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Das Corona-Tagebuch Wann geht es weiter auf der Bühne und mit dem Leben? Und wie?

So wie es im Moment aussieht, wird die Kultur tatsächlich die letzte Sparte sein, die aus dem Corona-Schlaf entlassen wird. Thomas Steierer ist Comedian, Autor und Dozent. In seinem Corona-Tagebuch teilt er seine Gedanken zu Gegenwart und Zukunft der Kulturwelt in Zeiten der Pandemie.

Von: Thomas Steierer

Stand: 22.06.2020

Der Comedian Thomas Steierer | Bild: Gerald von Foris

Immerhin: Aufbruchstimmung! Anfang Juni bekam ich die seit März ersehnte Nachricht. Eine Auftrittsanfrage! Für meinen ersten Standup-Auftritt während Corona nach dreieinhalb Monaten Zwangspause. Diesen Samstag im Café Kosmos. Genauer gesagt: Ich performe mit Mikrofon im Schaufenster des Café Kosmos und das Publikum sieht sich das Ganze im gebotenen Sicherheitsabstand vom Gehsteig aus an. Bei aller Vorfreude habe ich zugleich Respekt vor der Herausforderung, ob ich es noch kann auf der Bühne und ob ich die richtigen Worte finde bei einem Corona-update meines  Bühnen-Programms. Was macht man als Komiker zu Corona, was neu und angemessen ist? Meiner Begeisterung für Wortspiele freien Lauf lassen im Pandemie-Kontext?

Woanders geht es deutlich rauer zu

"Ich habe kein Smartphone: Die Corona-Warn-App, die kann sich Jens Spahn holen. Oder: Markus Söder als Abstandswauwau." Kann man machen. Mein Ansatz ist aber zunehmend eher, ernsthaft nachzudenken über den Lauf der Dinge und auf dieser Grundlage die Ironie des Schicksals herauszudestilieren. Wobei: Der zwiespältige Alltag von März bis Juni, der kein Alltag war, war geprägt davon, kaum einen klaren Gedanken fassen zu können. Eine Konstante bei all dem Wirrwarr war die immer wieder aufploppende Frage: Wann geht es weiter auf der Bühne und mit dem Leben? Und wie?

Beim Blick über den Tellerrand wird gleichzeitig deutlich: Wir haben vergleichsweise Luxusprobleme bei allen Defiziten, die hierzulande jetzt zu Tage treten. Woanders geht es deutlich rauer zu: Marode Sozial-und Gesundheitssysteme, Polizeigewalt, Rassismus, Folter, Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen. Wir alle haben das Glück, zufällig hier geboren worden zu sein. Immerhin: Bin in den letzten Monaten finanziell einigermaßen über die Runden gekommen. Auch ohne Auftritte als Komiker. Es war Glück im Unglück, wie sich nun während Corona herausstellte, dass die Indie-Nische meines Bühnenschaffens schon vorher zu eng war, um ausschließlich davon leben zu können. Weshalb ich vor eineinhalb Jahren das Zufalls-Angebot angenommen habe für einen befristeten Brotjob, eine halbe Stelle mit flexiblen Arbeitszeiten.

Kostenloses Kulturangebot im Netz hat sich bewährt

Aber ich habe nichtsdestotrotz Angst vor dem Danach: Die Nachholtermine der ausgefallenen Kulturveranstaltungen füllen den Terminkalender mindestens für den Herbst und das nächste Frühjahr. Die Menschen werden wohl weniger Geld für Kultur übrighaben. Das kostenlose Kulturangebot im Netz hat sich für die Konsumenten bewährt, die Hemmschwelle, eine Veranstaltung aufzusuchen, wird groß bleiben auch nach Corona. Seit gut drei Jahren bin ich nun auf der Bühne als Komiker, kann - wenn denn Auftritte stattfinden - das machen, was ich mir immer erträumt hatte. Soweit so gut. Einerseits.

Andererseits: Ungute Entwicklungen werden sich verstärken, mit denen ich schon vor der Pandemie konfrontiert worden bin. Während Corona hat sich erst mal Gleichheit eingestellt, insofern, dass niemand auftreten konnte. Ich hatte genauso viele Zuschauer wie der Stadionkleinkünstler Mario Barth. Null. In der Folge jedoch wird das Mainstream-Imperium zurückschlagen. Auch über den Kulturbereich hinaus: Amazon und diverse Ketten werden dem Monopol näherkommen. Zulasten von Vielfalt. Das lässt sich auch vor Ort beobachten: Im Münchner Westend, wo ich wohne, gibt es inzwischen eine Shopping-Mall und kürzlich musste eines der wenigen Schreibwarengeschäfte schließen und die letzte verbliebene Buchhandlung ist von der Schließung bedroht.

"Weitermachen, immer weitermachen" - bitte verinnerlichen

Viele nun finanziell unter Druck geratene Kultur-Veranstalter werden noch mehr auf Nummer sichergehen: Fernsehnasen-Entertainment buchen statt das Eigene, Indie, Punk. Und haben dafür nun mehr denn je Argumente, ähnlich dem Totschlagargument der Wirtschaft: Sonst müssen Arbeitsplätze abgebaut werden. Immerhin: Mein Bühnen-Programm passt, wenn man so will, zur schwierigen Pandemie-Zeit. Eine gewisse Form der Unsicherheit, die jetzt herrscht im Kulturbereich und im Leben von allen, die hatte ich auch vorher schon. Und habe diese in meinem Standup-Programm verarbeitet. Es heißt "Der Urbane Dorfdepp-Galgenhumor 4.0".

Die Band Karat gab letzte Woche ein Hotelzimmer-Rockkonzert in Chemnitz, Sachsen. Ist das die Zukunft der Veranstaltungen?

Mein von Oliver Kahn adaptiertes Credo "Weitermachen, immer weitermachen": Das zu verinnerlichen könnte dieser Tage besonders hilfreich sein. Auch um neue Indie-Nischen zu suchen, zu erfinden und zu bespielen jenseits konventioneller Strukturen und staatlicher Förderung. Etwa durch mehr dauerhafte Verlagerung von Kulturveranstaltungen ins Private und in den öffentlichen Raum. Via Popup und Do-it-Yourself wie dies etwa die Aktionsreihe "Kultur vor dem Fenster" zeigt, die in bayerischen Städten wie Nürnberg, Augsburg oder Landshut auftrittswillige KünstlerInnen zusammenbringt mit BürgerInnen mit passenden privaten Auftrittslocations, beispielsweise im Garten oder im Wohnhausinnenhof. Oder wie es eben das Café Kosmos mit seinen Schaufenstergigs vormacht.

Dass mein Auftritt am Samstag dort wirklich stattfindet, das ist erst seit Anfang der Woche sicher. Es hing davon ab, ob die Stadt nach den ersten Shows dort abermals mitspielt und das kurzfristig eingeforderte Hygienekonzept genehmigt. Was zeigt: Das Do-it-Yourself-Prinzip ist in der Umsetzung noch fragil aber nichtsdestotrotz ein auszuprobierender Plan B, der zum Plan A werden könnte. Immerhin.

Thomas Steierer alias @metromadrid ist Komiker, Autor und Dozent für Creative Writing. Er lebt in München und unter Umständen. 


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