Bayern 2 - Zündfunk


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Bright Eyes im Lockdown-Interview "Ich hoffe sehr, dass sie das lesen: F*** you, Spotify"

Mit "Down in the Weeds, Where the World Once Was" vertont Oberst Conor intime Trauer. Die Albumproduktion war intensiv – und gleichzeitig eine Reunion der Bandfamilie, nachdem sie neun Jahre durch Soloprojekte getrennt war. Dann kam Corona. Der Lockdown. Und irgendwie hatten sie sich ihr Comeback auch anders vorgestellt.

Von: Roderich Fabian

Stand: 26.08.2020

Band Bright Eyes | Bild: Dead Oceans / Cargo

Bright Eyes sind zurück! Das Comeback fällt in eine globale Pandemie. Mit den Lockdowns ist es das Jahr der Zoomcalls, der Skypegespräche, der Teamsmeetings. Während jeder von uns irgendwo sitzt und harrt. Roderich Fabian interviewt die Bandmitglieder ebenfalls digital. Nate Walcott sitzt in Los Angeles, wo er auch lebt und Conor Oberst in Omaha, Nebraska! Wo sonst?! Das ist seine Heimat, die er weltberühmt gemacht hat.

Zündfunk: Lasst uns über euer neues, sehr tolles Album sprechen: “Down In The Weeds, Where The World Once Was”. Was steckt hinter dem Titel?

Conor Oberst:  Ich hatte die Idee zu einem Daumenkino, in dem auf jeder Seite eine Zeile steht, mit einer kleinen Animation. Ich wollte ein Gedicht schreiben, gewidmet meinem Bruder Mattie, der vor vier Jahren verstarb. Inmitten des Schaffens wurde mir klar, ich bin kein Poet. Ich schreibe Songs, aber nicht unbedingt Gedichte. Das hat mich entmutigt. Als wir ein paar Jahre später mit der Aufnahme unseres Albums anfingen, fiel mir auf - die Themen meiner Songs waren doch die meines Gedichts. Und da ich den Titel nach wie vor mochte, nahmen wir ihn für unser Bright Eyes-Album.

Es ist das erste Bright Eyes-Album in neun Jahren. Warum seid ihr jetzt als Band zurückgekommen? Ihr seid alle sehr beschäftigt. Ihr hättet alle mit euren Projekten weitermachen können. Was war der Grund als Bright Eyes wieder was zu machen?

Nate Walcott: Weil es das ist, was wir lieben. Wir lieben es, zusammen zu arbeiten, Alben aufzunehmen. Und es war verdammt lang her. Wir waren alle an dem Punkt, wo Projekte zu Ende gingen. Unser Kalender haben es uns erlaubt, was aber nur ein Grund war. Es fühlte sich in unseren Leben in dem Moment einfach wieder richtig an. Wir alle arbeiten getrennt voneinander an verschiedenen Projekten. Wenn wir drei aber an einem Bright Eyes-Album arbeiten, dann ist das schon eine ganz eigene Sache - im besten Sinne. Das macht uns einfach Spaß.      

Conor Oberst: Ich sehe das genauso. Es war eine Kombination aus, wie Nate schon gesagt hat, unsere Kalender waren synchronisiert, aber wir sind auch alle gerade an einem Punkt in unserem Leben, wo die Idee eines Nach-Hause-Kommens wichtig war - ich will nicht klingen wie ein fucking Millenial, aber das ist wie ein Safe Space. Wir haben schon immer Musik zusammen gemacht, wir haben die Welt zusammen betourt, Millionenfach, unser ganzes Leben - zumindest in unseren jungen Jahren. 

Aber ihr kennt die Geschichten von Bands in der Geschichte, die sich getrennt haben, dann Solo-Karrieren verfolgt und dann nach Jahren wieder ein Comeback versucht haben. In den meisten Fällen hat das nicht funktioniert. 

Conor Oberst: Ja, die Geschichten gibt’s. Aber was uns davon unterscheidet: Unsere Freundschaft hat nie aufgehört. Unsere Zusammenarbeit hat nie aufgehört. Mike und Nate haben Musik für TV und Film gemacht all die Jahre. Und beide haben mich, zu unterschiedlichen Zeiten, immer wieder bei meinen Projekten unterstützt, zum Beispiel bei den Desaparecidos, Better Oblivion Community Center, bei meinem Solo-Zeug. Es ist nicht so, dass wir eine große Zeitspanne über Jahre hätten, wo wir nicht miteinander geredet hätten. Wir waren immer in Verbindung. 

Conor Oberst, allein im Lockdown

Das neue Album wurde geschrieben, um live gespielt zu werden. Die Tour war geplant. Jetzt geht das Corona-bedingt nicht. Wie hart ist das für euch?

Conor Oberst: Schrecklich. Wirklich schrecklich. Ich nehme gerade zwei Typen von Menschen in der Pandemie wahr. Es gibt die Leute, die sagen: Ich nutze die Zeit, um an mir zu arbeiten. Bin dabei produktiv, kreativ und blablabla. Und dann gibt es die Menschen, die wie ich sind: Liegen den ganzen Tag im Bett und wenn ich es aus dem Bett schaffe, esse und trinke ich was, geh eine Runde um den Block. Ich fühle diese Pandemie so sehr. Mir geht es nicht besonders gut. Ich versuche so viel zu schlafen wie möglich. Ich bin so froh, dass ich paar liebe Hunde hier habe. Wir liegen zusammen auf der Couch und schauen fern. Mehr machen wir nicht. Und ich habe sehr nette Mitbewohner hier. 

Ich schreibe keine neuen Songs momentan. Ich hab seit sechs Monaten keine Gitarre mehr angefasst. Ich kann gar nicht daran denken. Es gibt mir einfach gerade nichts. Ich bin momentan auf einem Level von Einsamkeit, das ich so nie gefühlt habe. Ich bin echt verzweifelt. 

Nate Walcott: Es ist eine harte Zeit gerade. Aber wir haben soviel Zeit miteinander verbracht und an dem neuen Album gearbeitet. Ich freu mich, wenn es jetzt veröffentlicht wird. 

Conor Oberst: Darüber freue ich mich auch. Normalerweise kommt die Platte raus, du spielst eine große Release-Show, du gehst auf Tour und all das. Nichts davon wird es jetzt geben. Und das fühlt sich falsch an. Aber wir haben zwei Jahre daran gearbeitet und ich wünsche mir, dass die Leute die Platte jetzt hören. Es fühlt sich einfach nicht normal an gerade.

Habt ihr gehört, was der CEO von Spotify gesagt hat: Das Ende der Album-Ära stehe bevor und Bands sollten alle zwei Monate neue Songs veröffentlichen? Was sagt ihr dazu?

Nate Walcott: Ich hab das gelesen, ich fand das furchtbar. 

Conor Oberst: Ich will, dass du das druckst: Sch**** auf Spotify. Die sollen zur Hölle fahren. Die wissen einen Sch**** über Musik. Und ich widerspreche den Aussagen zu 1000 Prozent. Die Kunstform Album ist eine der klassischsten Dinge in der Welt und wenn du das zerstören willst mit deinem schwedischen Kapitalismus-Bullshit, dann: F*** you. Ich hoffe sehr, dass sie das hier lesen: F*** you, Spotify. Sch*** auf den, der das gesagt hat. Bitte druckt das ab. Ich würde das gerne lesen.  

Aber sie beherrschen das Geschäft heutzutage. 

Nate Walcott: Das stimmt nicht. Ich glaube, damit müssen wir vorsichtig sein. Sie beherrschen das Geschäft nicht. 

Conor Oberst: Ich würde sagen, sie sind wie eine Cartoon-Figur eines Bösewichts. Wie in den alten Cartoons. Ich hasse sie so sehr. Sie sind wie Roboter, die das System bestimmen wollen. Die haben den Rock ‘n’ Roll nicht erfunden, sie machen ihn nach. Alle schwedischen Bands imitieren Amerikaner, die den echten Rock ‘n’ Roll spielen. Sie wissen selber gar nicht, wie man Rock ‘n’ Roll spielt. Wir Amerikaner haben den Rock ‘n’ Roll erfunden. Wie heißt diese eine Band? Refused? Wie heißt die Fake-Fucking-Hardcore-Band? Wollen wir jetzt mal über Chuck Berry reden? Wollen wir über den echten Shit reden? Über Leute, die tatsächlich wunderschöne, echte Musik gemacht haben, die keine Roboter sind? 

In Schweden gibt es aber auch sehr nette Menschen. 

Conor Oberst: Ich mag First Aid Kit. Aber das sind auch schwedische Folk-Roboter. Nenn mir einen Act aus Schweden, der nicht in Amerika erfunden wurde!

Was ist mit Abba?

Conor Oberst: Abba? Ist das dein ernst? Abba ist von Engländern inspiriert. Das zählt nicht.


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