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"NOW" Damon Locks & Black Monument Ensemble kämpfen mit Jazz und Samples für Bürgerrechte

Der Schwarze Künstler und Aktivist Damon Locks aus Chicago hat sein Black Monument Ensemble als Jazz-Kollektiv erweitert und etabliert. Die Fusion der vielen Künstler*innen funktioniert außergewöhnlich gut. Und auf dem neuesten Werk "NOW" halten sie fest, dass die Corona-Pandemie die Schwarze Community in den USA besonders stark getroffen hat.

Von: Tobias Ruhland

Stand: 12.04.2021

Jubelndes Menschengemurmel. Der Song ist im Kasten und die beteiligten Musiker*innen feiern sich gegenseitig. Sympathisches, akustisches Abkumpeln. Fürs Album nicht weiter überlebenswichtig, aber nice to hear. Und der menschengemachte Jubel ist noch viel mehr: Es ist die ultimative Gefühlsentladung, ein Moment zwischen Karthasis und Corona. Die zwei Wochen im August 2020, in denen das Album "Now“ aufgenommen wurde, werden alle Beteiligten nie mehr vergessen. Aber der Reihe nach.

Was hat das Black Monument Ensemble in der Pandemie zu sagen?

Vor genau einem Jahr veröffentlicht Damon Locks den Song "Stay Beautiful". Dazu gibt es ein Video: Wir sehen ihn, Locks, mit der Aura eines Predigers und der Frisur von Questlove am Rednerpult, umgeben von seinem Black Monument Ensemble und einer Reihe von Tänzer*innen. Der Song ist zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre alt und könnte aktueller nicht sein. Locks spricht Mut zu, dem Krankenhauspersonal am Limit und dem Patienten in der Einsamkeit. "Bleibt stark und schön. Stay Beautiful", singt er. Mitten in der ersten Corona-Welle trifft Locks damit den Nagel auf den Kopf. Und den Nerv der neuen Pandemie-Ära. Er merkt, dass die Menschen wieder vermehrt sein Debütalbum "When Future Unfolds" anhören, Und er beginnt sich zu fragen: Was habe ich, was hat mein Black Monument Ensemble in der Pandemie zu sagen?

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Black Monument Ensemble - "Stay Beautiful" | Bild: International Anthem (via YouTube)

Black Monument Ensemble - "Stay Beautiful"

Wie sich herausstellt hat das eine ganze Menge miteinander zu tun. Denn Covid 19 wütet unter den Schwachen und Abgehängten. In den Gefängnissen bedeutet es oft die Todesstrafe, wie Locks im Interview erzählt: "Ich gebe Kunstunterricht für die Insassen in einem Hochsicherheitsgefängnis. Und als dort Corona ausbrach, konnten wir nicht mehr rein zum Unterrichten. Wir machten uns Sorgen um die Eingesperrten – da gibt’s kein großes social distancing, die können sich selber kaum schützen. Meine Hilfsorganisation und ich haben dann angefangen, Desinfektionsmittel und Hygieneartikel für unsere Schüler zu sammeln. Aber die Verantwortlichen dort hatten keine bessere Idee, als die Leute noch mehr wegzusperren und zu isolieren. Meine Message für sie und andere Menschen hinter Gittern war: 'Keep Your Mind Free.'"

"Wir durchleben eine Zeit, in der Bürgerrechte zurückgedrängt werden"

"Beendet das Unrecht der Covid-19-Todesstrafe", heißt es im Song "Keep Your Mind Free", und weiter: "We have a pandemic of incarceration. Warum sperrt ihr unsere Leute ein? Schickt sie in den Zwangsurlaub. Free them now." Auch auf dem Cover zu Single steht diese Botschaft, über einem Häftling in Ketten. Damon Locks hat dieses Cover in Holzschnittoptik selbst gestaltet, wie er im Interview bestätigt: "Künstler zu sein bedeutet für mich, Ideen zu kommunizieren und zu verbreiteten. Das treibt mich an."

"Keep Your Mind Free" – unter diesem Claim organisiert Locks auch ein Benefiz-Konzert mit anderen Jazz-Musiker*innen, in der Woche nach dem Mord an George Floyd. "Wir durchleben gerade eine Zeit, in der Bürgerrechte zurückgedrängt werden", erklärt Locks dazu. "Wir scheinen nichts zu lernen aus der Geschichte. Es wiederholen sich Dinge, die wir schon für überwunden glaubten. Das muss immer wieder gesagt werden. Und das Black Monument Ensemble ist so eine Art Schwarze Stimme, die diese Bedenken äußert - aber auch Freude und die Schönheit, die auch zum Ausdruck kommen soll".

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Damon Locks - Black Monument Ensemble - "NOW (Forever Momentary Space)" | Bild: International Anthem (via YouTube)

Damon Locks - Black Monument Ensemble - "NOW (Forever Momentary Space)"

Die Freude und Schönheit. Sie bricht durch in jubelnden Klarinetten-Triolen von Angel Bat Dawid im Stück "Now (Forever Momentary Space)". Der Track ist ein typischer Damon-Locks Mehrminüter, getragen von spirituellen Texten und Samples von Original-Zitaten aus der Geschichte der langen und sehr aktuellen schwarzen Bürgerrechtsbewegung. "Der Song erzählt davon, was möglich ist", kommentiert Locks. "Strophe eins handelt von dem Moment, wenn Menschen flüchten, Strophe zwei von dem Moment, wenn niemand stirbt, Strophe drei davon, dass jeder Zugang zu Allem hat und dieser Moment, in dem alles möglich ist. Jetzt gerade. Ein Moment außerhalb der Zeitachse. Wir können ihn nicht quantifizieren, aber alles kann jederzeit passiert. Für mich ist der Song 'Now (Forever Momentary Space)' der Leitfaden für diese Platte. Der Moment einer Möglichkeit, die wir vorher nicht hatten, der für uns aber immer greifbar ist. Ich möchte den Moment des Hier und Jetzt umdeuten zu einem Moment der Vorstellung und Möglichkeit."

Die Aufnahmen der neuen Songs fanden unter freiem Himmel statt - im Garten vom International Anthem in Chicago. Und sie werden Mitte August 2020 zum Balance-Akt. Einerseits die Erleichterung und Befreiung, wieder gemeinsam musizieren zu können, andererseits die Verantwortung für Bandleader Locks, die Gesundheit seiner Musiker*innen zu gewährleisten. Im Hintergrund wacht die permanente Bedrohung durch das Virus als unsichtbares bzw. unhörbares Grundrauschen. "Wir mussten über die Emotionen in den Songs sprechen", sagt mir Damon Locks, "Weil wir sie vorher nicht proben konnten".

"Gemeinsames Musikmachen ist zugleich großartig und beängstigend"

Vor allem die ersten Aufnahmetage waren besonders intensiv, erzählt der Künstler weiter: "Das fiel zusammen mit dem Jahrestag eines Civil-Rights-Marches in Washington 1963 und dem 65. Jahrestag der Ermordung des 14-jährigen Afro-Amerikaners Emmett Till im August 1955. Beides waren Katalysatoren für die aufkommende Bürgerrechtsbewegung. Über all das haben wir geredet rund um die Aufnahmen von" Keep Your Mind Free". Und als wir nach dieser Session nach Hause gegangen sind, wurde in den Nachrichten gerade der Tod des Schauspielers und Black Panther-Darstellesr Chadwick Boseman verkündet. Da war so viel los. Und als wir später für die Aufnahmen mit Schlagzeuger, Percussionisten und Hornbläser zusammenkamen, war es ähnlich. Wir mussten ja Abstand halten, hatten aber so ein unglaubliches Bedürfnis, uns zu umarmen. Aber dafür war das gemeinsame Musikmachen so ermutigend und so gut fürs Herz. Es war beides zugleich: Großartig und beängstigend."

Großartig und beängstigend: vielleicht ist das ja auch eine weitere Definition für diesen Forever Momentary Space, dieses Jazz-Zeitloch made in Chicago von einem Typen, der gerade noch mit seinen Schülern im Gefängnis zoomt und uns dann mit dem Album der Woche eines lehrt: Wenn die alte Welt fällt, verlieren wir viel, aber wir gewinnen die Möglichkeit, eine Neue zu erschaffen. Das Neue ist möglich. Wir tun, was wir können.


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