Bayern 2 - Zündfunk

Punker ziehen Bilanz nach 9-Euro-Ticket "Wir haben herausgefunden, dass es auf Sylt noch viel schlimmer ist"

Seit drei Monaten leben rund 200 Punks in einem Protestcamp auf Westerland. Doch der Sommer geht zu Ende und auch das 9-Euro-Ticket läuft aus. Erstmals hat ein Protestcamp-Punk mit dem Zündfunk gesprochen – das ist seine Sylt-Bilanz.

Author: Ferdinand Meyen

Published at: 31-8-2022

Punker Camp auf Sylt am 1.8.2022 | Bild: picture-alliance

Angefangen hat alles mit einem Scherz im Internet. "Lasst uns bitte alle nach Sylt fahren und den Bonzen bei Gosch auf den Backfisch kacken", forderten zahlreiche Punks, als klar war, dass man mit dem 9-Euro-Ticket quer durch Deutschland fahren kann. Und dann, am ersten Wochenende Anfang Juni, war es tatsächlich so weit.

"Die linke Szene rief die Chaostage und Syltokalypse aus, um die Insel zu stürmen. Einige Gruppen sind auch gekommen und sammeln sich in Westerland", berichtet das ZDF-Heute-Journal. "Ich find’s schön, der Insel mal zu zeigen, dass sie nicht nur den oberen Zehntausend so gehört", sagt ein Punk namens Jonny in die Fernseh-Kamera.

Kein Gott, kein Staat, kein Fahrscheinautomat

Und tatsächlich – es bildet sich ein Protest-Camp, organisiert von der Gruppe "Aktion Sylt". Von Juni bis August campen dauerhaft um die 200 Punks vor dem Rathaus in Westerland. "Der Auslöser war, dass in der Presse Berichte und Meinungen auftauchten, dass mit der Einführung des 9-Euro-Tickets die Insel der Reichen und Schönen keine Lust habe auf Billigurlauber. Das haben ich und viele andere Leute als Aufruf zum Klassenkampf gesehen", sagt Victor Lange, den man in der Szene auch unter dem Namen Nimbus kennt.

In den letzten drei Monaten, sagt Nimbus uns am Telefon, sei Sylt zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. Und das habe den Alltag dort ordentlich durcheinander gewirbelt: "Da wurde alleine unsere Anwesenheit schon von einigen spießbürgerlichen Leuten als störend und Zumutung empfunden. So wurde allein schon, dass wir dort Leute angepöbelt haben, die Spritfresserkarossen fahren oder Bildzeitung lesen – was zum normalen Alltag eines Punks gehört – das wurde schon als Protest wahrgenommen."

"Allein unsere Anwesenheit wurde als störend empfunden."

Dabei saßen die Punks in den ersten Tagen einfach nur auf der Straße und tranken Bier. Anders als die hohen Erwartungen im Internet suggerierten. In einer Facebook Gruppe namens "Chaostage Sylt" waren ja solche Dinge zu lesen: "Bitte, Bitte, lasst es wirklich soweit kommen, dass wir uns zu einem Sturm auf Sylt mit dem 9-Euro-Ticket verabreden." Oder: "Golfplätze durch Kotierung renaturieren. Pro-Natur, Bonzen enteignen."

Zu einem Sturm auf Sylt kam es aber nicht, und auf Golfplätze wurde auch nicht gekackt. Trotzdem, meint Nimbus, hat es sich aus seiner Sicht gelohnt, für drei Monate nach Sylt zu ziehen. Er bewertet das Protestcamp der "Aktion Sylt" als vollen Erfolg: "Außerdem haben wir herausgefunden, dass es auf Sylt noch viel schlimmer ist – zumindest als ich dachte. Es ist wirklich stereotypisch wie entfremdet und wie protzig dort Leute leben."

Wem gehört Sylt?

Zur Verdeutlichung: In Kampen auf Sylt kosten Häuser mit Wattenmeerlage gerne mal über 30 Millionen Euro. Grundstückspreise so hoch wie fast nirgends in Europa. Auch deshalb kam es im Verlauf der drei Monate immer wieder zu Demonstrationen gegen soziale Ungleichheit – und kultige Punkbands wie Mühlheim Asozial gaben Konzerte. Mit Texten gegen die Yuppies auf Sylt.

Und dann war da ja auch noch die Lindner-Hochzeit, die die Punks live miterlebt haben, ein Besuch von Wolfgang Schäuble und die Sache mit der Mauer um den Brunnen der dicken Wilhelmine in Westerland, den die Punks als Toilette zweckentfremdet hatten: "Es war auch super leicht, diese Mauer zu umgehen. Sie stand in einer klar gekennzeichneten Feuerwehrzufahrt, vor kurzem wurde sie auch schön bemalt und ist jetzt praktisch ein Kunstwerk, muss ich sagen."

Summertime Sadness

Die Punks hatten also einen schönen Sommer. Aber hat das Sylt-Camp politisch etwas verändert? Das 9-Euro-Ticket ist ausgelaufen, der Kapitalismus ist nach wie vor das dominierende Wirtschaftssystem. Einen kleinen Erfolg, sagt Nimbus, gibt es für die Punks trotzdem zu verbuchen: "Wir haben die Wohnpreise gesenkt, also die Preise für Wohnungen und Häuser sind in dem Quartal, wo wir jetzt aufgetaucht sind, messbar runtergegangen."

Ob das wirklich an den Punks und dem 9-Euro-Ticket liegt oder doch am steigenden Meeresspiegel? Für Nimbus steht jedenfalls fest, dass er gerne auf Sylt bleiben möchte – auch nach Ablauf der Nahverkehrsmaßnahme will er regelmäßig hier kampieren. Die Genehmigung für eine Verlängerung des Protestcamps wurde allerdings abgelehnt. Aufgrund von Lärm-Beschwerden und Notdurft im Gebüsch. Wenn die Punks nicht abziehen, wird ihr Camp Ende der Woche geräumt. Pünktlich zum Auslaufen des 9-Euro-Tickets.