Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: "Where Future Unfolds" Warum der Live-Mitschnitt einer BlackLivesMatter-Oper das beste Album der Woche ist

Der Auftritt von Damon Locks und dem Black Monument Ensemble ist als einmalige Performance angelegt. In Chicago, im letzten Herbst. Wir hören erhebenden Aktivisten-Jazz für diese politisch aufgeladenen Zeiten. Die Frage ist nur, hören wir ihn jemals wieder live?

Von: Ralf Summer

Stand: 03.06.2019

Es kommt selten vor, dass wir einen Live-Mitschnitt zum Album der Woche küren. Da muss schon was Besonderes daherkommen. Wie hier: „Where Future Unfolds“ - „wo sich die Zukunft entfaltet“. Ob sie das nochmal tun wird, ist noch nicht einmal klar: denn der Auftritt von Damon Locks und dem Black Monument Ensemble ist als einmalige Performance angelegt gewesen. In Chicago, im letzten Herbst. Sie nennen es erhebenden Aktivisten-Jazz für diese politisch aufgeladenen Zeiten.

Die Idee zu diesem besonderen Projekt kam Damon Locks an einem besonderen Ort – im Gefängnis: 2017 gab er elf Sträflingen Kunstunterricht. Zu einem Zeitpunkt, als Polizeigewalt und Racial Profiling wieder mal Thema wurde. Locks ging dann tief hinein in die afroamerikanische Historie und hörte sich Civil-Rights-Reden an – von Martin Luther King und Angela Davis. Oder Platten von Curtis Mayfield. Und dann warf er seinen Sampler an – er, der früher auf dem Chicago-Kult-Indie-Label "Thrill Jockey" Punk- und Experimental-Sound veröffentlichte.

Aktivisten-Jazz für politische aufgeladene Zeiten

Das Black Monument Ensemble sind 15 Künstlerinnen und Künstler aus diversen Genres. Gegründet von Damon Locks, einem afro-amerikanischen Musiker und Visual Artist, zusammen mit vier Musikern aus Chicago – unter anderem Ben LaMar Gaye, der im letzten Jahr auch hier im Zündfunk und beim Alien Disko Festival umjubelte Jazzer.

Dazu ein Kinderchor, eine Dance-Company - und Samples aus der Zeit der US-Bürgerrechts-Bewegung. Sie nennen es erhebenden Aktivisten-Jazz für diese politisch aufgeladenen Zeiten.

"Gospel ist für das Black Monument Ensemble das ideale Vehikel"

Manches auf „Where Future Unfolds“ hört sich an, als ob Nick Cave & The Bad Seeds ein Gospel-Album aufgenommen hätten – mit den beliebten Call & Response-Parts. Andere Stücke passen gut in den momentanen Jazz-Trend: „The Colors That You Bring“ könnte fast ins Programm des angesagten Kamasi Washington passen.

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Damon Locks - Black Monument Ensemble - "From A Spark To A Fire" | Bild: International Anthem (via YouTube)

Damon Locks - Black Monument Ensemble - "From A Spark To A Fire"

Damon Locks sagt, dass Punk ihn gelehrt hat, alles zu probieren, auch wenn man es nicht kann. Und diese Art von Selbstermächtigung fasziniert ihn auch an Gospel und Spiritual Jazz. „Gospel ist für das Black Monument Ensemble das ideale Vehikel. Die Musik war schon zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung hilfreich, um Nachrichten niedrigschwellig zu verbreiten.“ Das Ensemble setzt also bewusst auf die Kraft des Gemeinsamen, auf den Chor und nicht auf den Rap eines Einzelnen: „Musik wird unheimlich emotional, wenn ein Text unisono von vielen Stimmen getragen wird“, ergänzt Ben LaMar Gaye.

Wird es je wieder einen Live-Auftritt geben?

Im Laufe von vier Jahren sind die Songs vom Black Monument Ensemble weiter und weiter gewachsen: zu den Samples und den Jazz-Musikern kamen Beats und Drum-Machines, so dass wir es hier nicht mit einem reinen Retro-Ansatz zu tun haben. Unser Album der Woche ist eine Platte, die aus verschiedenen Gründen in die Zeit passt:

  1. Viele der beteiligten Künstler sind Frauen.
  1. Das Chor-Element ist bei Damon Locks kein Feelgood-Feierabend-Ding, sondern eine Weiterentwicklung der 60er und 70er Jahre.
  1. Das Kollektiv braucht keinen narzisstischen Rap-Star auf der Bühne und
  1. die langen Stücke verweigern sich stromlinienförmigem Streaming-Pop.

Bleibt eigentlich nur eine Frage: wird Damon Locks und das Black Monument Ensemble diese BlackLivesMatter-Oper je wieder live schmettern können? Oder war der Abend letzten Herbst in Chicago nur deshalb möglich, weil es einen Sponsor gab, der den Auftritt mitfinanziert hat? Nämlich und ausgerechnet Red Bull. Die größten Widersprüche scheinen die besten Ergebnisse zu „beflügeln“. Ähm: ermöglichen.


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