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Neues Diplo-Album Country-Rap ist genauso blass wie es Country im neuen Jahrtausend war

Diplo ist kein Cowboy. Auch wenn er ein „Country-Album“ rausbringt, wie gerade geschehen. In der Geschichte gab es immer wieder Versuche, Country in den Pop zu überführen oder umgekehrt. Gelungen sind sie mal mehr, mal weniger. Leider haben sie nie dazu geführt, dass der Rassismus in den USA verschwunden ist.

Von: Roderich Fabian

Stand: 03.06.2020

Foto auf dem Superbowl 2020 | Bild: picture alliance / AP Photo

Eigentlich ist der junge Rapper Lil Nas X am Diplo-Album schuld. Denn sein „Old Town Road“ war mit Abstand der größte Hit des Jahres 2019 in den USA. Ob in der Version mit Country-Star Billy Ray Cyrus oder eben im Diplo-Remix mit Dance-Beats on top: „Old Town Road“ landete sowohl in den urbanen R&B-Charts als auch in den Country-Charts ganz oben. Allerdings wurde der Titel nach zwei Wochen wieder aus den Country-Charts des Billboard Magazines entfernt, mit der Begründung, er enthalte „zu wenige Elemente moderner Country-Musik“.  Nicht nur der afroamerikanische Rapper protestierte dagegen, die ganze Sache roch verdammt nach einem konservativen Backlash, was nichts Neues wäre in der Beziehungskiste zwischen Country und Pop.

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Lil Nas X, Billy Ray Cyrus, Diplo - Old Town Road (Diplo Remix - Official Audio) | Bild: LilNasXVEVO (via YouTube)

Lil Nas X, Billy Ray Cyrus, Diplo - Old Town Road (Diplo Remix - Official Audio)

Die Geschichte des Country-Rap

County-Rap hat’s immer mal wieder gegeben, 2008 etwa, als Snoop Dogg Johnny Cash hochleben ließ und seine „Medizin“ feierte, die man inhaliert, ganz im Sinne von Willie Nelson. Aber solche Annäherungen, die immer mal wieder vorkommen, laufen unter Parodie oder Comedy - und werden von Country-Fans bestenfalls ignoriert.

Country ist bestenfalls der Blues oder der Soul des weißen Mannes, in den Augen der Mehrheit aber immer noch der Sound des Hinterwäldlers aus den Südstaaten und damit latent verdächtig. Tatsächlich gab es nur wenige afro-amerikanische Country-Stars. Der größte hieß Charley Pride und hatte seine bedeutendste Zeit in den 70er Jahren.

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Charley Pride - Standing in My Way (Official Music Video) | Bild: CharleyPrideVEVO (via YouTube)

Charley Pride - Standing in My Way (Official Music Video)

Charley Pride war allerdings auch der einzige schwarze Country-Sänger, der in der Szene 100 prozentige Anerkennung fand, Hits ohne Ende für die Country-Charts produzierte und sogar in die Ruhmeshalle der Gran Ole Opry von Nashville, Tennessee aufgenommen wurde. Danach scheiterten alle afro-amerikanischen Versuche, so durch und durch Country zu sein, wie Charley Pride es war. Dabei hatte es schon in den frühen Sixties immer wieder Versuche gegeben, Country von seiner nur angeblich blütenweißen Verwurzlung zu befreien. 1962 landete Ray Charles, der Erfinder der Soul-Musik, einen Riesenhit mit dem Album „Modern Sounds in Country and Western Music“.

Country: Der Blues des weißen Mannes

Aber trotz des überwältigenden Erfolgs des Ray Charles - Albums entwickelte sich Country immer mehr zum Sound des konservativen Amerikas. Spätestens Ende der 60er Jahre hatte das Image von Country schwer gelitten, dank inhaltlich reaktionärer Songs wie Merle Haggards „Okie from Muskogee“.

Country-Star und Ex-Knacki Merle Haggard rechnete 1969 mit den Drogen nehmenden Studenten und Vietnam-Kriegsverweigerern ab und sprach damit einer ansonsten schweigenden Mehrheit aus der Seele. Die Gegenkultur wehrte sich z.B. beim Woodstock Fesival, wo Joan Baez das Lied „Drug Store Truck Drivin‘ Man“ sang.

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The Byrds - Drug Store Truck Drivin' Man (Audio) | Bild: TheByrdsVEVO (via YouTube)

The Byrds - Drug Store Truck Drivin' Man (Audio)

Der Song war von Gram Parsons und Roger McGuinn für die Byrds geschrieben worden - eine Abrechnung mit reaktionären Kleinstadt-Rassisten. Aber eigentlich waren die beiden Songwriter Vertreter der Versöhnung zwischen moderner und traditioneller Musik, Initiatoren des Country Rock, der in den 70ern mit den Eagles und anderen zur erfolgreichsten Popmusik der 70er Jahre aufsteigen sollte. Aber da schienen die politischen Schlachten zwischen Traditionalisten und Gegenkultur schon längst geschlagen.

Kein Mittel gegen die gespaltene Gesellschaft

Im neuen Jahrtausend blieb Country erstaunlich blass – trotz der zahllosen Kämpfe, die die USA im Moment wieder auszufechten hat. Die meisten aktuellen Country-Stars vermeiden es tunlichst, politische Songs und Aussagen zu treffen. Die Musiker verhandeln lieber traditionelle Themen wie Liebe und Ehe, wie damals in den seventies. Country bleibt in der Hauptsache der Sound einer Bevölkerungsschicht, von der man nur etwas wahrnimmt, wenn mal wieder Wahlen anstehen.

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Diplo Presents: Thomas Wesley - Do Si Do (ft. Blanco Brown) (Official Lyric Video) | Bild: DiploVEVO (via YouTube)

Diplo Presents: Thomas Wesley - Do Si Do (ft. Blanco Brown) (Official Lyric Video)

Der Country Rap oder besser: Country Trap, den uns jetzt Lil Nas X oder - wie hier  - Blanco Brown auf dem Diplo-Album präsentieren, werden die gespaltene Gesellschaft der USA nicht wieder zusammenfügen. Der Musikmarkt reagiert nun mal auf gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen - leider, leider ist es selten umgekehrt.


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