einfach was gegensetzen". Das hat aber nicht wirklich im Nachhinein etwas verändert. Es hat uns einfach deutlicher gemacht und die Einstellung geschärft, die wir eigentlich immer schon hatten. Ich glaube eher, dass die Zeiten sich geändert haben und nicht wir. Wir haben dadurch eher festgestellt, dass das mehr denn je gesellschaftlicher Diskurs ist, wir auch danach gefragt werden und wieder deutlich unsere Meinung dazu sagen.

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Deichkind - Wer Sagt Denn Das? (Official Video) | Bild: deichkindTV (via YouTube)

Deichkind - Wer Sagt Denn Das? (Official Video)

Und weil sich die Zeiten ändern, wollt ihr auch in euren Texten auf dem Album politischer sein?

Ich finde das immer so blöd, wenn man uns da so politisch sieht.

Aber ist es denn nicht politisch, wenn man da über Trumps Mauern und Ähnliches textet?

Wir stellen eine Frage. Und "Wer Sagt Denn Das?" ist eine gute Frage. Wenn ich meinen Kindern mal etwas beibringen will, dann würde ich sagen: "Stellt die Frage ‚Wer sagt denn das?‘". Wenn ich jetzt sage "Du gehst jetzt ins Bett um 20 Uhr", dann ist es eigentlich eine berechtigte Frage meines Sohnes zu sagen "Wer sagt denn, dass ich um 20 Uhr ins Bett gehen muss?".

Guter Trick. Erst mal eine Frage, dann setzt das Denken ein und vielleicht kommt man so auch mit Leuten, mit denen man nicht in Kontakt käme, in Dialoge. Ihr habt 2016 zum Beispiel auch in Dresden gespielt um ein Zeichen gegen Pegida zu setzen.

Genau. Es geht um die Frage "Spricht man mit diesen Menschen oder nicht?" und "Wie geht man auf die zu?". Das Problem hab ich erlebt und hab da auch das erste Mal Reichsbürger entdeckt. Es gibt natürlich einige Menschen, die haben einfach verschwurbelte Gedanken. Da kommt man auch gar nicht ran. Das ist auch das Schreckliche. Es gibt immer noch ein paar Leute, die unsicher sind in den heutigen Zeiten, die sich wohlfühlen mit populistischen Antworten. Die sagen "Der hat wenigstens eine Antwort auf diese komplexe Welt". Ich glaube, es ist für uns wichtig, solche Leute auch anzusprechen und zu sagen "Ne, so einfach ist das nicht". Da kommt dann auch bei uns auch ehrlich gesagt, der Humor mit ins Spiel. Wir haben immer einen sehr ironischen Blick auf alles, Das hilft uns auch durch schlechte Zeiten durchzukommen. Es ist also vielleicht eher die Zeit für Fragen. Fragen zu stellen, anstatt die die Antworten parat zu haben. Deswegen haben wir ja auch die Frage auf alle Antworten.

Die Zeiten ändern sich. Eure Musik hat sich aber nur leicht verändert, eher erweitert. Man hört Einflüsse aus HipHop, Metal, Elektro und Reggae. Kommt da vielleicht demnächst noch irgendetwas mit Musik, mit der ihr euch auf Dauer dann nicht langweilt. Oder ich sag mal, wo man angenehm als Deichkind altern kann?

Ja, bestimmt. Wir sind keine Genre Band in dem Sinne, also dieses Korsett haben wir spätestens 2005/2006 abgelegt, als wir "Aufstand im Schlaraffenland" veröffentlicht haben. Wir haben die ersten beiden Alben wirklich klassischen Hamburger Hip-Hop gemacht, so wie man ihn machen musste. Da gab es klare Regeln, auch den Klamotten- und Bewegungskodex. War ja auch alles cool, aber wir haben eben mit dieser Platte aufgehört, diesem Genre zu dienen. Das war auch nicht einfach, weil wir dann angefangen haben mit elektronischen und immer schnelleren Beats. Ich wusste auch erst mal gar nicht, wie ich mich auf der Bühne bewegen soll. Das war dann aber doch sehr hilfreich nicht genreverhaftet, sondern themenbezogen zu arbeiten. Dass wir einen Song haben mit einem bestimmten Thema. Dann können wir auch springen. Kann dann auch gerne mal eine Country-Nummer oder Punk-Nummer sein. Darum geht es auch einfach gar nicht. Das ist ein Vehikel, um Themen zu transportieren.

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Deichkind - Keine Party (Official Video) | Bild: deichkindTV (via YouTube)

Deichkind - Keine Party (Official Video)

Heute macht ihr Songs wie "Keine Party", also die Zeit der Partys ist vorbei. Klingt halb ironisch, aber irgendwie wahrscheinlich auch nicht so ganz unwahr, oder?

"Keine Party" ist auch für mich ein inhaltlich wichtiger Song auf dem Album, weil es da wirklich auch eine Auseinandersetzung mit der Band gab. Wir haben wirklich die letzten zehn Jahre unglaublich Vollgas gegeben, immer Festivals gespielt und immer Touren und Alben produziert und so weiter. Nach der sechsten Platte haben wir gesagt, wir machen jetzt mal Live-Stopp, kehren mal so ein bisschen in uns, gehen mal auf Reisen und kümmern uns um unser Privatleben. Das hat uns sehr gut getan. So gut, dass wir in der Band auch mal gesagt haben, "Was wollen wir eigentlich noch?", "Wo wollen wir eigentlich hin?". Und in dieser Ambivalenz stecken wir eigentlich auch. Dieser Wunsch nach Relevanz, aber auch eine unterhaltene Band zu sein. Dazwischen stecken wir und das drückt der Song für uns ganz gut aus.

Schön, dass es euch (noch) gibt. Dankeschön, MC Kryptik Joe alias Philipp Grütering von Deichkind!


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