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Queen of Soul stirbt mit 76 Jahren Wie Aretha Franklin als Frau in den Sixties "Respect" einforderte - und ihn auch bekam

Sie ist die erste Frau, die damals in die Rock 'n' Roll Hall of Fame aufgenommen wurde: Wo und wann begann Aretha Franklin ein Phänomen, eine so außergewöhnliche Erscheinung zu sein?

Von: Judith Schnaubelt

Stand: 17.08.2018

Aretha Franklin hebt ihren Arm | Bild: picture-alliance/dpa

Die Sache mit dem Phänomen begann offenbar nicht in Arethas Geburtsstadt, nicht in Memphis, Tennessee. Es begann in Detroit. Natürlich in Detroit, denkt der Black Music-Fan. Wo sonst? Detroit, die einst blühende Industriestadt im nördlichen Bundesstaat Michigan am Detroit River. Motorcity. Noch blüht sie in der zweiten Hälfte der 50er Jahre, die Autoindustrie. Und die Unterhaltungsmaschinerie. Im Radio spielen sie Rhythm 'n' Blues & Rock 'n' Roll. Little Richard, Chuck Berry. Elvis. Aber auch die sanfteren Sänger wie Sam Cooke oder Clyde McPhatter. Nightclubs wie die Flame Show Bar sind beliebt in Detroit und bestens frequentiert. Hier spielen die angesagten Jazz-Bands und treten berühmte Sängerinnen und Sänger auf: Dinah Washington, Nat King Cole oder Sarah Vaughan. An jeder Straßenecke stehen ein paar Jungs zusammen und proben Harmoniegesang, eifern den bekannten Doo-Wop-Gruppen nach. 

Nat King Cole 1958 im Film "St Louis Blues".

"Egal, wo du dich in dieser Stadt gerade aufgehalten hast oder wie alt du warst, Musik schien ganz Detroit zu durchdringen", schreibt Mary Wilson, eine der drei berühmten Supremes in ihrer Biographie "Dreamgirl." 1958 war Mary Wilson 14 Jahre alt. Und Aretha Franklin, die Mary aus der Schule kannte, war 16. Die Teenager hören Radio, schauen sich Rock 'n' Roll Filme im Kino an oder vergnügen sich auf der Rollschuhbahn. Während Mary noch etwas ängstlich versucht die Spur mit den Rollschuhen zu halten, sieht sie Aretha vorbeiflitzen. "Sie fuhr nicht einfach nur Rollschuh', nein, sie tanzte," schreibt Mary. Das heißt, im Englischen schreibt Mary nicht "she danced" sondern "she bopped". Und bopped bedeutet weit mehr als einfaches Tanzen. Das Wort kommt wahrscheinlich aus dem Jazz von Bebop. Und meint rhythmische Höhenflüge, Freiheit des Ausdrucks. Arethas Musikalität manifestierte sich also schon beim Rollschuhfahren.

Außergewöhnliche musikalische Intuition durch Gospelgesang

Kommt dazu: Sie war "the daughter of a preacherman", die Tochter eines Predigers. Und die Tochter der Gospelsängerin Barbara Siggers. Der Vater hieß Reverend Clarence LaVaughn Franklin. Seine New Bethel Baptist Church war eine der berühmtesten Kirchen in die Detroit. Wunderschön und riesig. Reverend Franklin, erzählt Mary Wilson von den Supremes, war einer der einnehmendsten Priester überhaupt. Und er hielt großartige Predigten. Immer begann er mit sehr leiser Stimme, steigerte sich in dramatische Anrufungen und ging dann plötzlich in einen Song über. Viele Frauen in der Kirche waren emotional so mitgerissen und aufgewühlt, dass sie am Ende völlig außer sich in Ekstase aufsprangen. Während dieser Messen ihres Vaters lernt Aretha Franklin im Chor zu singen: Gospels, klar, die ja definierte Songstrukturen haben. Aber ich denke, Aretha nimmt durch die Art, wie ihr Vater predigt, noch mehr auf. Ein intuitives, noch größeres Verständnis von Dynamik, Dramatik und Gefühlswelten. Und wie man damit ein Publikum fasziniert und gewinnt. Die außergewöhnliche Stimme mit dem gewaltigen Stimmumfang ist ihr natürlich angeboren, aber sie hat von Kind an gelernt damit virtuos zu spielen, sowie ein guter Trompeter auf seiner Trompete spielt. Aretha hat noch was in der Kirche gelernt: Dass es Freiräume gibt für die Kunst, dass die Kunst einer Predigt, die Kunst eines Chorgesangs und die Kunst damit jemanden in Ekstase zu versetzen, hier niemand zu beschränken vermag.

Motowns Berry Gordy war nicht interessiert

Eine junge Aretha Franklin ca. 1970.

Ein hohes Maß an Freiheit, das braucht Aretha Franklin in den Folgejahren, um sich zu der Weltklassekünstlerin zu entwickeln, die sie schließlich wird. Der Majormusikkonzern Columbia Records ermöglicht der jungen Aretha zwar Plattenaufnahmen in New York, sieht aber offensichtlich nicht das ganze Potential, das in ihr steckt und würde am liebsten eine sanfte Croonerin aus ihr machen. Was nicht gelingt. Und Detroit? Berry Gordy? Der Gründer von Motown? In Berry Gordons Biographie "To Beloved" wird Aretha nur einmal in einem Nebensatz erwähnt. Berry Gordy will sie nicht. Ihr Gesangsstil gefällt ihm nicht. Und so muss Aretha in den Süden, mit Jerry Wexler von Atlantic Records, der ihr in den "Muscle Shoals"-Studios alle Freiheiten gibt, die sie braucht, um ihren eigenen Stil zu entwickeln, ihre eigene Musik zu produzieren. 1967 ist es soweit: "I Never Loved a Man" heißt das Album. Und der "womöglich wichtigste Soulsong aller Zeiten", wie Rickey Vincent in der Funkbibel namens "Funk" schreibt, ist hier schon inklusive: "Respect".

Vom Göttlichen ins Irdische: "Respect" als Durchbruch

Nahezu über Nacht wurde aus Aretha die "Queen of Soul", schreibt Rickey Vincent, denn auch wenn es im Song vordergründig um eine Liebesbeziehung ging, stand "Respect" für all das, was alle Unterdrückten überall entbehrten. Respect brachte frischen Wind in die Herzen der Jungen und Alten, die sich nach Freiheit sehnten. Als Metapher für die ganze Frustration dieser Leute und gleichzeitig für alle ihre Träume diente dieser eine Song: "Respect". Aretha Franklin hat es noch dazu als Frau gewagt, eine Forderung zu platzieren, mit Verve: die nach Respekt. Sam Cookes hoffnungsvolles "A change is gonna come" jetzt: modifiziert. Auch in anderer Hinsicht hat Aretha Sam Cookes Vermächtnis fortgesetzt: Die holy – heilige - Liebe, von der es Gospelsängerinnen ausschließlich erlaubt war zu künden, endlich in Richtung irdische Liebe zu transportieren. Und damit mittenmang hinein in die Popmusik. Und zwar aus der Perspektive einer ganz und gar irdischen Frau.


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