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Das Corona-Tagebuch Als Filmemacher überstehe ich einen zweiten Lockdown nicht

Im Lockdown waren wir fast alle gleich. Mit den Lockerungen hat sich das verändert. Die einen fahren wieder komplett hoch, die anderen dürfen oder können noch nicht. Und bei all dem wächst die Sorge vor einem zweiten Lockdown, der viele noch weitaus härter treffen würde als der erste.

Von: Maximilian Cress

Stand: 14.05.2020

Maximilian Cress NEU | Bild: Maximilian Cress

Gerade jetzt, wo meine erste Verunsicherung und meine Sorgen durch die Coronakrise überwunden sind, frage ich mich, was diese Ausnahmesituation mit uns macht. Im Lockdown waren wir fast alle gleich. Mit den Lockerungen hat sich das verändert. Das fängt schon Zuhause an.

Meine ältere Tochter Charlotte darf in die Schule - sie ist in der vierten Klasse - meine jüngere Tochter Mathilda nicht. Das findet Mathilda unfair und das ist es auch. Sie versteht schon, dass nicht alle gleichzeitig in die Schule gehen können. Dass man Abstand halten muss und trotzdem will auch sie ihre FreundInnen wiedersehen, wieder einen Alltag haben. Ein Gefühl von Normalität. Dürfte sie selbst entscheiden, würde sie in die Schule gehen. Oder sie würde ihre Schwester überreden auch Zuhause zu bleiben, denn dass man Risikogruppen schützen muss, haben sie schon verstanden. Und Charlotte kann nicht zu ihrem Volleyballtraining. Und auch wenn sie sich darüber freut mit mir wieder Fußball zu schauen, fragen wir uns beide: ist es richtig, dass die Bundesliga wieder spielen darf?

Die Solidarität muss auch nach den Lockerungen weitergehen

Natürlich war unsere Gesellschaft auch schon vor der Coronakrise nicht immer fair. Und natürlich geht es auch um viel Geld. Aber gerade weil die Einschnitte in unseren Alltag so groß sind und manche noch sehr lange nötig sein werden, müssen wir uns doch alle gerecht behandelt fühlen. Neid spaltet. Denn am Ende funktioniert ein Leben zwischen Lockdown und gar nichts tun nur, wenn wir uns alle solidarisch verhalten. Will man das, wenn man das Gefühl hat, andere werden bevorzugt?

Als ich letzte Woche bei schönem Wetter am Nachmittag am Münchner Gärtnerplatz in München vorbeikam, war die Stimmung wie auf einem Volksfest. Oder Woodstock, nachdem die Zäune geknackt waren. Die Kneipen rund um den Platz haben Getränke durch die Tür ausgeschenkt, es waren so viele Menschen dort, dass Abstand halten unmöglich war.

Da war ich stinksauer. Und das auch aus einem egoistischen Grund: Ich weiß im Moment nicht, ob ich einen zweiten Lockdown finanziell überstehen werde. Ich arbeite als Filmemacher, drehe auch Werbung. Niemand hat im Moment Geld für Aufträge, draußen zu filmen war in den letzten Wochen nahezu unmöglich. Wie soll man auch beim Film Abstandsregeln einhalten? Covid 19 auszutrocknen ist für mich also in doppelter Hinsicht fast überlebenswichtig. Eine Rückkehr in die sogenannte Normalität wird also für mich erst dann wieder möglich sein, wenn wir uns weiter solidarisch verhalten. Und eben nicht fahrlässig riskieren, uns und andere anzustecken.

Warum es nicht nur um Risikogruppen geht

Aber ich frage mich: Darf ich Solidarität erwarten? Oder muss ich meinen Ärger herunterschlucken? Gibt es nur richtig und falsch oder ist da ein Korridor, wie bei so vielen Dingen in der Demokratie? In mir keimt das ungute Gefühl, dass man sich auf die Eigenverantwortung der Menschen vielleicht doch nicht so sehr verlassen kann.

Während die einen auf den vielen Demos so tun, als sei Corona nur ein schlechter Witz, eine Verschwörung, und andere einfach nur mal wieder feiern wollen, sitzen so viele meiner Freunde Zuhause mit der Angst, bald kein Zuhause mehr zu haben. All die Musiker und Künstler, die Coaches, die Wirte, viele, die wie ich als Selbstständige beim Film arbeiten. Wir alle brauchen Eure Unterstützung.

Wenn wir also jetzt – mit Abstand – zusammen stehen, dann schützen wir nicht nur die Risikogruppen. Sondern ganze Berufsstände. Wenn wir die Erfolge der 8 harten Wochen, die nun hinter uns liegen, nicht kaputt machen, dann helfen wir auch all denen, die zur Zeit um ihre Existenz bangen müssen. Auch wenn es viele im Moment für einen Widerspruch halten: erst der Verzicht ermöglicht später wieder die Verschwendung. Und einen neuen Alltag. Je weniger Neuinfektionen es gibt, desto schneller werden Menschen wie ich wieder arbeiten können. Und feiern. Und glaubt mir: sobald ich es wieder verantworten kann, sehen wir uns auf dem ersten Konzert. Meinetwegen auch in der ersten Reihe.

Maximilian Cress ist Regisseur und Gründer der Filmproduktionsfirma Fenomenal Film. Er lebt in München und arbeitet auf der ganzen Welt – normalerweise.


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