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Album der Woche: "Crooked House" Crooked Man - Warum es gut ist, wenn auf dem Dancefloor nicht gejammert wird

Richard Barratt ist eine Dancefloor-Legende. Der Produzent aus Sheffield war bei The All Seing I und veröffentlichte die allererste LP auf Warp Records. Als Crooked Man schafft er den Spagat zwischen Dancefloor und Brexit-Krise. Es geht um Energie und Hoffnung.

Von: Julian Weber

Stand: 19.11.2018

„Will you wear that shirt on Judgement Day?“ Der Dancefloor von Crooked Man hat einen doppelten Boden: Einerseits Gospel-angehauchter Vocalhouse mit geradem 4-to-the-floor-Beat. Straight, direkt und sehr upliftend. Auf der anderen Seite beschreibt der Song „Take It All Away“ eine Krisensituation: Jemand verliert fast alles - den Job, das Zuhause, nur die Liebe hält ihn am Leben.

Richard Barratt, wie Crooked Man bürgerlich heißt, liefert mit seinem neuen Album „Crooked House“ den Soundtrack zum Brexit-England, wo die Nerven blank liegen. Und Crooked Man redet nichts schön, denn der Alltag für sehr viele Menschen in Großbritannien ist ziemlich mühselig.

Dass das Album trotzdem so positiv geworden ist, liegt daran, dass Barratt es nicht mag, wenn in Popsongs gejammert wird. Das kenne er aus dem richtigen Leben schon zur Genüge, sagt er mir im Interview. Er hält es mit seinem Helden Ian Dury: Um nicht unterzugehen, muss man tough sein. Der Sound von Crooked Man ist ungeschminkt, aber mit viel Herz - und einem Monster-Shuffle Beat. Der Track „Here on Earth“ ist dafür ein Musterbeispiel.

Pionier des britischen Dancefloors

"Crooked House" ist bei DFA erschienen

Richard Barratt lebt im Peak District, einem Mittelgebirge zwischen Manchester und Sheffield. Aber Sheffield ist und bleibt sein Bezugspunkt. Barratt ist einer der Pioniere des nordenglischen Bleep-Sounds. Seit den späten Achtzigern veröffentlicht er Platten auf kleinen Labels und hat es auf einige Hits gebracht. Unter dem Namen Sweet Exorcist hat Barratt zusammen mit Richard H. Kirk einflussreiche Maxi-Singles und dann die überhaupt erste LP beim Elektronik-Label Warp herausgebracht. Und sein Alias The All Seeing I hat ihm Ende der Neunziger zu einigen Erfolgen verholfen, die man wohl als Big Beat bezeichnen könnte. Sie landeten in den Charts.

Aber Erfolg ist Richard Barratt wurscht. Er kennt alle in Sheffield: Die, die vor ihm da waren, wie die New Wave-Helden Human League und Clock DVA. Und die, die nach ihm kamen, wie Róisín Murphy, Pulp und Pusha T. Inzwischen betreibt Barratt ein kleines Studio im Peak District, dort spielt er mit Freunden zusammen Musik ein, produziert für sich und für andere: Róisín Murphy nimmt er regelmäßig auf, arrangiert und remixt ihr Material. Auf dem neuen Crooked Man-Album wirkt wiederum Michael Somerset Ward von Clock DVA mit.

Es geht ums Tanzen, nicht um den Performer

Glücklich ist Barratt, wenn er weiterhin selbstständig Musik einspielen kann. Acid House kann man in der aktuellen Musik von Crooked Man noch als fernes Echo wahrnehmen. Als euphorisches Gefühl. Aber noch mehr zählt für Barratt der alte DIY-Spirit der Rave-Szene. Zwei der Tracks von „Crooked House“ hat er in anderen Fassungen anonym als White Labels veröffentlicht: „Bei Dancefloormusik geht’s doch ums Tanzen und nicht um mich als Performer. Egal, wer das Ding produziert hat, was zählt ist sein Rhythmus und das Sentiment, das aus der Musik spricht. Als Tänzer habe ich diejenigen Songs am meisten geliebt, die scheinbar endlos weiter drehten. Nummern, in denen man sich verlieren konnte.“

Weniger ist mehr

Die Musik von Crooked Man klingt stoisch, straight, so wie Barratt auch als Typ rüberkommt. Als jemand, der seit mehr als 35 Jahren Musik macht, hat er einige Wunden davon getragen wie er selbst sagt: Verpatzte Deals, gescheiterte Projekte, zerbrochene Freundschaften, auch das gehört zum Musikmachen. Deshalb haushaltet Richard Barratt mit Crooked Man inzwischen besser. Gerade zwei Alben hat er unter diesem Namen seit 2011 veröffentlicht. Alles exzellenter Stoff.

Auf-die-Schnauze-fallen und wieder aufzustehen

Man hört dem Sound von Crooked Man die Widrigkeiten des Alltags immer an. Er trägt nie zu dick auf und klingt doch sinnlich, nach hart erarbeiteter Würde, nach dem Willen weiterzumachen, auch nach dem Auf-die-Schnauze-fallen wieder aufzustehen, selbst, wenn es noch so schwer fallen mag. Jeder der Beteiligten auf dem „Crooked House“ hatte während der Aufnahmen zu kämpfen: Mit dem Älterwerden, mit Krankheiten, mit den Härten des Lebens. Aber Richard Barratt, der seinen dementen Vater bei sich aufgenommen hat, beklagt sich nicht, es sei eben so. Dafür gibt es die Piano-Hooklines, die stompenden Beats und den Gesang, all das spendet Energie und Hoffnung. Und das ist das Eindrucksvolle von „Crooked House“ und Crooked Man, sein Sound ist für den Dancefloor gemacht, aber er zeigt eben auch, dass es abseits von Dancefloor noch ein Leben gibt.


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