Bayern 2 - Zündfunk


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David Graeber über Arbeit und Corona "Man muss die Dinge radikal verändern, hat aber vergessen, wie das geht"

David Graeber lehrt an London School of Economics und ist anarchistischer Theoretiker. Von ihm stammt auch der Begriff der "Bullshit Jobs" - Arbeit ohne gesellschaftliche Relevanz. Wir haben ihn zu seiner Meinung zur jetzigen Situation befragt.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 08.04.2020

David Graeber | Bild: Picture-Alliance / Tagesspiegel

Der Anarchist David Graeber hat vor zwei Jahren das Buch „Bullshit Jobs“ herausgebracht. Bullshit Jobs, sagt er, sind Jobs, die keine gesellschaftliche Relevanz haben. Es würde sich nichts ändern, wenn sie nicht da wären. Verwaltungsassistenten zum Beispiel, PR-Spezialisten oder Unternehmensanwälte. Das zentrale Kriterium ist dabei, dass die Menschen selbst glauben, ihr Job ist Bullshit – und das treffe laut einer Umfrage auf 30 Prozent der Bevölkerung zu. Jetzt haben wir den Anthropologen zu seiner Meinung zur aktuellen Situation befragt – schließlich haben viele Bullshit-Jobber ja im Lockdown gerade wenig zu tun.

Zündfunk: David Graeber, die Menschen sitzen gerade im Homeoffice und einige denken sogar über ein bedingungsloses Grundeinkommen nach. Sind es gerade gute Zeiten, um ein Anarchist zu sein?

David Graeber: Es sind auf jeden Fall gute Zeiten für vielseitige Denker. Denn die Verantwortlichen und Führungskräfte stehen gerade vor einer Art Dilemma. Sie haben vierzig Jahre damit verbracht, die Leute davon zu überzeugen, dass wir keine neuen, radikalen Ideen mehr brauchen. Das war natürlich nie so, auch wenn es oft behauptet wurde. Jetzt hat man aber plötzlich keine Wahl mehr. Man muss die Dinge radikal verändern, hat aber vergessen, wie das geht. Menschen mit Ideen werden gerade gebraucht.

Für ihr Buch haben Sie damals mit vielen Menschen gesprochen, die glauben, sie stecken in so einem „Bullshit Job“. Sehen diese Menschen die Pandemie jetzt als Chance?

Das hängt oft von ihrer Einstellung zu ihrem Job ab. Wir leben ja in einer Gesellschaft, die den Leuten sagt, sie müssen arbeiten. Das ist ja auch der Grund dafür, dass diese Jobs existieren können. Die Leute fühlen sich moralisch zum Arbeiten verpflichtet, sitzen lieber im Büro und drehen Däumchen, als keinen Job vorweisen zu können. Unsere Gesellschaft definiert sich also durch unseren Willen zur Arbeit. Aber was machst du, wenn du plötzlich nach Hause kommst und merkst, dass dich deine Arbeit nur 15 Minuten pro Woche kostet und du sonst gar nichts machst? Erzählst du es den Leuten oder nicht? Ich habe viele Freunde, die mir gesagt haben, dass sie ihren Job in 15 Minuten am Tag erledigen können und dann vielleicht noch ein oder zwei halbstündige Video-Konferenzen haben. Viele Leute sind damit jetzt konfrontiert und können es auch nicht länger leugnen. 

Wie sehen Sie die Maßnahmen der Regierungen überall auf der Welt? Gerade als Anarchist passen doch Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote nicht gerade zur universellen Freiheit, oder?

Die Regierungen müssen das ja machen, weil es keinen Gemeinschaftssinn mehr gibt. Sie haben es ja in der Vergangenheit geschafft, fast alle lokalen Gemeinschaften zu zerstören. Die Leute kennen ihre Nachbarn nicht mehr, obwohl es früher vielleicht anders gewesen wäre. Arbeitsplätze sind outgesourced und niemand hat mehr das Gefühl, wirklich im selben Team zu spielen. Also haben die Menschen verlernt, gut miteinander zu leben und aufeinander aufzupassen. Der Staat muss übernehmen, weil ihm nichts Anderes übrigbleibt. Paradoxerweise baut sich Gemeinschaft aber gerade wieder auf. Obwohl die Leute sich nicht versammeln dürfen, lernen sie sich und ihre Mitmenschen in der Krise auf eine ganz neue Art und Weise kennen.

Kann Corona ein System Changer sein?  

Das muss es. Wir reden ja nicht nur über Lockdowns, sondern auch über wirtschaftliche Folgen. In jedem Fall macht es die Corona-Krise sehr schwierig, die Illusionen, die unsere Gesellschaft zuvor geprägt haben, aufrecht zu erhalten. Klar werden einige danach versuchen, so zu tun, als seine wir nur gerade aus einem bösen Traum erwacht und einfach wieder zurück ins normale Leben gehen. Die meisten haben aber inzwischen realisiert, dass unser normales Leben in Wirklichkeit der Traum ist. Wir tun ja nur so, als würden wir arbeiten. Wir tun nur so, als ob die großen Institutionen aus irgendeinem wichtigen Grund da wären. Aber aus welchem, außer sich selbst zu erhalten? Die Wall Street zum Beispiel. Gerade gibt es eine Debatte, ob man die schließen sollte, weil ständig alles crasht. Was mich wirklich fasziniert: Niemand geht davon aus, dass der Lockdown irgendeinen wirtschaftlichen Schaden verursachen wird. Also warum gibt es die Wall Street überhaupt noch? Die großen Institutionen haben versagt und jetzt ist es unmöglich, den Geist zurück in die Flasche zu stecken.   

Sie spielen auch auf den Begriff der Systemrelevanz an. Gefällt ihnen der Begriff als Kritiker der „Bullshit Jobs“?

Natürlich. Eines der wichtigsten Argumente meines Buchs ist ja nicht nur, dass ein Drittel der Bevölkerung sagt, ihr Job habe keine gesellschaftliche Relevanz. Es geht ja auch darum, dass die Leute mit den wichtigen Jobs schlechter bezahlt und schlechter behandelt werden. Je mehr dein Job anderen zugutekommt, umso wahrscheinlicher wird es, dass du schlecht bezahlt wirst. Wie ist es zu diesem System gekommen? Das ist einfach nur bizarr.

Im letzten Satz in „Bullshit Jobs“ fordern sie dazu auf, über eine wirklich freie Gesellschaft nachzudenken. Worüber sollten wir denn als erstes sprechen?

Was wir jetzt sehen: Alle Jobs, die in so einer Krise wirklich wichtig werden, sind Caring-Jobs. Und das ist doch auch das Grundprinzip der Wirtschaft. Dass wir gegenseitig aufeinander achten. Dass wir uns gegenseitig versorgen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Das haben wir aber aus den Augen verloren. Wir behandeln die Wirtschaft, als gehöre sie gar nicht zu uns. Einige sagen sogar: Es ist okay, dass Menschen sterben, um die Wirtschaft zu retten. Wieso kapieren die nicht, dass man Leben und Wirtschaft nicht getrennt verhandeln kann? Eine wirklich freie Gesellschaft muss diesen Trugschluss aufdecken.              


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