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Das Corona-Tagebuch Was die Corona-Krise für Menschen mit Behinderung bedeutet

In der Corona-Pandemie wechseln die Rollen täglich, stellt Max Dorner fest. Er fragt sich, ob die Pandemie für Menschen mit Behinderung Chance, Stillstand oder Verschlechterung bedeutet.

Von: Max Dorner

Stand: 25.03.2020

Max Dorner | Bild: Christine Schneider

Vor einem guten Jahr habe ich die Arbeit an meinem zweiten Buch über Behinderung abgeschlossen. Es sollte der Abschied von diesem Thema werden. Noch ein letztes Mal wollte ich zusammenfassen, was ich darüber zu sagen habe, und dann für immer schweigen und mich anderem zuwenden. Für das Buch habe ich also zusammengetragen, warum so viele Aktivisten gleich mir ein wenig ermüdet wirken von der dauernden Beschwörung von Inklusion und dem Zusammenhalt von Behinderten und Nichtbehinderten. Und das, obwohl sich faktisch seit Jahren nichts mehr verändert hatte - weder in die eine noch in die andere Richtung. Nachdem das mit großem Überschwang begonnene Projekt „Inklusion in der Schule und Abschaffung von Fördereinrichtungen“ auf halber Strecke steckengeblieben war. Relativ blauäugig hatte man gedacht, das Ganze ginge schon irgendwie, ganz ohne den Einsatz zusätzlicher Mittel. Ein paar Sparfüchse hatten sogar geglaubt, noch etwas sparen zu können. Um dann verblüfft zu erkennen, dass das Gegenteil der Fall ist. Dazu kam noch, dass das Wort „Inklusion“ eindeutig zu inflationär und für alles Mögliche verwendet wurde, sodass es mehr einschläferte, als jemanden vom Hocker zu reißen.

Inklusion muss noch einmal neu durchbuchstabiert werden

Und jetzt dies: Einschränkungen und Behinderungen, wohin man auch schaut, zum ersten Mal für ausnahmslos alle. Inklusion muss jetzt noch einmal ganz von vorne durchbuchstabiert werden: Wie gehen die Nichtinfizierten mit den Infizierten um, wie die Genesenen, die jetzt Immunen, mit den Nichtinfizierten? Und das auf Augenhöhe? Dazu kommt noch, dass rasend schnell wechselt, wer in der Rolle des Starken ist, und wer in der des Schwachen. Dabei wollen es gerade die Nichtbehinderten immer schön klar. Doch der Virus zerstört jede Klarheit, auch das macht ihn so gefährlich. Fast täglich neu muss ausgehandelt werden, wie eine Gesellschaft mit den Schwachen, den ganz Schwachen und den Sprachlosen umgeht. Wer wird dieses Mal auf der Strecke bleiben? Wer wird die Krise unbeschadet überstehen? Und wer wird dadurch sogar profitieren? Wird die Gesellschaft nach überstandener Pandemie auch souveräner im Umgang mit Behinderten? So sehr ich das hoffen würde, mir fehlt der Glaube.

Wenn Einschränkungen schon immer da waren

Wie so oft hängt meine Einschätzung der Dinge von der gerade herrschenden Laune ab. Und die wiederum hängt davon ab, wieviel Pandemie-Nachrichten ich mir gerade angetan habe. So richtig auf Katastrophe getrimmt befürchte ich düster, dass es für Menschen mit Behinderung jetzt noch schwerer wird, weil wir noch weniger Kräfte haben; noch gefährdeter, schutzloser sind. Und kaum habe ich mich davon erholt, fallen mir einige brenzlige Situationen der letzten Jahre ein. Dann komme ich zum Schluss: Nein, mich kann eigentlich nichts mehr aus der Bahn werfen. Wenn sich der Rauch verzogen hat und wir sehen, was alles in Trümmern liegt, werden Menschen, für die Einschränkungen ganz normal sind, besonders wertvoll werden, als Ratgeber, als Sachverständige, wie man mit Einschränkungen umgeht. Welch schöner Traum.

Wir müssen nicht bei Null anfangen

Ganz bei Null müssen wir nicht beginnen. Mitte März – es klingt, obwohl nicht einmal zwei Wochen her, wie aus einem Märchen aus vergangenen Tagen – habe ich mich für den Stadtrat beworben. Ich wurde nicht gewählt, schlimmer noch, ich wurde nach hinten herausgewählt. Nicht nur einmal wurde mir gesagt, dass das hauptsächlich an meiner Berufsangabe gelegen hätte. Da stand nämlich: „Angestellter im öffentlichen Dienst“. Kurz vor Weihnachten hatte ich das so entschieden, weil ich dachte, es wäre vielleicht gar nicht schlecht, unter die ganzen super grünen Berufe auch etwas langweilig Bodenständiges zu mischen. Jetzt scheint mir genau das den Einzug in den Stadtrat vermasselt zu haben. „Hättest du wenigstens irgendwas mit Behinderung geschrieben“, sagte eine, „dann hätte es garantiert geklappt.“ Vielleicht fangen wir also doch nicht bei Null an mit der Inklusion, nach der Pandemie, wenn es einen inzwischen sogar in den Stadtrat tragen würde, sich als Behinderter zu bezeichnen.

Maximilian Dorner ist Schriftsteller und Autor bei Bayern 2.


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