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Dave Gahan wird 60 Wie der Depeche Mode-Frontmann vom Sänger zum Songwriter wurde

Seit seinem 18. Lebensjahr ist Dave Gahan Sänger der wohl bekanntesten Synthie-Pop-Band der Welt. Er brachte nicht nur den Namen „Depeche Mode“ mit, sondern auch den unvergleichlichen Bariton. Doch das Leben begann schon schwer für den Briten. Eine Rückschau.

Von: Ralf Summer

Stand: 09.05.2022

Depeche Mode-Frontmann Dave Gahan auf der Bühne. | Bild: pa/Pacific Press | Alessandro Bosio

David Gahan ist kein einfacher Junge für seine Mutter in Basildon, 40 km östlich von London. Als Scheidungs- und Patchworkkind, der den leiblichen Vater nur einmal im Leben sieht, nabelt sich Dave früh ab. Er landet auf Punk-Konzerten und auf der Anklagebank: er wird beim Autoklau erwischt. Das Davonbrausen vor der Polizei gibt ihm einen besonderen Kick. Ein Jahr bekommt er Sozialstunden aufgebrummt, dann wird er an einer Kunstschule genommen und schließt als Designer ab. „Es war die Musik, die mich vor dem Jugendknast bewahrte“, wie Dave später sagt.

Gahan lernt in London das Duo „French Look“ kennen - Martin Gore und Vince Clarke. Dann steigt Andy Fletcher ein, sie nennen sich nun „Composition of Sound“. Dave wird ihr Roadie und Mischer. Als sie hören, wie er David Bowies „Heroes“ singt, darf Dave bei der Band als Sänger einsteigen. Und bringt den Bandnamen mit: „Depeche Mode“ – wie ein französisches Modemagazin, aber ohne Accents geschrieben. Sie landen bei einem der Indie-Labels überhaupt: Mute Records von Daniel Miller, einem Spezialisten für elektronische Musik.

Internationaler Ruhm - und die vielen Kehrseiten

Dave Gahan während eines Auftritts von Depeche Mode in den 1980er Jahren.

Depeche Mode ist die Band mit den treuesten Fans. Andersrum gesagt: nirgendwo sonst treiben der Sammler-Wahn und das Marketing solche Exzesse wie hier. Heißt: ihre Alben und Singles erscheinen in unzähligen Ausgaben. Der Song “Strangelove“ aus dem Jahr 1987 wurde weltweit in 129 verschiedenen Versionen veröffentlicht.

Mit dem Album “Songs Of Faith And Devotion“ aus dem Jahr 1993 verändert sich Dave Gahan schließlich. Er sieht nun wie ein Rocker aus: lange Haare und schwarzes Leder, Oberkörper gerne nackt. Dank dieses Looks und des Gitarren- und Schlagzeug-lastigen Werks werden Depeche Mode nun auch von den Amerikanern geliebt. Doch die Band erlebt auch die Kehrseite des Ruhms: nach 14 Monaten auf Achse ist die Gruppe am Boden. Martin Gore hat ein Alkoholproblem, Andrew Fletcher Nierensteine und einen Nervenzusammenbruch, Alan Wilder steigt aus und Dave Gahan trifft es am Schlimmsten: vor der Zugabe in New Orleans erleidet er einen Herzinfarkt. 1995 schlitzt er sich die Pulsadern auf, ist klinisch tot, wird aber im fast letzten Moment noch gerettet. Ein Jahr später stirbt Gahan fast an einem Speedball, dem Mix aus Heroin und Kokain.

Emanzipation nach Absturz

Freunde wie Anton Corbijn passen nun auf Gahan auf – der Band-Fotograf zeigt ihm alte Fotos, auf denen Gahan bewusstlos im Hotelbett liegt. Es braucht ein Jahr und seinen ersten Gesangsunterricht, bis Gahan seine Stimme wieder findet. Wir wissen nicht genau, was ihm den Boden unter den Füßen so weggezogen hat. Vielleicht das Privatleben? Gahan ist zum dritten Mal verheiratet. Oder die Sache mit den Songs? Schließlich durfte er damals nur Lieder singen, die ein anderer, die Martin Gore geschrieben hat. Dave ist – in Anführungszeichen - lediglich der Sänger.            

„Ich bin nicht Martin Gores Marionette“, sagt Gahan in einem Interview. Und droht: „ich arbeite nun mit Leuten zusammen, die Spaß an meinen Songs haben. Wenn Martin das nicht gutheißen kann, wüsste ich nicht, wieso wir weiter machen sollten.“ Gahan hatte sich mit den Soulsavers angefreundet, einer Vorband von Depeche Mode. Er versteht sich mit dem britischen Duo so gut, dass sie seine Zweitband werden. Die Texte fließen jetzt nur so aus ihm raus. „Andere Pfade gehen, Löcher im Depeche Mode-Zaun finden und mal ausbüchsen, das ist nötig“, sagt Gahan.

Zum ersten Mal selbst Komponist bei Depeche Mode

Die tragische Zeit des Sängers ohne eigene Songs geht erst auf „Playing The Angel“ zu Ende. Drei Songs vom 2005er Depeche Mode-Album stammen erstmals aus der Feder des Sängers: für sein „Suffer Well“ gibt es gleich eine Grammy-Nominierung. Es ist nach 25 Jahren das erste Mal, dass der Name “Dave Gahan” als Komponist auf einem Depeche Mode-Album steht.     

Auf dem aktuellen Cover-Album seiner Band The Soulsavers singt Gahan auch „Always On My Mind“, ein Lied, das Elvis bekannt gemacht hat. „Damit kann ich mich identifzieren“, sagt Gahan, „meine neue Platte heißt auch „Imposter“, also „Hochstapler“. Das meint, dass jemand durch die Worte eines anderes lebt. Deshalb ist „Always On My Mind“ der letzte Song der „Imposter“-Platte und das Stück, mit dem Gahan zur Zeit seine Konzerte beendet. Der Bariton des Electro-Pops hat sich mit 60 Jahren weiter von Depeche Mode emanzipiert. Seine Wut ist einer Selbstironie gewichen. Damit kann man alt werden!