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"Das kann das Internet nicht ersetzen" Das sagt Ex-Chefredakteur Christoph Gurk zum Aus der SPEX

Nach 38 Jahren und 384 Ausgaben wird das Kulturmagazin SPEX zum Jahresende eingestellt. Der ehemalige Chefredakteur Christoph Gurk spricht über das Vakuum, dass ohne die SPEX in der popkulturellen Landschaft entsteht.

Stand: 16.10.2018

Das Titelbild der ersten Ausgabe der Spex, vom September 1980 | Bild: Spex

Am 27. Dezember erscheint die Zeitschrift über den Pop, „der unser Leben prägt, die Gesellschaft, die es uns vermiesen will und mögliche Wege, die aus diesem Dilemma herausführen könnten“ zum aller letzten Mal. Achim Bogdahn spricht mit Christoph Gurk über die Bedeutung von Szenemagazinen und darüber, warum es immer weniger von ihnen gibt.

Achim Bogdahn: Christoph, wann ist dir das erste Mal eine SPEX in die Hände gefallen?

Christoph Gurk: Ich kann mich noch gut daran erinnern, das war zu Beginn der 80er Jahre. Schon damals war die SPEX für mich ein wesentlicher Sozialisationsagent: Denn wer nicht selbst in einer Großstadt gewohnt hat - das Internet gab es ja noch nicht - für den war das Magazin eine sehr wichtige Publikation, um sich über Musik, auch abseits des Mainstreams, zu informieren. Die Diskussionen, die in der SPEX geführt wurden haben mich sogar in der Wahl meiner Studienfächer beeinflusst. Studiert habe ich später dann Literatur und Philosophie. Die SPEX spielte nicht nur für mich eine ähnlich prägende Rolle wie die Feuilletons der großen Zeitungen.

Achim Bogdahn: Wie war das für dich, als du dann selbst dort gearbeitet hast?

Christoph Gurk: Man muss schon ehrlich sagen, es war nicht immer sehr angenehm da zu arbeiten, unter diesen sehr prekären Arbeitsbedingungen und reich wurde da keiner. Trotzdem war die SPEX für mein Leben sehr wichtig und entsprechend groß ist jetzt die Trauer über ihr Aus.

Achim Bogdahn: Das Magazin war ja nicht nur für Musik-Fans wichtig, sondern auch für Bands. Welche Karrieren sind denn mit der SPEX besonders eng verbunden?

Christoph Gurk: Angeblich soll Madonna die erste Erwähnung in der deutschsprachigen Presse in der SPEX erfahren haben. Das war lange vor meiner Zeit. Als ich in den 90er Jahren zur SPEX kam, haben wir viele junge Bands mit auf den Weg gebracht. Tocotronic hatten ihren aller ersten Artikel bei uns, bei Blumfeld war es nicht anders. Für deutschsprachige Musik war die SPEX besonders wichtig, das gilt aber auch für den HipHop. Ich erinnere mich, dass der Wu-Tang Clan sehr früh in der SPEX besprochen wurde oder eine Gruppe wie Pavement, die ja auch im Zündfunk lange Zeit sehr beliebt war, haben wir von Anfang an unterstützt. Es gibt eine Reihe von Musikern, die die Zeitschrift sehr lange begleitet hat.

Achim Bogdahn: Warum geht es denn jetzt mit der SPEX zu Ende?

Christoph Gurk: Es ist ja bekannt, dass der nicht mehr amtierende, letzte Chefredakteur der SPEX, Arno Raffeiner, schon vor einigen Monaten gegangen ist, weil er von der Verlagsleitung dazu aufgefordert wurde eine Redaktionsstelle einzusparen.

Achim Bogdahn: Wie viele Redakteure hatte die SPEX denn durchschnittlich?

Christoph Gurk: Also zu meiner Zeit waren das gerade mal drei Leute, die da Vollzeit gearbeitet haben.

Achim Bogdahn: Wenn man da einen entlässt, dann bleibt nicht mehr viel.

Christoph Gurk: Genau. Und Arno hat sich der Entlassung widersetzt, dann ist vor kurzer Zeit Daniel Gerhard als Chefredakteur eingesetzt worden, aber offenbar wird es da schon seit einigen Monaten den Plan gegeben haben, das Heft lukrativer zu machen, indem man Kosten einspart. Das hat offenbar nicht so toll funktioniert.

Christoph Gurk im Zündfunk-Studio

Achim Bogdahn: Das Groove-Magazin gibt es nicht mehr, vor wenigen Monaten wurde das Intro-Magazin eingestellt, genauso das Magazin Neon. Ist die Zeit vorbei für Zeitschriften, die Gatekeeper waren, für das, was wirklich interessant sein könnte?

Christoph Gurk: Gatekeeper ist sicherlich ein guter Begriff. Wir wissen alle, dass durch das Internet die Musikbranche sehr stark umstrukturiert wurde. Die Aufgabe des Musikjournalismus war es eine Selektion vorzunehmen, denn die Musik war ja nicht überall online verfügbar. Diesen Selektionsmechanismus gibt es in dieser Form nicht mehr, weil man sich selber informieren kann. Das finde ich schade. Der Musikjournalismus in der Gegenwart sollte sich stärker zur Aufgabe machen, übergeordnete Zusammenhänge herzustellen.

Achim Bogdahn: Kann das Internet die SPEX ersetzen?

Christoph Gurk: Die SPEX hat es immer als ihre Aufgabe angesehen, dass bei einer Kultur wie der Popkultur, die ja einer kapitalistischen Warenlogik entstammt, auch das subversive, kritische und selbstermächtigende Potential für Minderheiten lesbar und hörbar zu machen. Das kann das Internet nicht ersetzen. In der Hinsicht fehlt eine Zeitschrift wie die SPEX natürlich sehr. Ganz sicher wird mit ihr ein wichtiger Bestandteil der Popkultur in Deutschland für immer verschwinden.


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