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Das Corona-Tagebuch Ich begleite die Krise mit Gags, so lange sie eben dauert - also vermutlich bis 2027

Darf man das eigentlich? Scherze in einer so ernsten Lage machen? Peter Wittkamp findet man muss. Er ist Autor, Werber, Gagschreiber und vor allem als Kopf hinter der eigenwilligen Werbekampagne der Berliner Verkehrsbetriebe bekannt.

Stand: 21.04.2020

Der Autor Peter Wittkamp am Kottbusser Damm in Berlin Kreuzberg | Bild: dpa/Doris Spiekermann-Klaas TSP

Isolation? Kein Problem! Ich bin Autor, Werber und Gagschreiber. Ich habe jahrelang für diesen Ernstfall geprobt. Denn meine Arbeit findet ohnehin meist im Home Office statt. Nachmittags vielleicht auch im Café. Oder auch mal gar nicht. Ich bin es auf jeden Fall gewohnt, viel Zeit zu Hause zu verbringen. Für mich hat sich daher gar nicht so viel verändert. Ich sitze am Computer, natürlich ein MacBook, weil das für Werber gesetzlich so vorgeschrieben ist. Ich sitze also da wie immer – und draußen ist halt Corona. 

Na ja... gut. Daran, dass im Edeka jetzt die Türsteher aus den Clubs arbeiten oder daran, dass Kneipenbesuche etwas komplizierter geworden sind (Scheibe einschlagen, Bier selbst zapfen, Rechnung ohne den Wirt machen), merkt man vielleicht doch ein wenig, das gerade "Grippesaison" ist, wie Corona-Leugner sagen würden. 

Wir haben ihn zwar sehr lieb, den kleinen Racker...

Aber ansonsten, wie gesagt, alles wie immer. Obwohl, eine Sache müsste ich vielleicht noch erwähnen. Denn in unserem Haushalt spielen wir Isolation auf einem höheren Level als Alleinstehende. Mit Kind. Wir haben ihn zwar sehr lieb, den kleinen Racker, hatten aber auch nie allzu viel dagegen, dass er noch vor kurzer Zeit Montag bis Freitag ein paar Stunden in die Kita geschoben wurde, wie ein Gastarbeiter aufs Spargelfeld. 

Jetzt sind wir wie vielen andere Eltern selbst die Kita. Ob wir wollen oder nicht. Aber hat es uns geschadet? Ja. Definitiv. Okay, insgesamt läuft es eigentlich ganz gut, aber so eine ungewollte Vollzeitbetreuung kostet natürlich eine Menge Zeit. Zeit, die woanders fehlt. Produktivitätswunder sind von mir daher derzeit ebenso wenig zu erwarten wie vom deutschen Hotelgewerbe. Immerhin hilft ab und an Peppa Wutz bei der Betreuung. Also "ab und an" im Sinne von gerade noch an der Grenze des Vertretbaren.

Social Media ist mein Impfstoff gegen die Corona-Bedrohung

Was mir persönlich neben dem vorlauten Schweinchen Peppa in dieser Zeit ziemlich hilft: Ich habe seit Beginn der Krise begonnen, die neue Situation in kleinen Scherzchen zu verarbeiten. Ich twittere eine Menge, stelle die besten Tweets auf meinen Instagram-Kanal, mache kleine Stories, kommentiere ein wenig auf Facebook. Kurzum: Social Media ist zu meinem Impfstoff gegen die Corona-Bedrohung geworden.      

Ich war früher schon dem Internet nicht ganz abgeneigt, wenn es mal vorsichtig ausdrücken möchte, aber die Krise hat die Nutzung noch deutlich verstärkt. Mir macht es große Freude, die humoristischen Seiten dieser Zeit zu zeigen und anscheinend macht es anderen große Freude, das zu lesen. Eine perfekte Kombination. Wie Viren und Wildtiere.

Isolation ist wie ein neuer Job

Ich bekomme häufig Nachrichten von Lesern, die sich freuen, nicht nur schlechte Nachrichten zu hören, sondern ab und an auch mal einen schlechten Scherz zu lesen. Motivation genug für mich, diese Krise mit Gags zu begleiten, so lange sie eben dauert.  Also vermutlich so ungefähr bis Juni 2027. Aber darf man das eigentlich? Scherze in einer so ernsten Lage machen? Ich finde ja, man sollte sogar. Man muss! Karl Valentin hat einmal gesagt: "Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch". Ich sehe das ähnlich. Und gerade regnet es eben Viren. Man sollte nur darauf acht geben, keine Scherze über das Leid der anderen zu machen. Aber das versteht sich eigentlich von selbst.

Ich werde häufig gefragt, ob ich einen Lieblingsscherz über Corona habe? Die Antwort lautet: Nein, es sind mittlerweile zu viele. Aber ich habe neulich "Bald ist wieder Distanz in den Mai" gelesen. Das fand ich ziemlich gut. Witzig und wahr. Wie vielleicht auch der Gedanke, den ich vor kurzem über unser Leben in den vier Wänden notiert habe: "Isolation ist wie ein neuer Job. Die erste Woche ist super aufregend. Die zweite ist auch noch ganz schön spannend. Aber ab der dritten denkt man sich so langsam: Und das soll ich jetzt den Rest meines Lebens machen?"

 Hoffentlich können wir bald alle kündigen. Ach nee, ich bin ja selbstständig.


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