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Generator Podcast Diese Graphic Novels zeigen München von seiner dunklen Seite

Außenseiter, Verlierer und Spinner bevölkern die Werke der Comiczeichner Frank Schmolke und Uli Oesterle. Ihre Graphic Novels basieren auf ihren eigenen Erfahrungen. Sie blicken in die Abgründe der Gesellschaft – und Münchens.

Von: Markus Metz

Stand: 08.10.2021

Der Münchner Taxifahrer Vincent ist geprägt vom Leben unterwegs auf den Straßen und den Begegnungen mit verrückten, hilfsbedürftigen, bösartigen und auch stinknormalen Menschen. Als seine sechzehnjährige Tochter Anna während des Oktoberfests verschwindet, muss Vincent noch einmal tief eintauchen in die Welt von Drogen, Sex, Kriminalität und Gewalt, in der auch Taxifahrer nicht vollkommen unschuldig bleiben können.

In seiner Graphic Novel „Nachts im Paradies“ hat der Illustrator und Comiczeichner Frank Schmolke seine langjährigen Erfahrungen als Taxifahrer verarbeitet. „Immer wenn ich keine Aufträge hatte oder die Waschmaschine kaputt war, bin ich ins Taxi gestiegen“, erinnert er sich. Wenn nicht gerade Wiesn- oder Messezeit sei, bedeute das, viel rumstehen und warten. Dann habe er die ersten Skizzen für „Nachts im Paradies“ gemacht.

In „Nachts im Paradies“ sucht ein Vater seine Tochter.

„Das waren Figuren, die ich tatsächlich dann entweder in dieser Nacht noch oder in den Nächten davor im Taxi hatte“, sagt Schmolke. Er habe seinen Fahrgästen dann gedanklich Tierköpfe aufgesetzt. Je nachdem, woran sie ihn erinnerten, „an ein Rhinozeros oder Haifisch – je nach Ausstrahlung“, zum Beispiel.

Die Werke von Frank Schmolke stehen ebenso wie jene des Comiczeichners Uli Oesterle für ein eigenes, dunkles Genre: den Film Noir unter den Graphic Novels. Ihren spezifischen Noir-Touch haben sie in Geschichten aus und über München entwickelt. Beider Werke bevölkern Außenseiter, Verlierer und Spinner, sie bewegen sich in einer Welt, die weder von „Gemütlichkeit“ noch von „Weltstadt mit Herz“ viel wissen will.

Gestalten wie aus einem Film Noir

In „Nachts im Paradies“ lässt Frank Schmolke einen Münchner Taxifahrer nach seiner verschwundenen Tochter suchen. In Uli Oesterles „Hector Umbra“ kämpft sich die Hauptfigur auf der Suche nach seinem Freund Osaka durch einen unheimlichen Münchner Untergrund, wo fiese Dämonen finstere Pläne verfolgen, denen nur tiefstes Schwarz Einhalt gebieten kann. Schmolke und Oesterle zeichnen ein expressives und gespenstisches München.

Schwärzer als die Nacht? – „Vatermilch“

München kann also sehr schwarz sein. Schwärzer als die Nacht, wie es bei Raymond Chandler heißt. Davon zeugen auch Kriminalromane und Filme. Eine Serie wie „München Mord“ zeigt eine Stadt, die nicht nur vor Kriminellen, sondern auch vor Korruption und Wahnsinn strotzt. Selbst der langlebige München-Tatort führt gelegentlich in sehr finstere Teile dieser Stadt, von der vor allem das angebliche „Leuchten“ bekannt ist.

Gerade das ist es, was Uli Oesterle an München reizt. „Es geht eben nicht alles nur so geleckt zu“, sagt er. „Sondern es gibt Schattenseiten, nämlich die Obdachlosigkeit und die Armut, und die Schere zwischen arm, reich und superreich ist sehr viel größer als vielleicht in Berlin und Hamburg.“

In „Vatermilch“ erzählt Oesterle seine eigene Familiengeschichte

„Vatermilch“ handelt von Oesterles Vater.

Uli Oesterles vierbändig konzipierten Epos „Vatermilch“ ist, wie er selbst sagt, „eine Liebeserklärung an die Stadt“. Er wagt sich darin auch an seine eigene Familiengeschichte, spürt seinem Vater nach: Typ leichtlebiger Stenz der siebziger Jahre. Einer, der seine Familie verlässt, für 35 Jahre fast komplett aus deren Leben verschwindet und als Obdachloser endet.

„Da es eine fiktionalisierte Biografie ist, kann ich mir immer die Freiheit nehmen, zu sagen: ‚Das entspricht der Wahrheit, und das nicht.‘“ – sagt Oesterle. „Wobei ich eigentlich ganz ein schlechter Lügner bin.“

Das Medium Comic, das zeigen die Graphic Novels von Uli Oesterle und Frank Schmolke, eignet sich besonders, um ein vielschichtiges Bild einer Stadt und einer Gesellschaft zu entwerfen. Denn der Comic kann etwa mit einer Stadt als Kulisse völlig frei umgehen. Und dadurch ihre Abgründe freilegen.

„Vatermilch: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss (Vatermilch 1) und „Hector Umbravon Uli Oesterle sind bei Carlsen erschienen. „Nachts im Paradiesvon Frank Schmolke ist bei Edition Moderne erschienen.

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