Bayern 2 - Zündfunk


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Das Corona-Tagebuch Warum es okay ist, mal nicht gegen den Staat zu rebellieren

Was macht nun jemand wie ich, der einerseits altersmäßig schon zur Risikogruppe gehört, andererseits aber ein Leben damit verbracht hat, sich gegen Autoritäten zu wehren? Ist es möglicherweise lächerlich, mit 60 noch den Rebellen zu spielen, so wie es mit 20 erbärmlich gewesen wäre, keiner zu sein?

Von: Roderich Fabian

Stand: 15.04.2020

Roderich Fabian, Oktober 2018. | Bild: BR/Lisa Hinder

Es gibt sie wirklich, diese kostbaren Sekunden, wie heute, gleich nach dem Aufwachen. Da denke ich: Was für ein schöner Tag, was der wohl bringen wird? Aber dann fällt mir ein: Nix da, es ist immer noch Ausnahmezustand und die gerade noch vergessene Wirklichkeit hat mich wieder. Schließlich leben wir in Zeiten, in denen der Patron von Arbeit, Parkplatz und Versicherung, der bayrische Ministerpräsident, das Volk auf den Verzicht diverser Freiheiten eingeschworen hat und dafür gewaltigen Rückhalt in der Bevölkerung genießt. So lese ich es jedenfalls immer und immer wieder. Aber es bleiben die Zweifel. Denn wer ist nochmal – erklärtermaßen – das große Vorbild des aktuellen Ministerpräsidenten? Franz Josef Strauß! Also der autoritäre, selbstgerechte, von Korruptions-Vorwürfen umwehte CSU-Lenker aus dem Kalten Krieg, der Patron von Arbeit, Parkplatz, und Versicherung. Für Punks damals das perfekte Feindbild. Soll ich mich jetzt seinem Nachfolger unterwerfen, weil der Staat durch strikte Maßnahmen beweisen will, dass er Eier hat?

Pure Vernunft ist angebracht

Allein die pure Vernunft ist momentan angebracht. Die Verschwendung der Jugend, das freie Ausleben der Sexualität, der Tanz auf dem Vulkan – kommt alles jetzt mal nicht in die Tüte. Es geht ja ums Gemeinwohl. Dahinter steht mal wieder das berüchtigte Dogma der Alternativlosigkeit oder vielleicht einfach nur die Tatsache, dass man kein anderes Mittel gegen die Seuche hat als diese Ausgangs- und Versammlungseinschränkungen.

Ist man irgendwann zu alt um zu rebellieren?

Was macht nun jemand wie ich, der einerseits altersmäßig schon zur Risikogruppe gehört, andererseits aber ein Leben damit verbracht hat, sich gegen Autoritäten zu wehren, vor allem, wenn sie aus der Politik kommen und in meinen Augen rein gar nicht als Vorbilder taugen? Ist es möglicherweise lächerlich, mit 60 noch den Rebellen zu spielen, so wie es mit 20 erbärmlich gewesen wäre, keiner zu sein?

Das Dogma der Vernunft knallt jetzt jedenfalls mit voller Wucht auf mich ein. Auch schon früher haben Ärzte von Nikotin und Alkohol abgeraten, aber jetzt kommt diesen Empfehlungen viel größere Dringlichkeit zu. Lebe nach den Goldenen Regeln, dann wird es dir gedankt - möglichweise. Und so viele klopfen sich auf die Schultern, weil sie den Anweisungen der Obrigkeit nicht nur Folge leisten, sondern sogar darauf achten, dass auch andere das tun.

Sind Bayern einfacher zu regieren?

Ein Nachbar, der erst vor einem knappen Jahr von Berlin nach München gezogen ist, erzählt im Treppenhaus – zwei Meter Abstand, logisch! – dass Regeln wie die der bayerischen Staatsregierung in der Hauptstadt nie und nimmer durchsetzbar wären. Den Berlinern wohne eben ein natürlicher Widerspruchsgeist inne. Für ihn, den Preußen, sei es typisch für Bayern, dass solche Maßnahmen hier ohne Protest akzeptiert werden. Da haben wir’s wieder, das Klischee von den untertänigen Bayern.

"Living right isn’t fun"

Und sich zu fügen ist ja auch definitiv nicht Punk Rock. "It’s rule number one", sangen Devo Ende der 70er: "Living right isn’t fun". Soll ich also heimlich Freunde besuchen, Kette rauchen und in den Aufzug husten? Wäre wahrscheinlich nichts als pubertär. Stattdessen habe ich tatsächlich nach 40 Jahren mit den Zigaretten Schluss gemacht, mache einen Riesenbogen um Dreirad-Fahrer auf dem Gehweg und singe doppelt "Happy Birthday" beim mehrmaligen täglichen Händewaschen.

Mein Alltag allerdings funktioniert im Rahmen der Möglichkeiten ganz gut: Home Office mache ich schon seit Jahren, wann immer es geht. Ich kann es wunderbar zuhause aushalten, strukturiere meinen Tag gerne auch ohne Außentermine. In der selbst gewährten Freizeit telefoniere ich mit alten Freunden, von denen ich schon lange mal wieder hören wollte. Mein ältester Rebellenfreund lebt schon lange in Berlin. Geht er auf die Barrikaden oder die Wände hoch? Nein, er hat sich mit seiner Frau schon Ende Februar in freiwillige Quarantäne begeben, geht nur dreimal die Woche raus zum Einkaufen.

Geisterspiele in der Bundesliga? Ich bitte drum

Die Rebellen sind müde und vernünftig. Die Radikalinskis aus den 80ern verschwinden. Genesis P-Orridge von Throbbing Gristle, gender-fluide Extremist*In, starb am 13. März. Gabi Delgado-Lopez von der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft acht Tage später Der Zeitgeist gibt nichts her, es ist keine "Revolution in the air" tonight, nirgendwo. Stattdessen beten alle nur das herunter, was sie auch sonst predigen und hoffen, dass der Spuk vorbeigeht, um dann genau so weiter zu predigen. Ist in Ordnung. Maskenpflicht ab morgen? Okay, ich hab schon welche. Geisterspiele in der Bundesliga? Ich bitte drum, ich habe das 7:1 gegen Brasilien jetzt schon zu oft gesehen. Söder als Kanzlerkandidat? Meinetwegen, wie war das 1980 bei Strauß, wie war es 2002 bei Stoiber? Nichts wird wie es vorher war? Ach, geh weider!


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