Bayern 2 - Zündfunk

Zur Entwicklung des öffentlichen Humors Deutsche Comedy diskriminiert zu oft - noch

Was darf Satire? Darüber wird zur Zeit viel diskutiert. Darf Lisa Eckhart Witze über Juden machen, Serdar Somuncu das N-Wort benutzen? Humor steht auf dem Prüfstand. Roderich Fabian fasst Thesen und Antithesen für uns zusammen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 09.10.2020

Michael Bully Herbig | Bild: herbX film/Jürgen Olczyk

Kennste den?: „Meine Frau kuckt Pornos immer bis zu Ende. Weil sie glaubt, am Schluss wird geheiratet.“

Ein Herrenwitz von Fips Asmussen. Im August dieses Jahres ist der Hamburger Witzemacher und Zoten-Reißer gestorben, im Alter von 82 Jahren. Fips Asmussens Witze waren nicht nur frauenfeindlich, sondern gelegentlich auch homophob oder rassistisch. Dabei war der Mann kein Menschenfeind. Er bediente eher die Klischees, wie ein deutscher Nachkriegs-Witz so zu klingen hatte. Und die besonders billige Nummer waren halt immer Scherze über die naive Ehefrau oder den schwulen Nachbarn. Aber ist mit Asmussen auch Opas Herrenwitz aus unserer Kultur verschwunden? Natürlich nicht. Schließlich gibt es Mario Barth, der mit seinen Flachwitzen Stadien füllt. Und es gibt Bully Herbig, der seit Jahrzehnten glaubt, tuntiges Verhalten sei unglaublich lächerlich.

Manche Gags gehen heute nicht mehr

Der im August verstorbene Fips Asmussen

Bully Herbig erklärt Til Schweiger in „Traumschiff Surprise“ das Wesen der Frauen. Diese Art von Humor war bis vor wenigen Jahren noch Standard. Frauen und queere Menschen lachten zur Sicherheit eher mit, wenn Witze auf ihre Kosten gemacht wurden, um nicht als Spaßverderber dazustehen.

Doch da ändert sich gerade etwas. Nicht jeder findet es mehr witzig, wenn man über angeborene Eigenschaften spottet. Gerade in Sachen Humor ist eine neue Sensibilität darüber erwacht, auf wessen Kosten der jeweilige Witz eigentlich geht. So ist in Wien das Duo „Politically Correct Comedy Club“ entstanden, das vorführt, dass man auch komisch sein kann, ohne andere zu beleidigen.

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PCCC* #12: Elena Wolff war zu begabt für Wien | Bild: Stand-Up Comedy (via YouTube)

PCCC* #12: Elena Wolff war zu begabt für Wien

Aber schon melden sich die Mahner: Wenn der Humor der Zukunft davon geprägt sein würde, möglichst niemanden mehr zu beleidigen, indem man sie oder ihn durch den Kakao zieht, dann würde es vielleicht doch bald viel weniger zu lachen geben. Im Gespräch ist deshalb die begrenzte Möglichkeit, nur noch „nach oben“ zu treten, also Witze über Reiche und Mächtige, über Privilegierte und Glückspilze zu machen. Die Schweizerin Hazel Brugger stellt zum Beispiel immer wieder Machtverhältnisse in Frage.

Comedy muss nicht diskriminieren

Hazel Brugger ist der lebende Beweis, dass es auch andersherum geht. Politische Comedy, die man heute nicht mehr so gerne Kabarett nennt, weil das immer ein bisschen nach Adenauer riecht - politische Comedy steht im Zusammenhang mit dem Wunsch nach einer größeren Gerechtigkeit natürlich besonders im Fokus.

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Impro-Talk mit Hazel Brugger | Die Carolin Kebekus Show | Bild: Comedy & Satire im Ersten (via YouTube)

Impro-Talk mit Hazel Brugger | Die Carolin Kebekus Show

Dieter Nuhr, immerhin mit einer eigenen Show in der ARD ausgestattet, reagierte in den letzten Monaten zunehmend genervter auf Kritik. Der bald 60-Jährige, dem man zwar kaum Rassismus und Sexismus vorwerfen kann, der dafür eher neoliberale Standpunkte vertritt, inszeniert sich inzwischen gern als Opfer.

Auf wessen Kosten geht Humor?

Nuhr mal kurz die eigenen Privilegien hinterfragen, oder?

So holt sich Dieter Nuhr nicht nur von den Konservativen Beifall, sondern natürlich auch von der Rechte Szene. Was Dieter Nuhr nicht tut, ist, seine ungeheuren Privilegien zu checken, die ihm seine Stellung verschafft, und seine Meinungsfreiheit zu feiern. Tatsächlich sollte immer geprüft werden, auf wessen Kosten Scherze gehen.

Der britische Großkomiker Ricky Gervais - man kennt ihn aus den Serien „The Office“ oder „After Life“ und als bissiger Präsentator der Golden Globes - bringt es auf den Punkt: Es gibt kein schlechtes Thema für einen Witz. Thema und Ziel eines Scherzes sind oft nicht das Gleiche. Das heißt ganz einfach: Lächerliches Verhalten - von wem auch immer- darf weiterhin aufs Korn genommen werden. Nur Diskriminierung kommt nicht mehr in Frage. Es müsste doch für halbwegs clevere Komiker ein Leichtes sein, so etwas umzusetzen.