Bayern 2 - Zündfunk


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Homophobie im Reggae Das Comeback von Buju Banton – in einem Jamaika, das sich längst weiterentwickelt hat

Die Dancehall-Szene ist für ihre Homophobie bekannt. Doch während der Dancehall-Gott Buju Banton gerade zehn Jahre lang im Knast saß, hat sich die Gesellschaft auf Jamaika weiterentwickelt. Längst gibt es queere Stars, die die ältere Reggae-Generation in ihrem Weltbild herausfordern. Nun meldet sich Banton zum großen Comeback zurück. Wir haben ihn in Kingston getroffen.

Von: Georg Milz

Stand: 08.07.2020

Buju Banton | Bild: picture-alliance

Reggae ist komplex. Es gibt den Sunshine-Reggae, es gibt Dub, es gibt Roots-Reggae, Dancehall und noch viel mehr. Aber es gibt auch "Murder Music" – Hassmusik, die sich in den Texten gezielt gegen homosexuelle Männer richtet. Die zu Gewalt gegen die sogenannten "Chi Chi Men", gegen die "Batty Boys" aufruft. "Mek we Bun dem" heißt es auf Patois, dem jamaikanischen kreolisch, und meint, jemanden bei lebendigem Leibe zu verbrennen.

Comeback nach 10 Jahren

Buju Banton ist einer der größten jamaikanischen Stars. Zuletzt saß er aber wegen Drogenhandels zehn Jahre im Knast. Buju Banton ist ein Nationalheiligtum in Jamaika, allerdings ist er wegen seiner homophoben Songs auch extrem umstritten. Jetzt meldet Banton sich nach langer Zeit mit einem neuen Album zurück: "Upside Down 2020", erschienen bei Roc Nation. Wir haben ihn auf Jamaika getroffen und wollen wissen, wie er heute zum Thema Homophobie steht – und wie es um die Situation für die LGBTQ Community heute bestellt ist.

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Buju Banton - Blessed | Bild: BujuBantonVEVO (via YouTube)

Buju Banton - Blessed

Buju Banton schlendert in legerem Sportanzug, begleitet von einem Kamera-Team, erhobenen Hauptes durch die Lobby des Marriott-Hotels in Kingston und begrüßt Journalisten aus aller Welt und sagt erstmal ganz diplomatisch: "Jeder soll die Chance bekommen, mein neues Album zu hören. Und weil ich heut nicht mehr in die USA einreisen darf, war es wichtig, dass Journalisten aus der ganzen Welt zu mir kommen. Roc Nation haben mir das ermöglicht. Ich bedanke mich bei Ihnen, dass sie die Zeit für mich gefunden haben."

Jay Z holt Banton zurück

Buju Banton - von Saulus zu Paulus?

Bujus US-Label hat mächtig aufgefahren. Banton hat bei Roc Nation unterschrieben, der Plattenfirma von Hip Hop Milliardär Jay Z. Es soll eines der größten Comebacks in der jamaikanischen Geschichte werden. Erst letztes Jahr kehrte Banton nach Kingston zurück. Nach seinem Knastaufenthalt darf Buju nicht mehr in die USA einreisen, dem nach wie vor größten Musik-Markt der Welt. Nun. Dann werden eben alle Journalisten nach Kingston gekarrt. Denn Jay Z will Banton, den größten lebenden Dancehall-Star Jamaicas, auf der ganzen Welt vermarkten.

Dazu braucht das Ambiente ein gewisse Fallhöhe. An diesem Nachmittag darf uns Banton in den Tuff-Gong-Studios der Marley-Familie durch sein neues Albums führen. Genau der sagenumwobene Ort, wo Bob Marley und später Lauryn Hill ihre Klassiker aufgenommen haben. Bujus Label Roc Nation hat vorsorglich ein riesiges Buju-Logo an die Wand kleben lassen. Der Star nimmt auf einem Barhocker Platz. Andächtige Stille, bis er das Schweigen bricht – nicht nur wir sind da, auch milliardenschwere Player wie Youtube haben Mitarbeiter geschickt, die jedes Wort aufsaugen.

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Buju Banton - Untold Stories (Official Video) | Bild: BujuBantonVEVO (via YouTube)

Buju Banton - Untold Stories (Official Video)

Buju Banton und die Homophobie

Die Geschichte eines Comebacks, die Geschichte, wie ein jamaikanischer Saulus zum Paulus wurde. Oder wird die heute gar nicht erzählt? Buju jedenfalls droppt erstmal artig ein nices Dankeschön an seine neue Plattenfirma: "Roc Nation hat international eine große Durchschlagskraft. Die Firma kann mich viel sichtbarer machen. Deshalb habe ich mit ihnen für mein Album zusammengearbeitet. Wir wollen der Welt Buju Banton neu vorstellen. In den letzten Jahren haben sich viele Horrorstories über mich verbreitet. Das wollen wir begradigen."

Und genau diese Horrorstories hätten um ein Haar dazu geführt, dass wir dieses Zündfunk-Stück gar nicht machen wollten. "Lasst Buju Buju sein, es gibt doch viel korrektere Typen auf Jamaika, eine neue Generation, also Deckel drauf und weg damit", dachten wir. Aber die Geschichte von Buju Banton erzählt eben auch das koloniale Erbe Jamaicas, es erzählt einen Bildungs-, Diskurs- und Aufklärungs-Gap, der scheinbar immer noch klafft zwischen westlichen und postkolonialen Gesellschaften. Es geht in dieser Geschichte um unterschiedliche Maßstäbe und um Perspektivwechsel, die wir alle dringend vornehmen sollten – zumindest immer dann, wenn wir uns diese Liberalität leisten können.

Das neue Europa und das alte Jamaika

Schon als Teenager schreibt Buju Texte, in denen er gegen Schwule hetzt und mit ihnen kurzen Prozess macht. Er ist nicht der einzige, es geht gehört zum guten Ton in der immer über-gockel-haften Dancehall. In den Jahren 2008 und 2009 spitzt sich der Konflikt in Deutschland zu – gegen Konzerte der ähnlichen homophoben Stars Sizzla und Bounty Killer laufen in München und anderswo Schwulen- und Lesbenverbände Sturm. Im Jahr 2009 fordert der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck einen Einreise-Stopp für homophobe Sänger aus Jamaika.

Aber nicht nur Bujus Texte waren übergriffig. Er und seine Gang wurden auch massiv handgreiflich. Ein Zeuge erzählt von einem Vorfall im Jahr 2004: "Es war morgens so um 10 Uhr. Ich war zuhause. Da sah ich ein gutes Dutzend Leute aus der Carlyle Street auf unser Haus zukommen. Sie waren bewaffnet und sind einfach in unser Grundstück eingedrungen. Hey, komm raus!, haben sie geschrien. Wieso sollte ich, hab ich zurückgerufen.– Hey, Schwuchtel, komm runter, oder wir töten dich! Buju Banton war einer von ihnen."

"Wenn Du Buju verklagst, bringen wir dich um!"

Brian, so heißt der junge, queer lebende Mann, wird dazu von Maria Carla Gullota von Amnesty International in Kingston befragt. Brian verliert bei dem Überfall ein Auge. Genau genommen waren es drei Überfälle nacheinander. Immer wieder kehren die Gangmitglieder zurück, die aus dem Umfeld des Dancehall-Stars Buju Banton kommen sollen. Sie verprügeln ihn, plündern seine Wohnung und drohen ihm: "Wenn Du Buju verklagst, bringen wir Dich um!" Mit der Unterstützung von Amnesty International kommt es dann doch zu einer Gerichtsverhandlung. Allerdings erst zwei Jahre nach dem Überfall. Mehrere Zeugen werden für unglaubwürdig befunden, weil sie schwul seien (!). Am Ende hat zwar auch der Richter das Gefühl, dass da wohl was Unrechtes passiert ist, er belässt es aber bei einer Rüge für Buju Banton und dem Hinweis: In einer zivilisierten Gesellschaft mache man so was nicht.

Jamaika und die Homophobie

Die Hauptstadt Kingston

Die Diskussion um Homophobie im Reggae ist nicht neu, und hat uns im Zündfunk schon 2008 beschäftigt. Und schon damals mussten wir einräumen, dass wir - mit unserer gutbürgerlichen westlichen Brille - das Problem differenzierter betrachten müssen. Denn schon im 16. Jahrhundert schleppten die spanischen Besatzer Sklaven auf die Insel. Drei Jahrhunderte lang waren die Briten dann die Kolonialherren und haben schwarze Männer diskriminiert, ausgebeutet, der Lächerlichkeit ausgesetzt, ihre Männlichkeit ausgehöhlt. Das erklärt vielleicht auch das spielerische Ge-Pose und die Battles in der Dancehall, wo jeder Sänger und Toaster besser und toller sein muss als der andere.

Erst 1962 wird Jamaika unabhängig, dennoch hat das Empire dem Inselstaat sein Rechtssystem übergestülpt. Bis heute ist Sex unter Männern illegal, bis zu 10 Jahren Gefängnis sind die Folge. Doch es tut sich was auf Jamaika, auch wenn die Gangs immer noch brutal und allgegenwärtig sind – und die Mordraten unverhältnismäßig hoch. Im Jahr 2020 scheint die jamaikanische Gesellschaft weiter als zu der Zeit, als Buju Banton seine ersten Hits landete. Die Insel hat ihre ersten, offen queer lebenden Stars.

Kolonial-Erbe und queere Stars

Mittlerweile kennt jedes Kind auf Jamaika den Comedian, Schauspieler und Dancehall-Künstler Keith Ramsay. Shebada nennt er sein Alter Ego, man findet ihn im jamaikanischen TV, auf Instagram und Youtube.

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Shebada Comes to Town Full Play | Bild: BLA Productions (via YouTube)

Shebada Comes to Town Full Play

In dem Theaterstück "Chixta" zum Beispiel spielt Shebada einen schwulen Babysitter! Extrem witzig, aber in Jamaika eben auch höchst brisant. Denn Dancehall-MCs nutzen seinen Namen für homophobe Verbal-Attacken. Im jamaikanischen Fernsehen ist Shebaka permanent, auf die Frage, ob er Angst hat, wenn er in Kingston vor die Tür geht, antwortet er gelassen: "Nein, ich habe den heiligen Geist an meiner Seite, der beschützt mich. Ich habe keine Angst! Du kannst natürlich immer zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Deshalb bin ich am liebsten in einer kleiner Gruppe von maximal 8 Freunden unterwegs. Ich bin im Ghetto geboren, die Leute kennen mich. Ich bin für sie kein Star dort, sondern eben ganz normal, so mag ich das."

Die jamaikanische LGBTQ-Community hat in den letzten Jahren einige Erfolge erzielt: Neben der Kunstfigur Shebada ist das auch die Pride Week, die inzwischen mit mehr als 1000 Teilnehmer*innen ein großes Ereignis in Kingston darstellt – auch wenn immer noch viele Queere Menschen im Exil leben.

Mit Geduld und Toleranz gegen Intoleranz?

Wir treffen den TV-Moderator Winford Williams. Er hält nichts davon, Jamaika als homophobes Land zu stigmatisieren, das würde die Situation nicht verbessern: "In Jamaika wirst du heute kaum noch wegen deiner Sexualität angegriffen. Jamaikaner sind dafür bekannt, Dinge schnell zu verurteilen, aber sie haben auch ein großes Herz und wollen andere Lebensweisen verstehen. Auch in den Industrienationen ging doch nicht alles von heute auf morgen. Die Briten haben auch Zeit gebraucht, um sich von ihrer eigenen homophoben Vergangenheit zu lösen. Das geht erst mit ganz viel Bildung. Und wir sind heute an einem Punkt angekommen, an dem wir merken: Es bringt nichts, immer alles zu verteufeln, zu hassen, zu töten oder davor wegzurennen. Schwule sind Teil unseres Lebens geworden und sollten dieselben Rechte haben."

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Buju Banton Speaks For The First Time Since Return  - Onstage March 14 2020 | Bild: Onstage TV (via YouTube)

Buju Banton Speaks For The First Time Since Return - Onstage March 14 2020

Im Gespräch mit uns erinnert sich TV-Moderator Winford Williams, dass Buju Banton bereits 2009 mit Vertreter*innen der LGBTQ-Community in Los Angeles zusammengekommen war, sie hatten auch dort zu Protesten gegen seine Konzerte aufgerufen. Beim Treffen habe Buju versichert, dass er kein Problem mit der queeren Community habe, und dass er sich von den hetzerischen Parolen seines Songs distanziert. Sie forderten ihn auf, dies auch öffentlich in Kingston, am Half Way Tree Platz zu tun. Dazu war Buju Banton jedoch nicht bereit. Was Winford nachvollziehen kann.

Die zwei Gesichter von Buju Banton

Was sollen wir also davon halten, dass Buju im Westen Kreide frisst, dort seit 2007 Unterlassungserklärungen unterschreibt, wonach er auf Konzerten weder seine alten Hate-Songs spielen wird noch sich in irgendeiner Form homophob äußern will – aber in Kingston, Jamaika, wo es so wichtig wäre, weiter beharrlich dazu schweigt.

Zurück zu Heute, nach Kingston im Februar 2020, zur Feier seines großen Comebacks. Ich komme nicht umhin ihn zu fragen: Wie steht Banton denn heute zu seinen Hasserfüllten Texten von früher? Er antwortet mir nur knapp: "Ich erinnere mich gar nicht mehr! Und ich will es dabei belassen! Wir spielen den Song nicht mehr, hast du verstanden? All das ist heute Vergangenheit, lass uns nach vorne schauen." Eine ziemlich dürre Antwort – zumindest wenn man es aus der europäischen Perspektive betrachtet. Aber in Jamaika steht Banton für so viel mehr. Die Leute bewundern ihn, weil er es rausgeschafft hat aus dem Slums von Kingston. Ein Dancehallstar mit mehr Nummer Eins-Singles als Bob Marley.

Der alte schwarze Mann und das neue Jamaica

Wollen wir also weiter Buju Banton-Songs hören? In Jamaika und Afrika, wo er bis heute umjubelte Konzerte vor vollen Häusern spielt, wird die Frage jedenfalls nicht laut gestellt. Dort steht die Erfolgsgeschichte eines Künstlers im Rampenlicht, der für Black Empowerment steht. Vielleicht versteht man Bujus Problem und Bujus Beharrungsvermögen, wenn man an die alten weißen Männer in Deutschland denkt. Buju, der alte schwarze Mann Jamaikas – das kann man gut so sehen. Denn die großen Innovationen im Reggae, die spielen längst woanders.

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Koffee - Toast (Official Video) | Bild: KoffeeVEVO (via YouTube)

Koffee - Toast (Official Video)

KünstlerInnen wie die 20-jährige Sängerin Koffee, die – im androgynen Look – und mit ihrer unverwechselbaren Stimme Anfang des Jahres den Grammy für das beste Reggae-Album abräumte. Für Experimentierfreude steht auch der Name Equiknoxx. Das fünfköpfige Team aus Produzenten und Sänger*innen aus Kingston verarbeitet unorthodox und spielerisch Geräusche und Samples aus unterschiedlichsten Soundquellen, ohne dass dabei der ausschlaggebende Groove von Dancehall verloren geht.

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Equiknoxx - Brooklyn | Bild: Equiknoxx M. (via YouTube)

Equiknoxx - Brooklyn

Oder eben Shebada – der queere Comedian, die Stimme der LGBTQ-Bewegung, der das Ganze so einschätzt: "Jamaika soll der homophobste Ort auf der Welt sein? Naja, die Jamaikaner würden alles geben für ein Visa. Sie wollen raus, an Orte, an denen Homosexualität legal ist. Und schau Dir nur unsere Popstars an: Sie alle arbeiten immer wieder mit Leuten, die offen homosexuell sind. Ich würde also nicht sagen: Jamaika ist der homophobste Ort der Welt. Nur weil einige Jamaikaner das gerne so hätten."

Die Auseinandersetzung über Homophobie auf Jamaika – sie wird weiter gehen. Genau wie in Polen, Ungarn und in manchen ländlicheren Gegen Deutschlands. Jamaika wird dafür Zeit brauchen, Zeit, die die queere Community nicht hat.


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