Bayern 2 - Zündfunk

Das Buch "Klimarassismus" "Es sterben vor allem Schwarze Menschen, Indigene, historisch diskriminierte Gruppen sowie Arme"

Der Rechtsextremismus und die Klimakrise sind zwei große Herausforderungen, mit denen die Welt gerade zu kämpfen hat - auch in Verstrickung miteinander. Die Soziologen Matthias Quent, Christoph Richter und Axel Salheiser haben das in ihrem neuen Buch "Klimarassismus" festgehalten. Im Interview erklärt Matthias Quent, was genau Diskriminierung und die Klimakrise miteinander zu tun haben.

Author: Oliver Buschek

Published at: 14-9-2022

Soziologe und Rechtsextremismus-Experte Matthias Quent. | Bild: picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm

Matthias Quent aus Jena ist Soziologe und Rechtsextremismus-Experte. Zusammen mit Christoph Richter und Axel Salheiser hat er das Buch "Klimarassismus" veröffentlicht. Untertitel: der Kampf der Rechten gegen die ökologische Wende. Im Interview erklärt er, was es mit dem Begriff "Klimarassismus" auf sich hat:

Matthias Quent: Klimarassismus ist ganz allgemein ein Sammelbegriff, der verschiedene Folgen durch den Klimawandel und den Umgang mit diesem beschreibt. Von den Gruppen, die historisch bereits marginalisiert, benachteiligt und diskriminiert wurden sowie auch überproportional stark betroffen sind. Das klingt kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Diejenigen, die am wenigsten dazu beigetragen haben, leiden am stärksten unter dem Klimawandel. Und das ist auch das Ergebnis, insbesondere von der Politik und von den Forderungen, der äußersten Rechten im Umgang mit der Klimakrise.

Zündfunk: Der Klimawandel ist bereits in vollem Gange. Heißt das, zum Beispiel Dürreperioden, Flutkatastrophen und Ähnliches sind in ärmeren Ländern, afrikanischen oder asiatischen Ländern sehr viel häufiger und stärker als bei uns?

Absolut. Die Menschen sind stärker von Extremwetter betroffen, so wie im Moment in Pakistan, und sie sind gleichzeitig weniger stark in der Lage, sich dagegen zu schützen. Schlicht, weil dafür die finanziellen Ressourcen fehlen. Und der CO2-Fußabdruck, die Emissionen sind viel, viel geringer als im globalen Norden, als in den industriellen Industriegesellschaften, die damit eine Hauptverantwortung tragen. Das müssen wir immer im Hinterkopf haben, wenn wir hier über Freiheit und über den Klimawandel sprechen, darüber, ob man nicht doch die Kohlekraftwerke noch etwas länger laufen lassen sollte. Wir sind zwar auch die, die darunter leiden. Aber schon jetzt sterben vor allem Schwarze Menschen, indigene Bevölkerungen und andere historisch diskriminierte Gruppen, sowie natürlich auch arme Menschen. Hier wie dort.

Noch mal die Frage nach dem Begriff: Wir sehen hier ganz konkret die Auswirkungen des globalen Kapitalismus, also der Industrialisierung. Klar, die ist etwas, wovon wir hier in den westlichen Ländern sehr viel stärker profitieren. Sie haben sich aber in diesem Zusammenhang trotzdem für das Wort „Rassismus“ entschieden. Das ist schon ein stark polarisierender Kampfbegriff. Warum?

Das ist in der Forschung gar nicht so ein stark polarisierender Kampfbegriff. Forschung zu Umweltrassismus gibt es seit den 1980er-Jahren. Die beschreibt genau diese Zusammenhänge innerhalb der Gesellschaften, aber auch in dem globalen Maßstab. Wir haben ebenfalls überlegt und im Buch auch darüber diskutiert: reden wir nicht eigentlich über Kapitalismus, wenn wir darüber sprechen? Aber gerade die Fragen der Folgen von Kolonialisierung für die Industrialisierung und den Kapitalismus sind eng miteinander verbunden. Unser Schwerpunkt liegt auf Analysen, wie insbesondere rechte Akteure mit diesem Thema umgehen. Das läuft auf eine sehr aggressive Art und Weise in unterschiedlichen Formen und unterschiedlichen Strömungen auf Rassismus heraus. Insofern ist das das Hauptaugenmerk unseres Buches.

Viele Rechte weigern sich, den menschengemachten Klimawandel überhaupt als solchen anzuerkennen. Liegt das vielleicht auch daran, dass ihnen die rassistischen Strukturen ganz recht sind? Also, dass ihnen die unterschiedlichen Auswirkungen, die sie beschrieben haben, recht sind: Dass all das mit der Ausbeutung ärmerer Länder, den Rohstoffen, die es dort gibt, und so weiter zu tun hat?

Ja, richtig. Die äußerste Rechte in der ganzen Welt, also in Nordamerika von Trump, in Deutschland um die AfD und in anderen Ländern, die organisiert besondere Interessen. Und zwar insbesondere die materiellen, aber auch symbolischen und kulturellen Interessen derjenigen, die in der Vergangenheit vor allem gesellschaftlich besonders viel Macht besessen haben. Die wehren sich gegen Emanzipation jeder Art. Und so geht es also um die Abwehr des Hinterfragens und auch das Abgebens von Privilegien, die ja dazu führen, dass andere Menschen weniger zur Verfügung haben. Da steckt auch die Gemeinsamkeit in der Leugnung der Klimakrise und der Leugnung der Existenz von strukturellem Rassismus oder Ungleichheiten: man fürchtet, auf die Schattenseite zu geraten oder nicht mehr von globalen und auch nationalen Ungleichheiten so stark profitieren zu können wie bisher.

Man könnte als Rechter auch die Haltung annehmen: "Da ist unsere schöne, deutsche Heimat gefährdet. Da wandern dann womöglich bald Obst- und Rebsorten aus dem Mittelmeer bei uns ein, die eigentlich nichts bei uns zu suchen haben." Zudem ist durch die Klimakrise auch vermehrt mit Flüchtlingen zu rechnen. Das alles kann doch Nationalist:innen auch nicht schmecken, oder?

In der Tat. Erstens: Das ist der Grund dafür, dass unterschieden wird zwischen Umweltschutz und Klimaschutz. Also dem Schutz der heimischen Wälder und dem Schutz der Heimat insgesamt, übrigens auch vor Zuwanderung jeder Art mit der vermeintlichen Alternative der nationalen Abschottung. Das bedeutet aber nicht, dass man die globale Klimakrise anerkennt oder der Meinung ist, zum Beispiel Deutschland könnte und sollte etwas dagegen tun. Wir sehen es durchaus in Kommunalparlamenten, dass sich auch rechtsradikale Politiker:innen für Klimaschutz einsetzen. Aber eben in dem Kontext, wie es das lokale Klima, die lokale Umwelt betrifft, aber eben nicht das globale Klima oder die Erderwärmung.

Zweitens: Auch in der rechten Szene gibt es ganz unterschiedliche Formen des Umgangs, es gibt unterschiedliche Strömungen und eben auch eine öko-faschistische Linie, die den Klimawandel nicht leugnet. Die sagt zum Beispiel: Daran ist die Überbevölkerung im globalen Süden verantwortlich. Wir müssen die Afrikaner und die Muslime loswerden. Und dann haben wir auch kein Problem mehr mit dem Klimawandel.

Bei ihren Recherchen, die sie jetzt mit ihren Kollegen zusammen für dieses Buch unternommen haben, rund um das Thema Rechtsextremismus und Klima. Gab es da irgendetwas, was sie besonders schockiert, überrascht oder bewegt hat?

Ich bin durchaus darüber ins Staunen gekommen, wie sensibel wir für Ungleichwertigkeit und Zuschreibung für Diskriminierungen geworden sind, oder auch für kleine Äußerungen und alltägliche Kommunikationsweisen, den sogenannten Alltagsrassismus. Das ist etwas sehr Positives. Und gleichzeitig scheinen die globalen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die denselben Macht-Asymmetrien folgen, doch aus dem Blick gekommen zu sein. Dazu gehört auch die enge Verstrickung zwischen dem, was wir als Rassismus beschreiben und dem, was als Klassismus, also letztlich als die Benachteiligung der wirtschaftlich Schwächeren, bezeichnet wird.

Gerade in der Klimafrage erleben wir gerade, dass vermeintlich die Ärmeren gegen den Klimaschutz in Stellung gebracht werden. Und zwar unter den Hinweisen: wie sollen sich denn die Familien, die gerade so über die Runden kommen, noch ihr Auto leisten können? Das sind alles völlig berechtigte Fragen, aber sie verstellen den Blick dafür, dass wenn wir jetzt nichts tun, wird es in Zukunft ja nur noch viel, viel schlimmer und viel, viel teurer. Diese Perspektiven zusammenzudenken und zusammenzuführen, das ist aus meiner Sicht eine ganz zentrale Herausforderung. Das war auch das, was ich in diesem Schreibprozess und Rechercheprozess, am stärksten von den verschiedenen Bewegungen und Theorierichtungen, auf die wir uns beziehen, gelernt habe.

"Klimarassismus - der Kampf der Rechten gegen die ökologische Wende erschienen" ist bei Piper erschienen und kostet 20 Euro.