Bayern 2 - Zündfunk


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Das Corona-Tagebuch Wir haben uns jetzt keine Erholung verdient

Die Welt dreht sich und wir mit ihr. In der neuen Episode des Corona-Tagebuch im Zündfunks sinniert Max Dorner über die Geschehnisse der letzten drei Monaten. Unter anderem stellt er fest: Immer genau dann, wenn man sich in einem Zustand eingerichtet hat, beginnt ein neuer. Ist das die neue Normalität?

Von: Max Dorner

Stand: 15.06.2020

Max Dorner | Bild: Christine Schneider

Was war das denn? Auf einmal fühlt sich das Leben in München wieder an wie in einem ganz normalen verregneten Frühsommer: Es wird überholt und ausgewichen oder eben nicht ausgewichen – eigentlich achtet niemand besonders darauf. Nur hin und wieder schauen alle betroffen, und vergewissern sich, dass sie natürlich alle Hygiene- und Abstandsregeln einhalten würden. Als müsste man das jetzt bei jeder Gelegenheit leicht streberhaft dazu sagen.

Und ich hocke da, wo ich immer hocke, auf meinem Rollstuhl. Seit zehn Jahren übe ich mich notgedrungen in der Kunst des Stillsitzens. Ich bin also wahrscheinlich kein erleuchteter Profi, aber auch kein Anfänger mehr. Und immerhin muss ich mir auf keiner Stehparty die Beine in den Leib stehen. Gerade beobachte ich auf der Seitenbank sitzend, wie immer mehr um mich rum anfangen, zunehmend unruhig auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen. Es fällt ihnen schwer, nicht rumzuzappeln. Manche trauen es sich in meiner Gegenwart nicht, aber ich spüre die Ungeduld trotzdem.

Es waren wirklich nur ein paar Wochen!

Einige zaudern, hin und hergerissen von der eigenen Ungeduld und dem Pflichtbewusstsein. Andere halten das Stillsitzen gar nicht mehr aus, sie wollen wieder Fangen spielen und rumhopsen. Und feiern und lieber Bäumchen ausreißen als pflanzen. Und einige sogar raufen. Sie benehmen sich gleichzeitig wie renitente Dreijährige und beleidigte Backfische beiderlei Geschlechts. Dabei sind sie inzwischen erwachsen. Und das nach drei Monaten, die ihnen vorkommen wie ihr ganzes Leben. Aber, es waren wirklich nur ein paar Wochen. Glaubt es, oder schaut auf den Kalender!

Die große Gleichmacherei des Lockdowns ist erstmal vorbei. Ohne es richtig zu merken, sind wir von einer Phase des Übergangs in die nächste gerutscht. Wahrscheinlich ist das die neue Normalität: Immer genau dann, wenn man sich in einem Zustand eingerichtet hat, beginnt ein neuer. Schon merkwürdig, meine Behinderung scheint gerade das Konstanteste in meinem Leben zu sein. Gerade sie garantiert Stabilität, wo sonst keine ist. Nun also Lockerungen überall. Dabei waren doch damals im Sportunterricht die Lockerungsübungen das Nervigste überhaupt. Man hat sie - ohne darauf achtzugeben - mehr schlecht als recht und ohne jeden erkennbaren Nutzen hinter sich gebracht.

War da nicht was?

Die Welt dreht sich, und wir drehen uns mit ihr. Man merkt die Veränderung auch daran, dass es schon wieder kaum möglich ist, sich mit vier Menschen unter vierzig Textnachrichten zu verabreden. Von denen dann zwei letztlich doch keine Zeit haben. Und das, obwohl alle noch standhaft beteuern, viel mehr Zeit daheim zu verbringen. Eigentlich sollte ich zufrieden sein, dass nun alle durch eigene Anschauung gelernt haben müssten, was es heißt, zur Untätigkeit gezwungen zu sein. Aber das ist wohl ein Irrtum. Sie haben es jetzt schon wieder vergessen. Es ist auch eine völlig erfahrungsfremde Erwartung, dass dauernd alle etwas lernen sollen aus der Vergangenheit. Einigen wir uns lieber darauf, dass wir eine gemeinsame Erfahrung gemacht haben, nicht mehr, nicht weniger. Das kommt ja auch nicht alle Tage vor. Und ob oder was man davon mitnimmt, sei jedem und jeder Einzelnen überlassen. Oder war da was anderes?

Es gibt jetzt nichts aufzuholen, auch nichts, worauf wir stolz sein könnten. Und wir haben uns auch keine Erholung verdient. Es wird auch keine Belohnung geben und kein Fleißbildchen. Wir haben nur ein wenig rumgesessen, damit die eine oder der andere, in Summe wir alle, ein wenig entspannter sein können. Was war das? Und an die Unentschlossenen gerichtet: Lauft nie so schnell, wie ihr könntet. Ihr werdet auch so irgendwo ankommen. Ehrenwort! Das Rennen würde euch nur außer Atem bringen, und verschwitzt sieht niemand gut aus. Und denkt hin und wieder an die Sitzengebliebenen, setzt euch zu Ihnen, atmet dreimal tief durch und nehmt sie dann auf dem Gepäckträger mit, zumindest in Gedanken. Das wär’s.


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