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Vogueing, Whacking, Runway So wird die ausdrucksstarke Ballroom Culture in München zelebriert

Ballroom Culture ist Anfang der 70er in New York, Harlem entstanden. Drag-Queens, POCs, queere und trans Menschen, haben sich damals selbst Räume geschaffen, in denen sie sein können, wer sie sind. Ohne Diskriminerung und Ausgrenzung. Ballroom hat die Popkultur nachhaltig geprägt. Und ist heute auch in Deutschland etabliert.

Von: Alba Wilczek

Stand: 20.09.2022

Tänzer:innen agieren im Rahmen des Vogueing Festivals am Vogue Ball am Samstag (11.08.2012) in Berlin. | Bild: picture alliance / dpa | Jörg Carstensen

Sonntagnachmittag. Ecke Glockenbach/Gärtnerplatzviertel in München. Im 1. Stock des Kulturzentrums Bellevue di Monaco haben sich 25 Leute für einen Ballroom-Workshop versammelt. Die Ballroom-Kategorie, die unterrichtet wird, also die Art der Performance: New Way. Die Teilnehmenden formen klare Linien mit ihren Armen, posieren auf den Beat und gehen auch mal in die Knie oder legen sich halb auf den Boden. Und ich. Ich darf heute ein bisschen Mäuschen spielen. Also stecke ich mein Mikro in die Tasche meiner schwarzen Jeans und bewege mich zu den anderen auf den Dancefloor.

Aus Harlem, New York ins Glockenbachviertel

Arm ausgestreckt und angespannt nach vorne. Wie wenn da eine Flagge hängen würde, dann nach oben, wieder zur Seite. Bäm. Pose. Bäm. Pose. Gesicht nach vorne, arroganter Blick und Stop. Uff. Ganz schön viel auf einmal. Ballroom an sich ist mir nicht neu. Wie viele andere weltweit habe auch ich mir die fünf Staffeln der Netflix-Serie Pose reingezogen. Und als DJ beschäftige ich mich seit Jahren mit der Musik, die aus der Ballroom-Community kommt oder davon beeinflusst ist. Aber wirklich erleben, worum es geht. Und performen. Das mache ich heute zum ersten Mal.

Zumindest ein bisschen. Denn jetzt spreche ich erstmal noch mit ihr: The Legendary Mother Leo St. Laurent Georgina. Aus Berlin ist die Tänzerin angereist, um gleich einen Workshop in der Kategorie Runway zu geben. Jetzt gehen wir aber erstmal zusammen runter ins Café. "Ich bin im Ballroom bekannt als Legendary Mother Leo St. Laurent", erzählt mir Georgina.

"Ich bin Tänzerin, Choreografin und im Ballroom eine der führenden Personen, die die deutsche Szene und die eigentliche Gemeinschaft hier aufgebaut haben. Ich habe die Struktur die ersten Jahre angeboten und viele Leute hierhin eingeladen. 2012 gab es das erste Event, es sind also tatsächlich 10 Jahre dieses Jahr! Aber es hat schon ein bisschen gebraucht, das zu etablieren. Seit 2017 kann man sagen: Wir sind da angekommen, man kann es eine Gemeinschaft nennen und man hat ein Grundverständnis von dem, was wir wirklich machen und wo das herkommt."

- Georgina St. Laurent

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THE ICONIC HOUSE OF ST LAURENT | Bild: Paris Ballroom TV (via YouTube)

THE ICONIC HOUSE OF ST LAURENT

Ich frage Georgina, wie sie selbst zum Ballroom gekommen ist.

"Ich bin selber nach New York gefahren und habe das dort vor Ort erlebt. Ich habe eine Klasse bei Archie Burnett Ninja genommen, der auch so einer meiner Mentoren ist. Das war so mein erster Zugang, glücklicherweise in New York."

- Georgina St. Laurent

Ballroom hat die Popkultur nachhaltig beeinflusst

New York. Da bleiben wir nochmal kurz. Dort ist Anfang der 70er Jahre die Ballroom-Culture entstanden, wie wir sie heute kennen. Kurz nach den Stonewall Riots in Greenwich Village und kurz vor der Disko-Ära. Die Realität für Queere Menschen in New York war geprägt von Armut, Sexarbeit und konstanter Ausgrenzung. Sogar in der Community selbst. Schwarze Drag Queens haben viel Rassismus erlebt und mussten sich den Schönheitsidealen der größtenteils weißen Drag Queens fügen. Irgendwann hat es ihnen dann gereicht. Und sie haben einfach eigene Bälle gestartet, um dort in Ruhe gegeneinander anzutreten.

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Chaka Khan - I'm Every Woman (Official Music Video) | Bild: RHINO (via YouTube)

Chaka Khan - I'm Every Woman (Official Music Video)

Die Mode, die Attitudes, die Performances und die Bewegungen, die auf diesen Bällen präsentiert wurden, haben die House- und Dance-Culture nachhaltig beeinflusst. Ja eigentlich die ganze Popkultur. Eine Entwicklung, die ihren ersten großen Peak 1990 fand. Mit Madonna und: Vogue! Georgina erklärt mir dazu:

"Madonna hat erstmal nichts damit zu tun. Sie hat das quasi in den Clubs gesehen, fand das toll und hat einen Song daraus gemacht. Der beschreibt die Essenz und diese ausdrucksstarke Bewegung in Ballroom sehr gut, die Eleganz und alles, was in Ballroom sehr präsent ist. Aber eigentlich ist es eine Kultur, die entstanden ist, weil es keine Räume gab für bestimmte Menschen. Vor allen Dingen für die Menschen der LSBTI-Gemeinschaft, sprich schwule Menschen, lesbischen Menschen, trans Menschen. Und dann natürlich noch mit der Überschneidung, dass man nicht der weißen Mehrheitsgesellschaft zugehört. In Amerika war das ein Ort, der notwendig war."

- Georgina St. Laurent

Wenn man sich für Ballroom interessiert, ist das Verständnis dafür, wo die Kultur herkommt, essentiell. Auch heute ist dieser Ort noch dringend notwendig, ein safer space. Das wird auch im Bellevue di Monaco in München an diesem Sonntagnachmittag vermittelt. Hier sind alle willkommen, aber es sollen eben die im Vordergrund stehen, die üblicherweise sonst nicht im Vordergrund stehen. Und das ist genau richtig so.

Falls ihr echtes Interesse an Ballroom in München habt, dann meldet euch auf Instagram unter @ballroom_south_ger.