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"Coriky" Coriky sind Minor Threat für die zweite Lebenshälfte - ohne Dogmen, aber immer noch mit Prinzipien

Ian MacKaye aus Washington D.C. war einer der Vorreiter der Straight Edge-Bewegung in den 80ern und 90ern. Er spielte in Bands wie Minor Threat oder Fugazi. Viele Kids haben ihn als Vorbild, wenn es um ein drogenfreies Leben geht. Das nervt. Auch darum hat er mit Coriky ein neues Projekt.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 08.06.2020

Es bringe ihn um den Verstand, so beklagte sich Ian MacKaye schon vor zehn Jahren, wenn ihn jemand fragt, ob er immer noch ohne Drogen, ohne Sex, ohne Konsumwahn lebt.

"Can you imagine how many motherfuckers have asked me if I’m still Straight Edge? I had a kid yesterday who asked me on the phone. It just drives me crazy."

 Ian MacKaye in der Doku Edge

Heute sagt er, jeder soll doch so leben, wie er leben will. Ein Eistee mit Zucker und Koffein für Ian? Heute kein Thema mehr. Anfang der 80er war das noch anders, als er von Washington D.C. aus die Straight-Edge Bewegung mit seiner Hardcore-Band Minor Threat mitgegründet hat: Es ging darum, absolut im Moment zu leben, aber die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen - jenseits von Rausch und Wahn. 

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FUGAZI - Live Archives | Bild: MOWNO (via YouTube)

FUGAZI - Live Archives

„Warum wird Musik behandelt wie das Nebenprodukt einer Party? Nur um sich abzuschießen?", erzählt MacKaye in der Doku "Edge". "Ich versteh’s einfach nicht. Jedes Mal wenn mich jemand fragt: Lebst du immer noch den Straight Edge-Lifestyle, denke ich: Es ist kein verdammter Lifestyle. Party machen - das ist ein verdammter Lifestyle. Einen durchziehen - das ist ein Lifestyle. Religiös sein - das ist ein Lifestyle. Aber wenn ich mir eben nicht irgendwelche Substanzen einführe, die mein Denken verändern - das ist doch das echte Leben."

Keine Interviews zur Platte - die Musik wird sich dann selbst vorstellen

Ian MacKaye war nie ein Straight Edge-Prediger, aber er hat seine Prinzipien, auch heute noch. Nach dem Post-Hardcore von Fugazi und dem Duo The Evens höre ich im Januar das erste Mal von seinem neuen Projekt Coriky, das er zusammen mit Ehefrau Amy Farina und Ex-Fugazi-Bassist Joe Lally hochgezogen hat. Im Mai fragen wir ein Interview zum Debütalbum an, über sein DIY-Label Dischord, das dieses Jahr 40 wird. Die Antwort kommt per Mail von Ian persönlich: "Wir haben uns entschieden, keine Interviews zur neuen Platte zu geben, weil wir glauben, dass sich zu diesem Zeitpunkt doch wieder alles nur um historische Themen drehen würde - wie unsere alte Band Fugazi. Wir wollen die Platte veröffentlichen, die Musik wird sich dann selbst vorstellen."

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Clean Kill | Bild: Coriky - Topic (via YouTube)

Clean Kill

Außerdem könne man über die Platte eh nur diskutieren, wenn man sie live gehört hat, was mit der Pandemie gerade schlecht möglich ist. Ganz die alte Schule, der coole DIY-Spirit - und offensichtlich ist Ian immer noch genervt von Fragen zur Straight Edge-Vergangenheit. Dabei leben Coriky im Hier und Jetzt, das Trio macht sich über Trumps Protz und Pomp lustig. Die Band denkt an Trumps Amtseinführung in ihrer Heimatstadt Washington zurück, den “Inauguration Day”. Der vielleicht beste Song der Platte, “Clean Kill”, schießt gegen die Absurdität von Drohnenkriegen.

Vorahnend mahnen Coriky bei all der Wut zu Vernunft

Wir hören Songs mit aktuellen Bezügen, aber auch das, was das Ehepaar Farina und MacKaye schon länger loswerden wollte. Zum Beispiel, wie man mit einem heute 12-jährigen Sohn eine Tour und den stressigen Label-Alltag stemmt. “Too Many Husbands” etwa macht diesen struggle hörbar. Auf “Have A Cup Of Tea” fühlt man sich dann wieder am ehesten an alte Fugazi-Zeiten erinnert, wenn Ian sich den Frust, der aus seinem Mund kommt, aus dem kleinen Zeh hochzieht. 

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Have a Cup of Tea | Bild: Coriky - Topic (via YouTube)

Have a Cup of Tea

Auf “Have A Cup Of Tea” ahnen Coriky die Black Lives Matter-Riots in Washington voraus und mahnen bei all der Wut zu Vernunft - mit wunderschönen Zeilen: What has grown, can be disowned, it’s not what you found, but what can be found in you. Was gewachsen ist, kann man auch ablehnen bzw. ablegen. Coriky sind also sowas wie Minor Threat für die zweite Lebenshälfte - ohne Dogmen, keine Radikalinskis, dafür mit noch mehr Vernunft, mit Lebenserfahrung, mit Vertrauen.

Vor 40 Jahren hatte Ian MacKaye vielleicht andere Prinzipien als heute, aber immer noch geht es auch um die Umwelt: Coriky wird nämlich erstmal nicht auf Platte und CD erscheinen, sondern nur digital. Der umweltfreundliche Gedanke dahinter: Dischord will keine 1.000 Platten herstellen, wenn nur 100 verkauft werden. Heißt für uns: Je mehr Nachfrage unser Album der Woche digital hat, desto schneller werden wir auch die Platte in den Händen halten. 


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