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Symbol für Rassismus oder Empowerment? Wie die Marvel-Figur Punisher von den neuen Rechten vereinnahmt wird

Der Punisher, eine fiktive Figur aus dem Marvel-Universum, findet mit seinem Totenkopf-Symbol Anklang in der realen Welt. Doch sein Symbol wird vielfältig wahrgenommen und von amerikanischen Polizisten und neuen Rechten neu interpretiert.

Von: Aylin Doğan

Stand: 21.01.2021

Neues Zeichen für Alt-Right | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Sachelle Babbar

Wie es sein Name bereits vermuten lässt, ist der Punisher kein klassischer Superheld, dem man gerne begegnen möchte. In seinem ganzen Sein ist er nämlich aufs Bestrafen aus. Auf seiner Brust prangt sein Kennzeichen: Ein riesiger Totenkopf.

Der Anti-Held wird zum Symbol für Selbstjustiz

Seine Origins-Geschichte ist dabei durchaus tragisch, denn als ehemaliges US-Marine-Mitglied kehrt er traumatisiert aus Einsätzen zurück. Später werden seine Kinder und seine Frau von der Mafia ermordet. Es ist eine Figur, die nichts mehr zu verlieren hat.

"Der Punisher ist quasi Richter und Henker in Personalunion, bei dem es immer Auge um Auge, Zahn um Zahn geht. Er kann nur im Untergrund agieren. Und hier jagt er Verbrecher, aber auch korrupte Politiker. Dort, wo seiner Meinung nach der Rechtsstaat versagt. Dort tritt er dann eben in Erscheinung, mit sehr rabiaten und brutalen Mitteln. Er greift hier eben auch auf Folter zurück, um sein Ziel zu erreichen", das erzählt Markus Haage über den Punisher. Haage beschäftigt sich für sein Magazin „Neon Zombie“ mit cineastischer Popkultur. Aber nicht nur Haage ist Fan der Figur. Denn während der Punisher in der Marvel-Welt zum Inbegriff von Selbstjustiz wird, wird er auch in der realen Welt heroisiert. Von Personen, die nicht auf Selbstjustiz aus sein sollten. Personen, die im Sinne des Rechtsstaates agieren und uns schützen sollten. Personen, wie Polizisten. Gerade in den USA ist das schon seit Jahren ein Problem. Vor allem mit der Black-Lives-Matter-Bewegung, die dort seit 2013 läuft.

"Als Gegenreaktion wurde Blue Lives Matter ins Leben gerufen, auch von reaktionären Kräften. Und hierbei sollte es darum gehen, auf das Leid von Polizeibeamten hinzuweisen, die zum Beispiel im Dienst verletzt oder getötet werden. Das ist an sich natürlich sehr nobel, aber es wurde natürlich auch von diesen reaktionären Kräften wieder gekapert. Und so hat man das Punisher-Symbol verwendet und in diesen Blue-Lives-Matter-Kontext gepackt. Frei nach dem Motto, also zumindest habe ich es so gedeutet: Wir können auch anders auftreten. Wir können auch stärker, rabiater und brutaler auftreten", erklärt Markus Haage.

Das Punisher-Logo ist ein markanter Totenkopf

Und dieser Totenkopf ziert seit Jahren einzelne Polizeiautos und Uniformen in den USA.

"Ich würde es als Beanspruchung von absolut tödlicher Macht und rechtlicher Immunität bezeichnen." Das meint Nate Powell. Der US-amerikanische Autor und Comic-Zeichner beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und hat im Jahr 2019 sogar einen Comic-Essay zu dem Thema veröffentlicht. Powell findet, der Einfluss des Punishers habe im US-Militär angefangen. Wie etwa bei Chris Kyle.

Kyle war der Scharfschütze, der mit 160 Menschen die meisten Tötungen in der Geschichte des US-Militärs verzeichnet. Und: Kyle war stolzer Punisher-Fan, betont Powell: "Chris Kyle war die Übernahme des Punisher-Totenkopf-Logos besonders wichtig. Er war der Erste, der es direkt mit dem Militärdienst und tödlicher Gewalt in Verbindung brachte."

Ein Symbol mit mehreren Bedeutungen

So düster spielt Jon Bernthal die Figur des Punishers in der gleichnamigen Netflix-Serie.

Der Punisher Totenkopf: Ein Symbol von absoluter Macht, Brutalität und – in Anbetracht der Black-Lives-Matter-Demonstrationen - auch eines für Rassismus. Der Traum eines amerikanischen Nationalisten, der sich ganz oben in der Nahrungskette sieht. Und das gefällt nicht nur manchen Polizisten, sondern auch der Alt-Right-Bewegung, also den neuen Rechten. Seit Jahren wird der Totenkopf auch von ihnen getragen. Sehr prominent 2017 bei den rechtsextremen Demonstrationen in Charlottesville und zuletzt auch am 6. Januar 2021, beim sogenannten "Sturm aufs Kapitol" in Washington D.C.

"Diese Symbole sind sehr wichtig für die Entwicklung, in der rechtsextreme Ideologien und weißer Rassismus in den Mainstream gelangen. Diese radikalen Ideen und Forderungen werden für das konservative Amerika immer normaler – und das hat auch damit zu tun, dass die Symbole des Extremismus zur Marke werden und als ganz normale Konsumgüter im Alltag landen." Darin sieht Powell das Problem. Aber was macht man mit einem Symbol, das so sehr von Extremisten vereinnahmt wurde? Auf Social Media fordern manche Marvel-Comics auf, die Figur des Punishers in den Ruhestand zu versetzen.

Aber das ist nicht die einzige Perspektive: Gerry Conway, einer der Schöpfer der Comicfigur, hat kürzlich gefordert, man müsse das Symbol zurückholen. Auf die richtige Seite ziehen. Der Punisher sei ein Symbol für die Unterdrückten. Für die, die von der Justiz nicht repräsentiert werden. Und damit auch für die Black-Lives-Matter-Bewegung. Vielleicht existieren in Zukunft also zwei Interpretationen des Punishers: Eine als Symbol für Rassismus, eine als Symbol des Empowerments.


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