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Corona-Krise Das Ende der Nacht - steht Münchens Clubkultur vor dem Aus?

Um im Münchner Blitz zu tanzen kommen Technofans aus der ganzen Welt. Und auch die vielen anderen kleineren Untergrund Clubs, die Teil der Münchner Subkultur sind, werden von Partygängern geschätzt. Ob Harry Klein, Rote Sonne, oder Milla - seit der Corona-Krise sind alle diese Clubs geschlossen. Ein Desaster für die Betreiber - und die Clubgänger. Oder?

Von: Sandra Limoncini

Stand: 19.06.2020

Harry Klein | Bild: picture alliance/Sven Hoppe/dpa

Menschen - viele Menschen, Bässe, die das Zwerchfell vibrieren lassen und kein Durchkommen an die Bar. Ein Gefühl, das wir seit Monaten vermissen. Kommt es wieder? Und wenn, wann? Wir haben eine Reise unternommen ans Ende der Nacht, eine Reise zu ein paar der wichtigsten Münchner Clubs und ihren Betreiber*Innen – Menschen und Räume, die uns so wichtig sind und waren. Clubs die unbedingt noch da sein müssen nach dieser verfluchten Pandemie.

Denn: In einen Club zu gehen ist weitaus mehr als nur ein bisschen tanzen und einen Club Mate trinken. Es ist ein Lebensgefühl: „Ich glaube, Menschen brauchen das. Ich glaube, Menschen müssen zusammenkommen", bestätigt uns David Muallem, einer der beiden Betreiber des Blitz Clubs in München. „Und damit meine ich dieses Loslassen und zur Musik tanzen. Und das Besondere dabei ist die soziale Komponente. Man tanzt ja nicht alleine. Sonst könnte ja jeder im Wohnzimmer tanzen. Ich meine dieses Körperliche. Mit anderen Menschen zusammen zu tanzen. Ich glaube, dass das wirklich sehr heilend für eine Gesellschaft ist. Und dass es sehr viel bringt. Damit meine ich auch gar nicht nur elektronische Musikclubs oder Technokultur oder Housemusik, sondern es gibt Leute, die gehen gerne Salsa tanzen am Wochenende. Auch wenn es jetzt nicht meins ist, hat es im Enddeffekt dieselbe Funktion."

Keine Gläser, keine Gäste, keine Musik - fast ein surreales Gefühl

Ich treffe David und seine Geschäftspartnerin Sandra Forster im komplett leeren Blitz. Es ist vormittags. Trotzdem sitzen wir an der Bar, was fast ein surreales Gefühl ist. Alles ist sauber geschrubbt, keine Gläser, keine Gäste, keine Musik. Fühlt sich merkwürdig an. Das Blitz ist die erste Zusammenarbeit der beiden, ein wirklich besonderes Projekt, dass die erfahrenen Clubbetreiber vor drei Jahren aufgestellt haben, wie sie mir erzählen: "Die Location ist natürlich an sich toll, denn es ist an sich schön, dass wir auch wieder mehrere Gewerke vereinen konnten, wieder ein Restaurant und einen schönen Garten. Und auch, dass man über der Isar und so schön im Grünen sitzt. Und auch der Club selbst ist natürlich auch besonders."

Das leere Areal des Bahnwärter Thiels im Herzen Münchens.

Das Blitz mit der schönen Adresse Museumsinsel 1 ist seit einiger Zeit einer der heißesten Clubs in München. Er ist Anziehungspunkt für Partygänger auf der ganzen Welt. Hier legen und spielen DJs und Künstler*innen wie Julietta, Münchens own Zenker Brothers, Roman Flügel, Skee Mask, Mute Chef Daniel Miller oder Detroits großer House-Gott Moodyman. Großes Highlight ist neben den Top DJs die Anlage, die als eine der besten der Welt gilt. Und als eine der lautesten. Betreiber David meint dazu: "Musik ist eine sehr emotionale Erfahrung, es ist wahrscheinlich von allen Kunstformen die Abstrakteste, weil Musik praktisch nur über das Gehör greifbar ist. Ein Bild kannst du sehen und du kannst es aber auch anfassen und die Textur fühlen. Umso lauter du Musik hörst, entsteht da auch ein körperliches Erlebnis. Deswegen war es mir wichtig so eine Anlage rein zu bauen, weil wenn du so viel Bass hast, dann nimmst du die Musik nicht nur über deine Ohren wahr, sondern spürst die Schallwellen auch über deinen Körper. Ich kann nur von mir selber reden: für mich ist laut Musik hören total befreiend, ich bin eigentlich jeden Wochenende hier drinnen und genieße die Anlage." 

Nun. Egal wie toll die Location oder die Anlage auch ist: Der Club steht seit Monaten leer. Wie alle anderen auch. Nobody is movin‘ to the bass. Wir wechseln mal die Location. Das Bahnwärter Thiel ist auf einem großen Areal in der Nähe der Münchner Großmarkt Halle untergebracht. Ein fettes Metall-Tor, dahinter ein Riesengelände. Schotter, Container, die aufeinander gestapelt sind, alles bemalt mit Graffiti. Würde man einen Münchner Tatort im Club-Milieu drehen, dann genau hier. Hochbeete mit Gemüse, neben Blumen und gezimmerten Sitzgelegenheiten. Alles bunt, wild und hippie-mäßig. Eher Berlin als München, denkt man, wenn man das Gelände betritt. Auf zwei riesigen Betonpflöcken ein alter U-Bahnwagen, der als Büro dient für die Macher des Bahnwärter Thiel. Daniel Hahn sitzt im hintersten Wagen und wartet auf mich. 

München war schon Disko, da war Berlin noch ein Kindergeburtstag

Bahnwärter Thiel-Gründer Daniel Hahn vor dem Areal.

Daniel ist bekannt für ungewöhnliche Projekte. Unweit vom Bahnwärter Gelände thront ein echter Ausflugsdampfer auf einer Brücke, jetzt ist der Dampfer Restaurant, Bar und Biergarten. Alles auf einmal: Die alte Utting, auch ein Projekt von Hahn. Das Flaggschiff aber ist das Bahnwärter Thiel, wie er uns im Gespräch bestätigt: "Wir sind eine Anlaufstelle für ein ganz gemischtes Publikum. Verschiedene Themen, verschiedene Formate. Wir haben Tanzabende, Tanzkurse, Vorträge, Kinoabende, Diskussionsrunden, Clubveranstaltungen und Konzerte. Die verschiedenen Gruppierungen vermischen sich da in den einzelnen Formaten und lernen auch Neues kennen. Das ist auch der Unterschied zu anderen Spielstätten, die halt immer einen Schwerpunkt haben. Ich glaube, die Schnittstelle zu haben und hier mit ganz vielen unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen in Berührung zu kommen, das ist hier einzigartig."    

Berlin macht immer einen auf dicke Hose als Partyhauptstadt. Aber München hat diesen Titel schon gehabt, da war Berlin noch ein Kindergeburtstag. München war neben New York und Philadelphia DIE Disko Institution. Giorgio Moroder hat in seinen Musicland Studios im Arabella Hochhaus Musikgeschichte geschrieben und sein Munich Disco Sound wurde in den New Yorker Clubs gespielt. Donna Summer hauchte hier 17 Minuten lang “Love to love you“ ins Mikrophon und löste einen Skandal aus. Mick Jagger und Freddie Mercury trieben sich in Schwabylon und im Gärtnerplatz-Viertel rum. Wer sich amüsieren wollte in dieser Zeit, ging ins Big Apple, ins P1, ins Piper, ins Shugar Shack und später dann ins Ultra-Schall, den Natraj-Tempel oder ins Harry Klein. Clubkultur ist und hatte schon immer in München einen hohen Stellenwert. Aber wie können wir diese Clubkultur vor dem Corona-Blackout schützen?

Welchen Wert hat die Clubkultur und wie wollen wir die fördern, retten und schützen?

Kulturförderung steht den Clubs bisher in München nicht zu – anders als in der Hochkultur. Dabei sollte das anders sein, sagt Julian Schmitzberger. Er ist Kulturantrophologe an der Uni Göttingen mit dem Forschungsfeld Clubkultur und Nachtleben. Er erzählt: "Wenn da jetzt Stimmen groß werden in der Bevölkerung, dass die Clubkultur fehlt, da sieht man, dass es eben wichtig und bedeutend für den Alltag der Menschen ist. Das Problem ist allerdings, dass man das so schwer feststellen kann und deswegen wird es vor allem auch in der Politik gerade ausgefochten: Welchen Wert hat die Clubkultur und wie wollen wir die fördern, retten und schützen? Die Diskussionen gab es auch schon vor Corona und die werden natürlich jetzt auch noch mal verschärft."

Ein Plakat mit der Forderung "Clubkultur retten" in Berlin.

Jennifer Becker ist Pressesprecherin des Kulturreferats der Stadt München. Sie sagt: Ihre Behörde sei dem Clubleben gegenüber offen, im Wort Clubkultur stecke doch schon das Wörtchen „Kultur“ – und das sei wichtig, um auch eine junge Zielgruppe von München zu überzeugen. Sie ist der Meinung: die Stadt und das Kulturreferat hätten in dieser Club-Krisenzeit Einiges mit auf den Weg gebracht.

Wie kann man Clubkultur fördern, wie können wir verhindern, dass uns unsere Clubs nach und nach wegsterben? Jetzt, wo Corona die Tanzflächen leerfegt, die Vermieter aber weiterhin die Betreiber*Innen zur Kasse bitten, ohne dass auch nur ein Besucher*innen einen Cent am Tresen hat liegen lassen können. Es gibt den schön deprimierenden Satz: Die Bars und Clubs seien die ersten gewesen, die zusperren mussten. Und es werden die Letzten sein, die wieder aufmachen dürfen. In Berlin, sagt Clubforscher Julian Schmitzberger, sei der Diskurs, welche Überlebensstrategien wir den Clubs an die Hand reichen und welche Care-Pakete wir ihnen zukommen lassen, schon wesentlich weiter: "In Berlin da gibt es ein anderen Diskussionszusammenhang als in München. Da gibt’s auch so eine Art Club-Lobby, einen Interessenverband, die Clubkommission, die da seit zwanzig Jahren eigentlich schon ein Netzwerk bildet und auch Mittler ist für die Politik. Erst im Februar gab es eine Anhörung zum Thema Clubsterben. Es war ein konkreter Bauausschuss, der getagt hat und da ging’s darum, dass die Clubs nicht mehr als Vergnügungsstädten gezählt werden sollen, in die Kategorie fallen auch Bordelle und Casinos. Sie sollen als Kulturstätten angesehen werden, was das Ganze auch mit hochkulturellen Einrichtungen auf eine Linie bringt."

"Der subkulturelle Betrieb ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält"

Upstart ist DJ, Plattenladenbesitzer und Betreiber der Roten Sonne. Und so was wie das menschliche Weltkulturerbe der Münchner Musiklandschaft. Sein alter Laden, das Ultraschall, war zunächst am Flughafen Riem und dann im Kunstpark Ost. Und hat den Sound Of Munich und Generationen von Tänzer*Innen geprägt. Mit mir will er sich nach einem Meeting in seinem Club treffen. Wir lassen uns neben dem DJ Pult nieder. Bei Tag sieht die Sonne ein wenig düster aus. Upstart erzählt mir von der desolaten Situation, besonders weil die Mieten in München so hoch sind. Er hat mit seinem Vermieter verhandelt und hofft, irgendwie seinen Laden retten zu können, wie er uns erzählt: "Dieser subkulturelle Betrieb ist auch irgendwie der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, meiner Meinung nach. Und es ist wahnsinnig gefährlich, wenn das wegfällt. Man muss sich wirklich überlegen, wie es weiter geht. Klar, dieser Lockdown war meiner Meinung nach total sinnvoll und wichtig wir haben das auch sofort eingesehen, aber wie soll das jetzt so im Sommer weiter gehen oder im Herbst? Also es ist völlig unklar. So mit 50 Leuten und 1,50m Abstand zu Kumpel und Kumpelin, das wird kein Spaß machen. Und es ist auch nicht durchziehbar, denn die Leute werden sich nah kommen im Club, das ist ganz klar."

Schlachthofbronx zu Gast bei Boiler Room aus der Roten Sonne München

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Schlachthofbronx Boiler Room Munich DJ Set | Bild: Boiler Room (via YouTube)

Schlachthofbronx Boiler Room Munich DJ Set

Unklar ist dagegen, wann die Rote Sonne wieder aufgehen wird, wann wir uns auf Upstarts Tanzfläche wieder nahekommen werden. Einen Aufsperrtermin gibt es noch nicht. Wir verlassen Upstart und seine Sonne und fahren fort mit unserer Reise ans Ende der Nacht. Ich treffe mich mit Milla und Lilly. Die beiden sind 21 und 22 Jahre alt, Clubgängerinnen und wollen genau das: Nähe, Ekstase, Verschwendung. Nach Monaten des Lockdowns haben sie nun „restless legs.“ Und sehnen sich nach Enge, Schwitzen und lauter Musik. "Es ist irgendwie so ein Ventil zum Ausgleichen des normalen Alltags", erzählen sie mir," und ich finde das Tanzen gehen einfach schön, weil es mir Spaß macht. Wenn man mit den richtigen Leuten unterwegs ist, dann ist es einfach so ein bisschen Freiheit und wie ein Ausgleich zu dem, was man sonst macht. Normalerweise sitzt man in der Tram und schaut auf sein Handy und berührt sich nicht, vor allem jetzt gerade. Dann im Club zu stehen und so wahnsinnig nah bei der nächsten Person und alle schwitzen, da spürt man viel mehr die Energie des Anderen.

"Wegen zwanzig Leuten aufmachen rentiert sich bei uns nicht"

Eng, heiß und laut ist im Milla Club Programm. Es ist einer der eher kleineren Clubs in München im Glockenbachviertel mit besonders breitem Portfolio. Aber auch hier sitzen die Betreiber im Waiting Room. Im Corona-Wartesaal. Keine Platte dreht sich. Kein Verstärker, den man anstöpseln könnte. Das Milla war ursprünglich ein trocken gelegtes Bachbett. Die Bühne befindet sich am tiefsten Punkt, im Durchbruch, den früher die Bach-Turbine ausgefüllt hat. Im Backstage Bereich an einem Tisch sitzt mit mir Phillip Englhardt. Es riecht ein bisschen nach altem Bier und der Party von vorgestern. Herrlich also. Die Wände sind vollgekritzelt, alles ist etwas unaufgeräumt.

Ein Schild an der Tür des Harry Klein-Clubs in München.

Philipp ist der Booker. Und kann im Moment nicht mal auf Sicht fahren. Aber Phillip ist Optimist, glaubt an ein Clubleben nach der Pandemie und kümmert sich längst darum, dass ab September wieder Bands im Milla spielen. "Wir müssen ja unser Programm buchen", meint er. "Das passiert ja jetzt nicht irgendwie von heute auf morgen, sondern normalerweise immer schon ein halbes Jahr davor. So gesehen sind auch noch nicht so viele Absagen für September da. Wir gehen aber alle nicht wirklich davon aus, dass es stattfinden wird. Wir haben ein paar Alternativ-Pläne, wir haben auch ein bisschen vielleicht noch den Vorteil dass es wenigstens hier Konzerte gibt den anderen Läden ist das von der Struktur her gar nicht möglich, als reiner Club. Wie es weitergeht? "Keine Ahnung", meint er. "Genau sagen können wir es nicht, aber wegen 20 Leuten aufmachen rentiert sich bei uns auch nicht."

Clubbesitzer sind Überlebenskünstler - sie wollen sich nicht geschlagen geben

Aber was wird denn nun mit dem Clubleben, mit all den feinen Musikläden in München? Werden wir wieder bald Konzerte erleben, Künstlerinnen wie PJ Harvey in der Stadt haben? Und werden wir irgendwann wieder nachts um 4 selbstvergessen auf einer Tanzfläche stehen. Oder steht die Münchner Clubkultur doch kurz vor dem Exitus? Kann eine Stadt wie München überhaupt existieren ohne ihre Nachtkultur, ihre Nachtschicht? Es scheint, als wenn es irgendwie weitergehen würde. Clubbesitzer sind von Haus aus Seiltänzer und Überlebenskünstler. Sie wollen sich nicht geschlagen geben. Gastronome haben einen langen Atem und kennen die Situation mit einem Bein in der Pleite zu stehen.

Und auch bei Milla und Lilly, der "jungen Münchner Zielgruppe", wie sie vom Kulturreferat genannt wurden, zeigt sich im Gespräch keine Spur von Panik: "So wie ich uns kenne, werden wir immer unsere Wege finden. Ich hab auch schon Gespräche mitgekriegt von Bekannten, die jetzt demnächst planen, selbst was zu kaufen und nen Club aufzumachen. Vielleicht entsteht aus all diesem Scheiß ja auch was ganz, ganz Schönes und Neues mit junger Clubkultur und unabhängigen jungen Künstlern und Musikern, die tolle Sachen schaffen. Es wird früher oder später schon irgendwie werden. Jetzt haben auch schon wieder Raves angefangen, illegale und so was. Wir wissen natürlich nichts darüber, wir haben das nur gehört. Das verselbstständigt sich ganz schnell, da muss sich keiner Sorgen machen, dass die Partys ausbleiben. Junge Menschen werden immer Feierpotential haben und das auch nutzen."

Aktuell: Caren Lay, die stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, auch Initiatorin des fraktionsübergreifenden „Parlamentarischen Forums Clubkultur" hat gestern mitgeteilt, dass ihre Fraktion einen Antrag zur Nothilfe für Clubs und Festivals beschlossen hat. Sie sagte dazu: „Es braucht finanzielle Zuschüsse und eine rechtssichere Mietsenkung, damit einer der besten und international renommiertesten Teile unserer Kultur die Krise übersteht. (...) Das Bedürfnis zu feiern wird nach überstandener Krise umso stärker sein.“


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