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Comic über Öko-Influencer Gangsta-Ästhetik und Jesus-Jünger – wie cool ist Earthboi?

Earthboi zieht in die Wildnis und wird zum Öko-Influencer. Seine Follower erzählen seine Geschichte und schreiben das neue Evangelium – doch die gute Sache ist schwieriger als gedacht. Der neue Comic "Unfollow" passt erschreckend gut in den Zeitgeist. Wir haben mit seinem Schöpfer gesprochen.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 10.06.2020

Earthboi ist die Hauptfigur in dem neuen Comic "Unfollow". Ein junger Mensch, der aus dem Nichts auftaucht, sich mit den wichtigsten technischen Sachen eindeckt und sich dann in die Wildnis verabschiedet. Dort etabliert er sich zu einer Art Öko-Influencer.

Die Coolness des Öko-Influencer

Sein Schöpfer heißt Lukas Jüliger. Dass seine Figur Earthboi so viele Follower bekommt, erklärt der Autor und Zeichner so:  "Earthboi teilt sein Leben in der Wildnis. Und wird nach und nach zum Anführer einer globalen ökologischen Bewegung."

Ein Öko-Influencer also. Aber Influencer verfolgen doch indirekt ein Geschäftsmodell. Wie passt das zusammen? Earthboi lebt in der Natur und von der Natur und schaut aber, dass er möglichst wenig Spuren hinterlässt. Der ökologische Fußabdruck wird also wortwörtlich genommen.

Earthboi geht mit der Natur so achtsam um, dass er mit seiner Art zu leben kaum Spuren hinterlässt. Und weil ihn immer mehr Menschen cool finden, geht er auch mal Werbedeals ein - für die okay-esten Produkte. Alles für die Gute Sache. Und diese Deals bekommt er auch, weil er mega spannend aussieht: Eher schmächtig, lange Haare, und viele Tattoos. Aber keine Tribals, keine Gangabzeichen. Sondern ausgestorbene Tierarten, ein Wolfsgesicht und lateinische Tiernamen.

Rap, Jesus und das neue Evangelium

Lukas Jüliger, Schöpfer von "Unfollow"

Irgendwie sieht Earthboi aus wie … ein Rapper. Und aus der Ecke kommt auch die Inspiration von Lukas Jüliger: "Also Cloud-Rap hat da visuell auf jeden Fall eine Rolle gespielt. Jemand der irgendwie in die Natur gehen würde und off the grid sein leben teilen würde, würde wahrscheinlich nicht so aussehen. Sondern ein bisschen bulliger, kerniger und hippiemäßiger. Das will kein Mensch sehen. Dem Menschen würde ich nicht folgen. Jesus hat das ähnlich gemacht. Jesus sah nicht 100 prozentig so aus wie das, was Christen sich in der Kirche an die Wand nageln. Das ist ja ein Mythos, der geschaffen wird. Und heute kann man sich einen Mythos selbst im Internet schaffen oder sich selbst mystifizieren. Und natürlich hat jemand der aussieht wie earthboi mehr Follower. Der muss gut aussehen. Und interessant sein. Und zutätowiert im Gesicht."

Im Comic finden den Earthboi jedenfalls so viele Leute interessant, dass so langsam eine gemeinsame Utopie beginnt – digital, aber auch analog. Die Geschichte ist eine Art Evangelium, das von Earthbois Jüngern zusammengetragen wird. Und die aus ihrer Sicht seinen Weg erzählen, erklärt sein Schöpfer Lukas Jüliger: "Seine engsten Follower bauen seinen Mythos auf. Am Ende gibts einen Twist, an dem das Ganze auf den Punkt gebracht wird, dass es ein Evangelium ist. In dem sie die Grundlage für ihre Bewegung legen, die am Ende daraus wird. Es ist fast eine Art Kampfschrift."

Ein absolut untypischer Comic zur richtigen Zeit

Der Comic Unfollow hat auch was von einer althergebrachten Erzählung, als würde die jemand vorlesen und dazu kommen dann die Bilder. Es gibt keine einzige Sprechblase. Sondern so Erzähltext. Und dann tauchen die Bilder auf, so als würden wir einen Roman lesen und dazu in unseren Köpfen Bilder entstehen lassen.

Earthboi ist kein pädagogisches Schulbuch für Ökobewusste. Dafür fehlt der Kitsch. Earthboi ist dark. Er inhaliert den Geruch von verstorbenen Tieren und muss sich mit rabiater Gewalt auseinandersetzen. Aber natürlich passt die Figur in den Zeitgeist, auch wenn das nicht geplant war, wie Jüliger erzählt: "Ich war Ende 2018 fertig mit den Schreibarbeiten. Da gabs ja noch keine Spur von Rezo oder Greta Thunberg und Fridays For Future. 2019 begann ich erst zu zeichnen. Und da hatte ich ein bisschen Sorge, dass man mir irgendwie ankreiden könnte, ich hätte mich dem angepasst. Aber es war eher so: Die Welt hat sich meiner Erzählung angenähert und nicht andersrum."


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