Bayern 2 - Zündfunk


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Danger Dan "Wenn ich sage, dass das Letzte aller Mittel die Militanz ist, dann meine ich das auch so"

Danger Dans Song "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" polarisiert, bei Neu-Rechten, aber auch im linken Spektrum. Danger Dan stellt im Interview klar, dass er nicht zu Gewalt aufrufen will - und doch zu dem steht, was er singt.

Von: Roderich Fabian

Stand: 16.04.2021

Rapper & Liedermacher Danger Dan | Bild: Jaro Suffner

Zündfunk: Das Kunstfreiheit-Lied ging ja ganz schön ab. Was ist passiert seitdem? Haben sich einige dieser Herren mal bei dir gemeldet, die da im Song erwähnt wurden? Höcke oder Kubitschek?

Danger Dan: Also es gibt so ein leichtes Rumoren im Internet, auch von rechts. In erster Linie habe ich aber fast nur positives Feedback bekommen, auch aus Richtungen, die ich gar nicht erwartet hätte. Selbst Karl Lauterbach gefällt das Lied. Und juristische Konsequenzen gab es noch gar keine. Also bei mir ist noch kein Brief angekommen, von keinem Rechtsanwalt, von keiner Rechtsanwältin, von keinem Staatsanwalt, keiner Staatsanwältin. Ich bin fast schon enttäuscht.

Obwohl man aber damit rechnen konnte. Dein Song ist ja sozusagen "Double Binding", also du baust das schon direkt mit ein, dieses: "Wenn ihr euch jetzt beschwert, dann seid ihr selber schuld. Dann seid ihr noch noch blöder als ihr eh schon seid".

Ja, das ist natürlich die Flucht nach vorne. Ich glaube auch nicht, dass die besagten Personen über jedes Stöckchen springen, was man denen so hinhält. Die wissen selber, dass die da eigentlich nur verlieren können. Selbst wenn ich juristisch belangt werden könnte, würde das öffentlich noch mal anders behandelt, als vor Gericht.

Es gab allerdings auch Kritik von links. Wir haben das ja auch mal auf unserer Facebook-Seite gepostet und dann kamen auch sehr viele Kommentare, die sich gestört haben, an der "Militanz", die du da auch rechtfertigst. Hast du von der Seite auch was gehört?

Ich habe einen Freund zum Beispiel, der arbeitet bei Ärzte ohne Grenzen. Der hat wirklich Patronen aus Leuten rausoperiert, die mit Kalaschnikows verschossen wurden. Der hat mich angerufen und meinte, dass er das total widerlich findet. Ich habe ihm erklärt, dass ich auf einer Theaterbühne stehe, und das für mich wie ein Theaterstück war. Dass ich natürlich nicht der Meinung bin, man sollte mit Kalaschnikows auf irgendwen schießen. Wir haben uns dann am Ende auch wieder vertragen. Aber alles in allem, zu dem, was ich da in dem Lied erzähle, da stehe ich auch hinter.

Danger Dan im Video zu "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt"

Wenn ich sage, dass das Letzte aller Mittel dann halt doch die Militanz ist, dann meine ich das auch so. Damit möchte ich jetzt nicht zu Gewalt aufrufen. Ich glaube aber auch nicht, dass man dann jetzt einen wütenden Nazi-Mob, der vor einer Geflüchtetenunterkunft steht, mit Lichterketten davon abhalten kann, da rein zugehen oder Leute zu attackieren. Ich erinnere mich an Rostock-Lichtenhagen, wir waren auch selbst mit der Antilopen Gang mal in Freital, weil wir im Fernsehen uns schon angucken konnten, wie Nazi-Mobs da vor einer Geflüchtetenunterkunft stehen und die Leute bedrohen. Und ich hätte mir auch gewünscht, da nicht hinfahren zu müssen. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Polizei oder der Staatsschutz da einen guten Job macht. Aber das haben sie halt nicht. Und deswegen mussten wir da hinfahren. Und genauso war das dann in Rostock-Lichtenhagen auch. Das Problem wurde nicht von der Polizei gelöst, sondern von antifaschistischen Gruppen.

Widerstand ist auch wirklich wichtig, wenn man daran denkt, wie sich das entwickeln kann. Es passt ganz gut zu deiner Platte. Von den Melodielinien oder auch von den Arrangements her mit Streichquartetten und Klavier erinnert das an die 30er-Jahre, an die Vorkriegszeit, in der die SA auf den Straßen Berlins marschiert ist. War das eine absichtliche Maßnahme, dass es ruhig so ein bisschen klingen soll wie Popmusik der 30er-Jahre?

Nein, wenn ich das gemacht hatte, dann war das ein Versehen. Ich habe da eher so an die Blütezeit der Liedermacher und Liedermacherinnen gedacht, eher so an die 70er oder 60er-Jahre. Und um ehrlich zu sein, haben die sich ja auch wiederum dann an ihrem amerikanischen Vorbildern orientiert. Die haben dann gedacht, die klingen wie Bob Dylan. Ich habe versucht, so zu klingen wie Georg Kreisler oder Franz Josef Degenhardt. Bei mir ist dann auch was anderes rausgekommen. Also so wie Franz Josef Degenhardt nicht wie Bob Dylan klingt, klinge ich auch nicht wie Franz Josef Degenhardt.

Aber auf jeden Fall ein bisschen wie Georg Kreisler. Ein jüdischer Pianist, der in den 30er-Jahren auch schon aktiv war und dann nach Amerika auswandern musste. Das hat er gerade noch geschafft hat und kam dann nach dem Krieg zurück nach Wien und hat weiterhin sehr böse Lieder geschrieben. Georg Kreisler war schon auch ein Einfluss, oder?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, Georg Kreisler hatte auch mal in München eine Radiosendung, wenn ich mich recht erinnere. Da hat er hat von da aus weiter nach Österreich gefunkt, und die Wiener beschimpft die ganze Zeit. "Wien ohne Wiener" - auch ein sehr schönes Lied von ihm. Kann ich nur empfehlen.

Jetzt die letzte Referenz, die ich ansprechen muss, weil sie mir sehr viel bedeutet: Randy Newman. Auf deinem Album gibt es ja eine Cover-Version von "Sail Away", dem großen Newman-Song gegen Rassismus, der sehr hyperironisch ist. Da geht es darum, wie die Afrikaner von den Amerikanern angelockt wurden, doch auf die Schiffe zu steigen und nach Amerika zu kommen. Ein sehr böser Song. Randy Newman hat ja viele sehr böse Songs geschrieben mit doppelten Ebenen. "Lauf davon", das Cover, ist auch die erste Single aus deinem Album gewesen. Was bedeutet dir Randy Newman, und dieser Song jetzt in dem Kontext?

Also, um ehrlich zu sein, ist mir diese Anlehnung auch erst hinterher aufgefallen. Was stimmt ist, ich habe viel Randy Newman gehört vorher. Ich habe aber nicht so bewusst versucht, das jetzt zu bearbeiten. Das habe ich tatsächlich nicht gemacht. Aber ich muss sagen, dass mir dieses "Sail Away" von Randy Newman unglaublich gut gefällt.

Hast du ihn eigentlich als Autor in den Credits erwähnt?

Nein. Wie gesagt, das war mir gar nicht so klar.

Hoffentlich gibt es da kein Nachspiel, wo die Kunstfreiheit nicht mehr so wirkt.

Danger Dan am Klavier mit Mops

Ich glaube nicht. Das ist eine andere Tonart, andere Harmonien und ein komplett anderes Thema. Aber, dass mich das nicht in irgendeiner Form inspiriert hätte, das könnte ich jetzt hier nicht behaupten, weil da gibt es schon eine gewisse Nähe. Das ist übrigens auch etwas, was Georg Kreisler ständig passiert ist. Es gibt ja ganz viele Plagiatsvorwürfe, weil er ganz oft Lieder geschrieben hat, die er wahrscheinlich auch schon mal irgendwo gehört hatte.

Ja, das ist die Geschichte der Popmusik. "My Sweet Lord" von George Harrison zum Beispiel, da hat sich herausgestellt, das ist eigentlich ein alter R'n'B-Song.

Ich glaube tatsächlich, dass man Lieder, die einen berühren, abspeichert und dass da ganz viel mitschwingt, wenn man sich irgendwo hinsetzt und wieder selbst neue Musik erschafft. Ich kenne das als Rapper noch, dass ich mir immer von dem Rapper, den ich gerade besonders gerne höre, automatisch Patterns und so aneigne. Und so funktioniert ja dann auch Zeitgeist. Also ich glaube nicht, dass alle Rapper, die plötzlich gleich klingen, wirklich voneinander abschreiben. Sondern, dass sich das einfach so selbst manifestiert, dass sich Musikrichtungen plötzlich immer weiterentwickeln, aber auch immer wieder angleichen und dann gleichzeitig auch wieder verändern.


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