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Zündfunk Netzkongress Wie uns Programmierer*innen vor der Diktatur der Algorithmen retten können

Der Einsatz von Algorithmen kann viele Probleme mit sich bringen. Ein falsch programmierter Algorithmus kann zum Beispiel viele Menschen diskriminieren. Eine Gruppe Programmierer*innen versucht jetzt, Lösungsansätze zu entwickeln, die so etwas in Zukunft verhindern.

Von: Aylin Dogan

Stand: 23.10.2019

Programmcode mit Auge und abstraktem Technologie Hintergrund mit Server Racks und vielen Lichtern | Bild: picture alliance / Klaus Ohlenschläger

Algorithmen sollen uns das Leben erleichtern. Schließlich sind sie nicht so beratungsresistent wie wir Menschen. Sie sind Maschinen und lernen, was auch immer man in sie hineinstopft. Aber im Gegensatz zu uns Menschen fehlt ihnen das Bewusstsein, was sie mit ihrem Wissen anstellen. Sie machen einfach. Mit genau der Moral, die man ihnen programmiert hat. Das kann ganz schön riskant sein. Deswegen hat sich vor zwei Jahren unter dem Motto „Think before you code“ die Münchner Initiative Conscious Coders gegründet. Alexander Ladwein ist einer der Conscious Coders. Und drängt auf Verantwortung.

Großer Algorithmus? Große Verantwortung!

„Die Verantwortung kommt daher, wie die Sachen, die man entwickelt, nachher funktionieren“, sagt Alexander Ladwein. Wichtig sei es, zu überprüfen, ob die Algorithmen fair sind, den Datenschutz nicht verletzen und bestimmte Gruppen nicht benachteiligen. „Das sind eben oft sehr kleine Sachen, die man beim Programmieren, wenn man sich eben nicht seiner Verantwortung bewusst ist, übersieht. Die können aber riesige Auswirkungen haben."

Die Conscious Coders verstehen sich als Think Tank, ihre Initiative wird demnächst zum Verein „ThinkTech e.V.“. Studierende unterschiedlicher Fakultäten, Doktorandinnen und Entwickler tauschen sich regelmäßig in vier interdisziplinären Gruppen aus. In der Fairness-Gruppe geht es zum Beispiel darum, Kriterien zu definieren und sie auf den Algorithmus anzuwenden. Wie kann man einem Algorithmus beibringen, gerecht zu sein? Werden bestimmte Gruppen benachteiligt? Und wie sieht man scheinbar neutralen Daten vorher an, ob sie nicht schon ein gewisses Framing mitschleppen?

Neutrale Daten? Der Schein trügt

Lukas Pöhler, einer der Gründer, nennt ein Beispiel: Wikipedia. „Es gibt verschiedene Studien, die aussagen, dass die Artikel zwischen 80-90% von Männern geschrieben wurden“, sagt er. Das heißt, wenn man Wikipedia als Datenset für Sprache nehme, ergäbe das automatisch einen Bias. Ein Alogrithmus, der wie ein Mensch sprechen soll, würde sprechen wie ein Mann.

Wikipedia Artikel werden bis zu 90 Prozent von Männern verfasst.

„Die Daten sind schon von der männlichen Sichtweise geprägt. Und das könnte auch so ein Kriterium sein, dass wir sagen, dass wir auf die Daten schauen wollen.“ Lukas Pöhler will deshalb fragen, ob die Daten wirklich neutral sind und alle Bevölkerungsgruppen angemessen repräsentieren. Wichtig sei, dass sie nicht von einer kleinen Gruppe dominiert werden.

Algorithmen können auch die Umwelt verschmutzen

Neben der Fairness achten die Conscious Coders auch auf den Umweltaspekt. Die Systeme verbrauchen Unmengen an Energie, was den Programmierern klar sein sollte. So war eine Idee zum Beispiel, ein Plugin zu entwickeln, das Programmierer*innen schon beim Programmieren vorhersagt, wie viel Energie das System kostet. Dieses Plugin könnte auch alternative Modelle vorschlagen, die weniger Energie verbrauchen, aber ein ähnliches Ergebnis liefern würden, sagt Alexander Ladwein. Nachhaltigkeit und Transparenz. Das ist den Codern wichtig. Nicht nur bei der Energiebilanz. Auch die Algorithmen soll man besser verstehen können. Wieso handelt ein Algorithmus, wie er handelt? Und wieso stößt er manchmal an seine Grenzen?

Conscious Coder Lukas Pöhler

Schließlich beschäftigen sich die Coders dann doch auch mit den uns gängigen Algorithmen auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Sie steuern unser soziales Leben online und haben einen massiven Einfluss auf den politischen Diskurs dort. Unter dem Themenbereich „Digitale Demokratie“ beobachten die Coders, was es mit uns macht, wenn wir nur die auf uns abgestimmten Posts sehen. Das generiere oft Filterbubbles. Man bekommt nur gezeigt, was man mag und liket. „Die Frage ist eben, wie wir die Blasen aufbrechen können. Wie wir es schaffen, pluralistischen Dialog zu etablieren“, sagt Lukas Pöhler. Er will die Leute herausfordern, durch eine andere Meinung. Die Hoffnung: „Dass sich das in den sozialen Medien etabliert“.

Die bestmöglichste Auswirkung der Technik auf das Individuum und auf unsere Demokratie: Das ist das Ziel der Conscious Coders. Denn Technik per se ist weder gut noch schlecht. Aber verantwortungsvoll codiert wird sie besser.

Die Conscious Coders werden auch auf dem Zündfunk Netzkongress präsent sein. Tickets für den Netzkongress am 8. und 9. November 2019 in München sind jetzt verfügbar!


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