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"Hannah-Arendt-Akademie" Lehrt eine Akademie in Starnberg Verschwörungstheorien?

Ein neuer Verein aus Starnberg, der sich "Hannah-Arendt-Akademie" nennt, bietet kostenpflichtige Online-Vorträge für Abiturienten an. Unter den Vortragenden sei das "Who's who" der verschwörungsideologischen Szene, warnen Experten.

Von: Paula Lochte

Stand: 09.12.2021

Hannah Arendt raucht | Bild: picture-alliance/dpa

Fangen wir mit dem Namen an: "Hannah-Arendt-Akademie". Hannah Arendt. Jene jüdische Philosophin und Publizistin, die vor den Nazis ins Exil flüchtete. Jene Hannah Arendt, die als eine der Ersten Fanatismus, Terror und millionenfache Morde als die Merkmale totalitärer Systeme herausarbeitete.

Diese Hannah Arendt ist nun Namenspatronin für einen Verein aus Starnberg, der für einen Gegenentwurf zum, Zitat, "Hygieneregime" und "Corona-Narrativ" wirbt. Die Akademie richte sich an "kritische junge Menschen" und biete ihnen "freien Zugang" zu einem "Orientierungssemester". Auch von "Sprachregulationen" im Sinne einer "Political Correctness" seien diese befreit, da der Verein diese für "absolut unnötig" halte.

So war es vor Beginn der Veranstaltungen auf der Webseite des Vereins zu lesen. Ebenso wie die Schlagworte "Jetzt anmelden: Nur 150 Euro/ Semester", "Studium Generale" und "Semesterabschlussarbeit". Was wiederum zum zweiten Teil des Namens passt: "Akademie".

Universität dürfte sich die Initiative nicht nennen

"In der Art, wie das Ganze inszeniert wird, könnte man denken, es ist wirklich eine Universität."

Journalist Matthias Meisner

Matthias Meisner ist Herausgeber des Buches "Fehlender Mindestabstand: Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde". Er hat kürzlich für die taz als Erster zur selbsternannten "Hannah-Arendt-Akademie" recherchiert: "Die größte Gefahr besteht darin, dass sie so pseudowissenschaftlich daherkommt. Allerdings: So eine Akademie, das ist kein geschützter Begriff, das darf jeder gründen. Das sagte mir auch das bayerische Wissenschaftsministerium."

"Universität" oder "Hochschule" dürfte sich die Initiative nicht nennen. "Akademie" schon. Eigentlich ist das Ganze ein Verein und er bietet laut seiner Homepage mehrmals wöchentlich Videokonferenzen zu Themengebieten wie Medizin, Philosophie oder Biologie an.

Der Verein möchte sich zu den Inhalten nicht äußern

Alles ganz harmlos? Die Sozialpsychologin Pia Lamberty hat Bedenken. Sie ist Expertin für Verschwörungsideologien und hat sich angeschaut, wer unter den Vortragenden und Unterstützern des Vereins ist: "Daniele Ganser ist schon lange dafür bekannt, dass er die Terroranschläge vom 11. September anzweifelt. Gunnar Kaiser ist ein YouTuber, der Philosophie lehren wird, und er ist auch im Netzwerk von Corona-Leugner:innen aktiv. Max Otte ist Chef der Werteunion und war vorher auch für die AfD-nahe Desiderius-Erasmus-Stiftung tätig. Beteiligt ist beispielsweise auch Stefan Lanka, der bei Querdenken in Stuttgart aktiv war, Aids leugnet und Impfgegner ist. Also da ist schon das ‚Who’s who‘ der verschwörungsideologischen Szene vertreten."

Ob der Verein wirklich Verschwörungserzählungen eine Plattform bietet, lässt sich schwer überprüfen. Der Verein selbst möchte sich auf unsere Anfrage nicht äußern. Und Zutritt zu den Videokonferenzen haben nur jene, die sich mit einem Lebenslauf, Motivationsschreiben und ihrem Abiturzeugnis beworben und 150 Euro an den Verein überwiesen haben. Auch der Newsletter steht nicht allen offen, diese Erfahrung hat zumindest Journalist Meisner gemacht. Er habe sich für diesen eingetragen – aber nie eine Mail bekommen.

Verschwörungsideologien unter dem Nimbus von "Bildung"

Wie viele Leute erreicht der Verein mit Sitz in Starnberg mit seinem Angebot? Auch diese Frage beantwortet der Verein nicht. Eine ehemalige Teilnehmerin berichtet gegenüber dem Zündfunk, dass es wohl ein- bis zweihundert Teilnehmende seien, und zwar sowohl junge Leute kurz nach dem Abitur als auch ältere Menschen. Sie selbst nimmt nicht mehr an den Konferenzen teil. An sich begrüßt sie das Projekt des Vereins, doch sie ist über die Organisation und den persönlichen Umgang enttäuscht: Ihr Zugang sei ohne Vorwarnung gesperrt worden und als sie sich darüber beschwerte, habe der Vereinsvorstand einfach aufgelegt.

Anonymous Germany verfremdet das Bild auf der Homepage der Hannah-Arendt-Akademie

Für Verschwörungsexpertin Pia Lamberty macht die selbsternannte "Hannah-Arendt-Akademie" auf ein Problem aufmerksam: dass Verschwörungsideologien unter dem Nimbus von "Bildung" und "Aufklärung" daherkommen können. "Ich finde es wichtig, sich das bewusst zu machen, gerade weil es in der Pandemie auch immer wieder Professor:innen gab, die solche Inhalte verbreitet haben", sagt Lamberty. Inhalte, "die ja häufig nochmal verklausulierter sind, nicht so platt formuliert werden, aber dadurch nicht weniger gefährlich sind."

Anonymous Angriff auf die Akademie

Das dachten sich womöglich auch Hacker, die sich als Teil der Anonymous-Bewegung verstehen. Sie hackten sich Ende November in die Homepage des Starnberger Vereins und schrieben diese um. Nun sei diese "wahrheitsgetreuer", hieß es auf der Seite von Anonymous Germany: Aus "Studium Generale" wurde "Studium Mortale", aus "Ringvorlesung" wurde "Ringelpiez" und aus "Hannah-Arendt-Akademie" wurde "YouTube-Akademie". Mittlerweile ist die Seite des Vereins komplett offline. "Wir halten euch auf dem Laufenden", heißt es seitens der Hacker. Und, dass sie nicht hinnehmen wollten, dass der Verein den Namen von Hannah Arendt nutzt .