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#failoftheweek Der Mund-Nasenschutz lässt Gesichtserkennungstechnologie alt aussehen

Überwachung, Identifizierung, Kontrolle: Die Technologie der automatisierten Gesichtserkennung sollte viele Bereiche revolutionieren. Doch dann kam Corona und mit Corona kam der Mund-Nasen-Schutz. Für die Brache ist das ein echtes Problem, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 06.11.2020

Zwei Menschen mit Masken schießen ein Selfie. | Bild: picture alliance/Vyacheslav Prokofyev/TASS/dpa

Es ist ein Schminkvideo der ganz besonderen Art: Die Youtuberin Anne Onymous erklärt, wie man Make-Up auf seine Visage so aufträgt, dass einen automatisierte Gesichtserkennungssysteme nicht erkennen. Und das ist eigentlich ganz einfach: Hier ein schwarzes Dreieck unter das Auge geschmiert, da mal einen fetten Balken über die Braue gepinselt und dann noch drei schwarze Striche über das Kinn. Man sieht jetzt zwar total scheiße aus, aber immerhin wissen die Algorithmen nicht, wer genau da eigentlich so scheiße aussieht. Vor einiger Zeit waren sie noch ziemlich „in“, die Workarounds, um automatisierte Gesichtserkennungssysteme auszutricksen. Künstler entwickelten Masken aus dem 3D-Drucker oder experimentierten mit unkonventionellen Frisuren, die aussahen, wie ein auf Cyberpunk gebürsteter Wischmop - und das nur, um die Algorithmen von Überwachungskameras in die Irre zu führen.

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Make-up tutorial: How to hide from facial recognition | Bild: FUSION (via YouTube)

Make-up tutorial: How to hide from facial recognition

Es mag ja vieles schlecht sein an Corona, aber immerhin hat das Virus Bürger, die um ihre Privatsphäre besorgt sind, davor bewahrt, Quatsch mit ihren Haaren anzustellen. Denn mit Covid19 kam der Mund-Nasenschutz. Und so ein Mund-Nasenschutz verdeckt Gesichtspartien, die zentral sind für so eine automatisierte Gesichtserkennung. iPhone-Nutzer wissen, dass sich das Smartphone nicht entsperren lässt, wenn man eine Maske aufhat – und das wird sich so schnell nicht mehr ändern. Laut Apple-Ingenieuren könnte man den Algorithmen vielleicht sogar beibringen, das Handy anhand anderer Gesichtspartien freizugeben, die durch die Masken nicht verdeckt sind. Zugleich würde dann aber die Sicherheit darunter leiden, weil weniger Merkmale zur Bestimmung der jeweiligen Identität herangezogen werden können. Im Klartext: Vielleicht kann ich dann noch mein Handy per Gesicht aufmachen, aber irgendwer anders kann dann auch mein Handy per Gesicht aufmachen - und das nur weil meine Glabella (Hautregion zwischen den Augenbrauen) gar nicht so einzigartig ist, wie ich bislang dachte.

Mund-Nasenschutz verdeckt zentral Gesichtspartien für Face ID

Gesichtserkennungssysteme haben also ein Problem und dieses Problem wird sich technisch nicht so ganz einfach lösen lassen, wie auch das National Institute for Standards and Technology in umfangreichen Tests herausgefunden hat. Das Ergebnis: Sogar, wenn man die Maske eher im legeren Laschet-Style trägt, überfordert das die Gesichtserkennung. Ein Problem auch für die olympischen Spiele in Tokio. Dort war geplant, automatisierte Gesichtserkennung einzusetzen, um beispielsweise Journalisten, Helfer oder Athleten zu verifizieren. Angeblich sollte man die Leute auf diese Weise doppelt so schnell durch die Drehkreuze scheuchen können. Die Frage allerdings ist, ob das auch gilt, wenn jeder erstmal seine Maske abnehmen muss, um freundlich in eine Kamera zu grinsen.

Und so trifft Corona nicht nur Gastronomen, Künstler, Fitnessstudiobetreiber und Kinobesitzer, sondern auch die Branche der Gesichtserkennung, die eigentlich am boomen war. Freuen dürften sich darüber vor allem Bürgerrechtler, die der automatisierten Gesichtserkennung seit jeher kritisch gegenüberstehen, vor allem natürlich dann, wenn sie zur Überwachung eingesetzt wird: zu unsicher, zu fehleranfällig, zu 1984. Im Januar erst kam heraus, dass die Firma Clearview AI eine Datenbank von drei Millionen Gesichtern aufgebaut hatte, welche sich das Unternehmen illegal aus dem Internet zusammengeklaubt hatte – ein gewaltiger Skandal. Damals hatte sich schon angebahnt, dass 2020 noch ein echtes Krisenjahr für die Gesichtserkennungstechnologie werden würde. Jetzt hat sich das bewahrheitet: Nur – ist das Problem nicht der fehlende Datenschutz. Es sind die fehlenden Gesichter.


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