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Das Corona-Tagebuch In der roten Zone wird zwischen den Menschen unterschieden, die privilegiert sind und denen, die echt zu kämpfen haben

Heute erzählt Theatermacher und Schriftsteller Björn Bicker warum uns Menschen Nudeln, Dosenfleisch und Klopapier nicht reichen, um zu "überwintern". Unsere Seele, braucht auch noch anderen Stoff zum gut leben .

Von: Björn Bicker

Stand: 18.03.2020

Der Schriftsteller und Theatermacher Björn Bicker. | Bild: BR

Heute Früh habe ich dieses Buch, das ich meinen Kindern schon so oft vorgelesen habe, wieder aus dem Regal gezogen: Frederick. In diesem Buch von 1967 erzählt der Autor Leo Lionni mit ein paar sparsamen Sätzen und entzückenden Bildern, die Geschichte einer kleinen Feldmaus, die sich bei ihren Mitmäusen unbeliebt macht, weil sie sich weigert, Vorräte zu sammeln, Nüsse zu horten, Stroh einzuholen für den Winter. Frederick sammelt Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Und als es dann so weit ist, die Mäuse im Winter in ihren Löchern sitzen und sich fürchten und langweilen und kurz davor sind, echt depressiv zu werden, da wird Frederick zu ihrem Helden. Er packt seine Sonnenstrahlen, seine Stories, seine Träume aus und unterhält die Mäusecommunity. Mit Geschichten. Mit Erinnerungen und Visionen.

Wir leben in der rote Zone - wir bleiben fern

Das ist ein Kinderbuch. Einfach gestrickt. Es erzählt davon, was für komplizierte Wesen wir Menschen sind. Nudeln, Dosenfleisch und Klopapier reichen uns nicht, um zu überwintern. Unser Geist, unsere Seele, braucht auch noch anderen Stoff zum Überleben, zum Weiterleben, zum gut leben. Sonst werden wir schwermütig. Hoffnungslos vielleicht. Gewalttätig gegen uns selbst oder andere. In dem Buch setzen sich alle um den kleinen Frederick herum und hören ihm zu. Frederick ist ein DJ, ein Singer Songwriter, ein Schriftsteller, ein Slam Poet, ein Entertainer, ein Stand up Comedian. Ein Träumer. Die Leute versammeln sich, um seine Geschichten zu hören. Das wärmt und inspiriert sie und gibt ihnen Hoffnung. Sie sind versöhnt und nicht mehr sauer auf den kleinen Tagedieb, der zu keiner Arbeit taugt.

Jetzt ist es so, dass wir uns nicht versammeln sollen, aus gutem Grund, damit wir uns nicht so schnell anstecken; wir wollen solidarisch sein, den Alten, den Kranken, den gefährdeten Menschen gegenüber. Wir leben in der roten Zone und vereinzeln uns, wir bleiben fern, wir sind vorsichtig, wir haben Angst, wir nehmen uns nicht mehr an die Hand, wir küssen uns nicht ungeplant, wir tanzen nicht in engen Räumen, wir verzichten, weil wir Menschen sind, weil wir verstehen, dass es sinnvoll ist, ein paar Bedürfnisse eine Zeitlang hinten an zu stellen. Gerade weil wir wissen, dass gerade in der roten Zone zwischen den Menschen unterschieden wird, die privilegiert sind und denen, die echt zu kämpfen haben. Das gilt weltweit. Es wird noch härter für Arme, Kranke, Alte, prekär Beschäftigte, Menschen, die auf der Flucht sind. Aber trotzdem: welche Geschichten wollen wir uns angesichts dieser Lage erzählen? Wie lenken wir uns ab? Wie stärken wir unseren Gemeinsinn?

Viele haben Angst und jeder geht anders damit um

Vorgestern wollte ich mit meinem kleinen Sohn zum letzten mal Tischtennis spielen, bevor alles dicht gemacht würde. Auf dem öffentlichen Spielplatz bei uns vor dem Haus. Als wir an der Platte angekommen waren, hatte schon jemand ein Verbotsschild an das metallene Netz angebracht. Mein Sohn war sauer. Und erschrocken. So was haben wir beide noch nie erlebt. Wir sind etwas bedröppelt wieder auf die angrenzende Wiese gegangen. Zehn Minuten später kamen ein paar Erwachsene und haben trotzdem Tischtennis gespielt. So als wäre nichts gewesen. Sie hat das Schild offenbar gar nicht interessiert. Mein Sohn wurde sehr wütend. Ich habe lange mit ihm darüber gesprochen, wie unterschiedlich die Menschen sind, dass nun viele Leute Angst haben. Und jeder ganz anders damit umgeht. Der eine kauft Klopapier, der andere hält sich an Regeln, wieder ein anderer hört laut Musik, manche erzählen sich Geschichten.

Das Radio könnte auch so ein Frederik-Lagerfeuer sein, denke ich. Hallo Hörerin, hallo Hörer. Wir sind weit entfernt voneinander. Und ich frage mich wirklich, welche Geschichten wir uns gerade erzählen sollten. Woran wollen wir uns wärmen. Ich für meinen Teil spüre ganz stark, dass ich Sehnsucht habe nach Mut machenden Stories. Nicht nach Schmelz oder Idylle, nein, ich habe Sehnsucht nach Geschichten, die von Mitgefühl und Solidarität handeln.

"Das Finaznamt wird mir schon nicht aufs Dach steigen"

Heute früh habe ich beim örtlichen Finanzamt angerufen. Ich habe dem Sachbearbeiter erklärt, dass ich Freiberufler bin, Schriftsteller, Theatermacher, dass meine Einnahmen gerade wegbrechen. Theatertantiemen gibt es nicht mehr, weil die Bühnen geschlossen sind,  Lehraufträge werden abgesagt, weil die Schulen und Hochschulen dicht gemacht haben, Lesungen und andere Veranstaltungen werden gecancelt, weil die Literaturhäuser keine Leute mehr rein lassen. Deshalb habe ich gefragt, ob ich meine Steuern auch später bezahlen darf, um die nächsten Monate zu überbrücken. Der Sachbearbeiter war nett und beruhigte mich, dass sie bereits die Anweisung haben, sehr kulant mit solchen Anliegen umzugehen. Ich könne sicher sein, dass mir das Finanzamt nicht aufs Dach steigen werde. Ich solle eine Email schreiben. Das habe ich getan. Aber es könne dauern, sagte er noch. Jetzt warte ich, was passiert. Aber ich bin eigentlich ganz guter Dinge. Mal schauen, wie es morgen aussieht.

Björn Bicker ist freier Hörspiel-Autor bei Bayern 2.


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