Bayern 2 - Zündfunk


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Beste Alben der Zehner Jahre Sufjan Stevens - Die (be)rührendste Honigstimme der letzten Dekade

Für Achim Bogdahn ist es das beste Album des letzten Jahrzehnts. "Carrie & Lowell" von Sufjan Stevens ist deshalb so gut, weil es an Persönlichkeit kaum zu übertreffen ist. Platz sieben der Zündfunk "Heroes of the decade".

Von: Achim Bogdahn

Stand: 29.11.2019

Lieber Sufjan Stevens,

vielen herzlichen Dank für „Carrie & Lowell“, für mich ganz persönlich ist es das beste Album der letzten Dekade. Aber warum?

Sufjan Stevens mit "Carrie & Lowell"

Dass du, Sufjan Stevens, einer der größten Musiker der Gegenwart bist, das hast du uns in den letzten 15 Jahren mehrfach bewiesen. Durch den Größenwahn, zweimal jeweils ein Fünffachalbum mit Weihnachtsliedern herauszubringen. Und die allermeisten von ihnen waren großartig.

Durch den Wahnsinn, über jeden Bundesstaat der USA ein Konzeptalbum schreiben zu wollen. Dass es am Ende nur zu Michigan und Illinois reichte- geschenkt, denn „Illinoise“ war das beste Album der Nullerjahre. Zwischendurch hat der große Meister ein bisschen geschwächelt, verlor sich in neonfarbenen Shows, Nebenprojekten, 25 Minuten langen Liedern und Elektronik-Experimenten. Nach zwei ziemlich lauwarmen Alben und weiteren fünf Jahren Pause war ich schon ein bisschen ins Zweifeln geraten. Aber dann kam „Carrie & Lowell“.

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Sufjan Stevens, "Should Have Known Better" (Official Audio) | Bild: Asthmatic Kitty Records (via YouTube)

Sufjan Stevens, "Should Have Known Better" (Official Audio)

Erneut ein Konzeptalbum, diesmal über seine leibliche Mutter Carrie, die ihn und seinen Vater zurückließ, als er gerade mal ein Jahr alt war und über deren neuen Mann Lowell. Die beiden sind auch auf einem verblichenen Foto auf dem Plattencover abgebildet. Lowell wurde Sufjans väterlicher Freund und Geschäftspartner bei Asthmatic Kitty Records und er war es, der die Mutter und den Sohn wieder zusammenführte. Persönlicher geht es nicht. Und so ist das ganze Album.

Der Gegenpol zur verrückten Welt der Zehner

Es sind traurige, brutal ehrliche Songs, Tagebucheinträge über das Leben, den Glauben, den Tod. Sufjans Mutter Carrie starb im Dezember 2012, nach einem Leben voller Schmerz, Depressionen, Alkohol und Drogen. Und Sufjan, der Sohn, den sie so lange verschmähte, der sie erst spät richtig kennenlernte und bei ihrem Tod an ihrer Seite war? Hat das alles verarbeitet mit einem herzzerbrechenden Einblick in seine eigene verwundete Seele und vielen persönlichen Erinnerungen.

Während um ihn herum das Musikbusiness dröhnte, Produktionen immer lauter, komprimierter, ausgefeilter daher kamen - mit tausend Plug-Ins und Artist-Featuring-Artist, Hip Hop immer expliziter wurde, Künstler in Internet-Zeiten immer künstlicher wurden, sich stilisierten. Da kam diese völlig zerbrechliche, intime, akustische Platte daher, teilweise unterwegs aufgenommen mit dem iPhone, manchmal hört man im Hintergrund die Klimaanlage rauschen. Einen größeren Gegenpol zu einer immer lauter und verrückter werdenden Welt kann man sich nicht vorstellen. Ein Jahr, bevor Trump gewählt wurde, hat uns Sufjan einen Einblick in das reale Leben in den USA gegeben, über Krankheit, Tod und Verzweiflung gesungen. Mir kommen bei dieser Platte immer wieder die Tränen, mal aus Rührung und mal aus Freude über diese Honigstimme und die wunderschönen Melodien.

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Sufjan Stevens, "Death With Dignity" (Official Audio) | Bild: Asthmatic Kitty Records (via YouTube)

Sufjan Stevens, "Death With Dignity" (Official Audio)

Sufjan Stevens hat selber über diese Platte vor 4 Jahren bei australischen Radiokollegen Folgendes gesagt:

„Viele der Aufnahmen entstanden quasi unabsichtlich. Es gab keine Strategie dahinter, wie man die Songs aufnehmen oder arrangieren sollte. Ich habe schnell gemerkt, dass man bei den Songs gar nichts groß schmücken oder aufbauen sollte, mir war irgendwie klar, dass sie so bleiben können wie sie sind, dass sie nur wenig brauchen.“

„We´re all gonna die“ singt Sufjan Stevens in „4th of July“. Die vielleicht größte Stärke von „Carrie & Lowell“ ist, dass hier einer Schwäche zugibt. Und das ist in den Zehner Jahren mit das Schönste, was ein Mensch tun kann. Offen und menschlich sein.

Danke, Sufjan Stevens!


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