Bayern 2 - Zündfunk

Ageism Das Problem mit "OK, Boomer"

Schon immer haben sich junge Menschen vom alten Establishment abgrenzen wollen - das ist auch gut so, denn ohne Abgrenzung keine gesellschaftliche Entwicklung. Zuletzt hat sich dieser Versuch ins Netz verlagert, wo Generation Y and Z sich auf TikTok und Instagram per Meme von den Alten distanzieren: „OK Boomer“. Ein ziemlich unsinniger Versuch der Abgrenzung.

Von: Phillip Syvarth

Stand: 18.11.2021

Wegweiser mit "Jung" und "Alt", die in verschiedene Richtungen zeigen | Bild: picture-alliance/dpa

2019: Das Jahr, in dem OK, Boomer geboren wurde. Chloe Swabrick, eine Parlamentsabgeordnete der britischen Grünen, sagte das damals als ein Kollege sie bei einer Rede unterbrach.

Daraus wurde ein virales Internet-Meme. Doch während die meisten Memes von kurzer Lebensdauer sind, sagen meine Freundinnen und Freunde – alle Millennials - auch heute noch zu allem "OK, Boomer!", was nicht konform mit unserer woken linken Twitter-Bubble ist.

Boomer-Abneigung oder berechtigte Kritik?

Doch woher kommt dieser Wunsch, sich unbedingt von der Baby Boomer-Generation abzugrenzen? Mir fallen in dem Zusammenhang als erstes Plakatsprüche wie diese ein, die man auf Klimawandeldemos sieht: „Wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ oder „Wir sind wütend“. Stecken hinter der Boomer-Abneigung etwa berechtigte Vorwürfe gegen eine Generation, die nicht genug gegen die Klimakrise tut?

Quang Paasch, Pressesprecher Fridays For Future

Ich hab beim Pressesprecher von Fridays for Future nachgefragt: „Ich glaube am Anfang sind wir natürlich auf die Straße gegangen mit den Sprüchen wie 'Ihr klaut uns die Zukunft' und 'Ihr seid dafür verantwortlich', und dieses 'ihr' wurde nie definiert, und es wurde direkt auf das Alter geschlossen – also die ganze Generation Baby Boomer ist dafür verantwortlich. Ich glaube aber nach fast drei Jahren streiken haben wir gesehen, dass ganz viele ältere Menschen natürlich solidarisch sind. Generationenkonflikt als ganze Generation meinend, also die Kassiererin oder die Pflegekraft mitgemeint, das ist irreführend und auch spaltend. Man kann keine Generation pauschalisieren. Weil unsere und ältere Generationen viel diverser sind", sagt Quang Paasch.

Paasch ist 20 Jahre alt – also Gen Z – und nicht dabei beim Boomer-Bashing. Ein wenig anders sieht das Klimaaktivistin Anja Paolucci, 19 Jahre alt, auch bei Fridays for Future. Sie sagt: Die Baby Boomer müssten sich schon einiges vorwerfen lassen: "Es gibt einfach Sachen, die sich schon mit der Generation der Baby Boomer in Verbindung bringen lassen: Die Klimakrise nicht als tatsächliche Krise anzuerkennen, das ist etwas, das man in der Generation Boomer viel stärker sieht, als in unserer Generation oder in der Generation Y."

"Es gibt diese rücksichtslose Boomergeneration so nicht"

Aber was ist da dran, an dem Bild der älteren Generation, der die Zukunft der Jüngeren egal ist?

"Was wir schon haben, sind Befragungsdaten zu Einstellungen zum Klimawandel und da gibt es diese rücksichtslose Boomergeneration so nicht."

Anna Wanka, Altersforscherin LMU München

Altersforscherin Anna Wanka ist selbst Millennial und sagt: Umweltbewusstsein habe mehr mit Einkommen und Bildungsstand zu tun als mit dem Alter. Wanka habe ich aufgesucht, um herauszufinden, warum ich mich überhaupt so sehr über die zwei kleinen Worte "OK, Boomer" aufrege. Und Anna Wanka findet einen Begriff für diese Rhetorik, der das Problem auf den Punkt bringt: Ageism. "Das sind homogenisierende, also vereinheitlichende, oder eben auch meistens dann negative Vorstellungen über bestimmte Altersgruppen. Da gibt’s dann eben auch viele Alters-Stereotype", erklärt mir Anna Wanka. Und Stereotype haben Konsequenzen. Im Arbeitsbereich werden Menschen über 45 zum Beispiel nachweislich diskriminiert. Während die Gesellschaft inzwischen viele unterschiedliche Diskriminierungsformen wie Race, Gender oder Class ernst nimmt, fehlt es bei der Kategorie Alter noch an Sensibilität: "Man müsste sich einfach bei vielen Dingen fragen, würde man die selbe Aussage tätigen können, wenn man anstatt 'OK, Boomer' 'OK, Frau" sagen würde zu etwas, das man dumm oder unnötig findet. Dann würden sich wahrscheinlich viele denken das sollte man nicht machen." Den selben Maßstab, findet Anna Wanka, sollte man an solche Stereotype im Alter anlegen.

Gehört der Generationenkonflikt einfach dazu?

Und genau das ist doch der Knackpunkt: dieselben Leute, die sonst gesellschaftliche Ungerechtigkeiten problematisieren, blicken von oben herab auf die Kategorie Alter! Wenn mich das mit 26 Jahren schon ärgert, wie muss es dann den Baby Boomern damit gehen? Silvia Pilarsky-Grosch ist in ihren Sechzigern, also eine echte Boomerin – eine Betroffene! Sie ist Landesvorsitzende des  BUND Baden-Württemberg, sie hat schon vor Jahrzehnten für den Umweltschutz gekämpft. Macht sie diese Attitude nicht wütend? Nein, sagt sie mir: "Ich hab nicht das Gefühl, dass das irgendwie unfair ist. Das verstehe ich ja. Das war ja auch immer so, dass junge Leute versucht haben das Verhalten und die Ansichten der Vorgängergenerationen oder der älteren Generationen durchaus kritisch zu hinterfragen."

Ach so, na dann ist doch alles gut? Vielleicht gehört ein wenig Generationenkonflikt auch einfach dazu – war ja schon immer so. Diskriminierung und Ignoranz bleiben aber uncool, egal ob auf Grundlage des Geschlechts oder des Alters. Schön wäre doch eine Rhetorik, die uns wieder in einen Austausch bringt, in dem sich jung und alt gegenseitig überzeugen wollen – und bereichern.